Das Ende nach 25 Jahren, weil vor allem junge Mitglieder fehlen

Tschernobylhilfe Rotenburg löst sich auf

Immer dabei: Rudolf Schwiebert hat sich um die Finanzen gekümmert.
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Immer dabei: Rudolf Schwiebert hat sich um die Finanzen gekümmert.

Rotenburg – Fünf Jahre ist es jetzt her. Damals, 2016, war Rudolf Schwiebert noch guter Dinge. Nicole Glitz hat den Vorsitz im Verein Tschernobylhilfe Rotenburg übernommen. Eine personelle Entscheidung, die beflügelte: „Wir hoffen sehr, dass neben Nicole Glitz schon bald weitere jüngere Mitglieder in unseren Verein kommen und auch Verantwortung übernehmen“, so Schwiebert in einem Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung. Fünf Jahre später sieht die Welt für diesen 1996 gegründeten Verein allerdings ganz anders aus: „Vor Ihnen steht ein trauriger Mann“, erklärt der inzwischen 81-jährige Schatzmeister bei der Abschlussfeier im polnischen Masuren am Ende des letzten Hilfstransportes. Jetzt ist Schluss; der Verein löst sich zum Ende dieses Jahres auf.

41 Mitglieder waren es mal in besseren Zeiten. Heute sind nur noch 13 Frauen und Männer mit von der Partie. Zu wenig. Und zu alt. „Vier der Hauptakteure sind heute über 80 Jahre alt“, erzählt Schwiebert. Seit 15 Jahren fährt dieser harte Kern des Vereins in das nordöstliche Polen. Mit dem Lastwagen steuern sie ein bis zwei Mal im Jahr den Patenkreis Angerburg, aber auch Rastenburg und Lötzen an. Sozialstationen und Schulen sowie Kirchengemeinden sind die Abnehmer von Kleidung, medizinischen Hilfsmitteln, Wäsche und Schuhen. „Eigentlich könnten wir noch weitermachen“, berichtet der Schatzmeister. Der Bedarf sei immer noch recht groß, auch wenn viele junge Menschen inzwischen den Weg aus der Arbeitslosigkeit gefunden hätten. Die Schulen beispielsweise freuten sich, mit den Hilfsmitteln Basare für die Familien anbieten zu können. Der Erlös aus dem Verkauf fließt in die Schule. Gehhilfen, Rollatoren und Rollstühle, aber auch andere medizinische Hilfsmittel seien bei der älteren Generation von großem Wert. Die Altersversorgung sei vielfach alles andere als ausreichend.

Freundschaften sind entstanden und enge Verbindungen zu vielen Anlaufstationen. Hinzu kommt die schöne Landschaft, die sich besonders im Sommer am Rande eines Hilfstransportes genießen lässt. Und doch sind die Mühen enorm, die die Mitglieder des Vereins auf sich nehmen. Vor allem im Vorfeld, denn sie bieten nicht nur Annahmetermine für die Hilfsgüter an, sondern sie machen sich auch auf den Weg durch den Landkreis, um Sachspenden einzusammeln und ins Lager zu bringen. Anschließend muss alles gesichtet, sortiert und gut verpackt werden. Viel Arbeit ist das alles, bei der mittlerweile junge Hände fehlen.

So ganz nebenbei muss sich das alles auch noch finanzieren lassen. Bei 13 Mitgliedern sind die Vereinsbeiträge nur noch überschaubar. In all den Jahren gibt es immerhin Hilfe von außen – die Firma HBI und auch die Spedition Oetjen stellen Lastwagen zur Verfügung. Den Sprit übernehmen die hier ansässigen Heimatvereine der polnischen Region. Der Rest kommt aus der eigenen Tasche aller, die an diesen Fahrten teilnehmen.

Das Lager auf dem Gelände der Rotenburger Von-Düring-Kaserne ist inzwischen leer. „Wir haben im Sommer alles mitgenommen, was noch da war“, berichtet Schwiebert. Anfang August dieses Jahres geben die Männer in Polen die letzten Kartons ab. Das war’s.

Im Gespräch über die vielen Jahre fällt der Blick Schwieberts zurück auf die Anfänge. 1996, also zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, entsteht im Landkreis Rotenburg der Kultur- und Förderverein der Region Tschernobyl/Gomel. Man konzentriert sich zunächst auf die Menschen in der südöstlichen Region Weißrusslands, die besonders stark von der radioaktiven Wolke betroffen sind – bis heute übrigens.

Belarus, ein schon damals von Armut gezeichnetes Land. Und dann auch noch das: Menschen erkranken im Laufe der Jahre vor allem an Krebs, viele Weißrussen müssen ihre Dörfer und Städte verlassen. Hilfsgüter in die Region Gomel und nach Polen zu bringen, macht sich der Verein zur Aufgabe. Rudolf Schwiebert führt von Beginn an Protokoll, ganz am Ende seiner langen Liste steht unter dem Strich eine beeindruckende Zahl: 393,9 Tonnen Hilfsgüter sind auf 32 Transporten insgesamt über die Grenzen in Richtung Osten gegangen.

„Gerade die Menschen in der Region Gomel waren und sind besonders betroffen von Tschernobyl“, sagt er. Und er ergänzt: „Es stößt mir sauer auf, wenn ich an die Provokation denke, die der belarussische Präsident Lukaschenko betreibt.“ Er selbst hat zwar noch eine Verbindung in die Gomel-Region, „aber wir schreiben uns nur noch einmal im Jahr eine E-Mail“.

Die Vereinsmitglieder und ihre Gastgeber haben einen Teil der Hilfsgüter eingelagert.

Die Reisen nach Weißrussland seien immer nervenaufreibend gewesen. „Ich war jedes Mal fix und fertig, wenn wir wieder zu Hause waren“, erinnert sich der ehemalige Mitarbeiter der Rotenburger Sparkasse. Die 2 000 Kilometer im Laster oder im Begleitbus, dazu die schwierigen Grenzkontrollen. Vor allem die an der polnisch-weißrussischen Grenze. Viele Stunden gehen dabei drauf, um den bürokratischen Aufwand zu überwinden. „Zum Ende hin wurde es immer schwieriger, denn dann durften wir unsere Lieferungen nicht mehr selbst bei den Empfängern abgeben.“ Alles müssen die freiwilligen Helfer in einem Lager abgeben, um den Rest kümmern sich staatliche Vertreter. Wo die Lieferungen schließlich bleiben und ob sie wirklich dort ankommen, wo sie hingebracht werden sollen, erfahren die Vereinsmitglieder nicht. „Eine Rückmeldung haben wir nicht mehr erhalten.“ Im März 2006 ist das. Und es ist das Aus, die Mitglieder mögen sich diesen Stress in dem von Korruption und Überwachung geprägten Staat nicht mehr antun.

Kein halbes Jahr später führt der erste Hilfstransport nach Polen – Altenheime, Krankenhäuser, Kinderheime, Kindergärten, Schulen, Gemeinden und deren Sozialstationen sind die Ziele. Dort werden die engagierten Frauen und Männer mit offenen Armen empfangen. Alles läuft deutlich entspannter ab, die Wege sind etwas kürzer. Und die Kontrolle jener Wege, die die Hilfsgüter nehmen, ist wieder möglich.

Jetzt ist das Lager leer, und die Abwicklung des Vereins in Gang. Rudolf Schwiebert blickt auf den Sommer dieses Jahres zurück und erinnert sich gerne an den letzten Abend in Polen. Man sieht, dass nach und nach einiges besser geworden ist, auch dort auf dem Land in Masuren. Einige der Vereinsmitglieder wollen immer mal wieder hinfahren und das Auto vollpacken – „aber ganz privat“, sagt Schwiebert. Er nicht. „Mir fallen diese langen Fahrten schwer.“ Und so stellt er sich an diesem letzten Abend noch einmal hin und betont: „Vor ihnen steht ein trauriger Mann, weil er nicht mehr helfen kann.“ Das reimt sich sogar, fällt Schwiebert auf. Er lacht ein wenig – vielleicht, um die Traurigkeit etwas zu überspielen.

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