Fußballfans klammern sich in Corona-Zeiten an die Zukunft

Das Derby nach der Pandemie

Hängen zur Zeit ab auf einer Wäscheleine wegen Corona und der überraschenden Fühjahrskälte: notwendige Fan-Utensilien des SV Werder Bremen.
+
Hängen zur Zeit ab wegen Corona und der überraschenden Fühjahrskälte: notwendige Fan-Utensilien des SV Werder Bremen.

Rotenburg – Die Konfession, den Zahnarzt und den Fußballverein wechselt man nicht! Sehr selten wird jemand vom Protestanten zum Katholiken oder umgekehrt; hat man erst mal den Zahnarzt gefunden, der einen weniger quält als erwartet, bleibt man ihm treu verbunden; und gar vom Fan des ruhmreichen SV Werder („lebenslang grün-weiß“) zum Hamburger SV („mit der Raute im Herzen“) zu wechseln, kommt überhaupt nicht in Frage!

Fußballfans sind in der Regel treu, bis der Tod sie von ihrem Verein scheidet. Ein echter Anhänger von Schalke 04 oder Borussia Dortmund bringt noch nicht mal den Namen des Derby-Gegners über die Lippen. Da mutiert Dortmund zu „Lüdenscheid Nord“ und Schalke (Gelsenkirchen) zu „Herne West“. Die – Verzeihung – eher unbedeutenden Städte am Rande des Ruhrgebiets sollen wohl die Bedeutungslosigkeit von „Schwarz-Gelb“ (Dortmund) oder „Königsblau“ (Schalke) herausstellen.

Differenzen zwischen den Fans in mehreren Regionen

Ähnliche Differenzen gibt es zwischen dem Hamburger Sportverein und St. Pauli, Hertha BSC und Union Berlin, Köln und Düsseldorf und natürlich Werder Bremen und dem HSV. Inzwischen aber sind die Rivalen allerorten kaltgestellt. Zu Vor-Corona-Zeiten konnte man ansonsten vor den Heimspielen von Werder oder des HSV die jeweils vereinsfarbenmäßig ausstaffierten Fanclubs aus der Region schon morgens um etwa 11 Uhr am Bahnhof treffen. Ein erstes gemeinsames Frühstück mit Einsingen war angesagt. Frühstück in der Regel flüssig, Gesang in der Regel vor allem laut. Die Terminplaner beim DFB taten immer gut daran, die Heimspiele beider Clubs möglichst nicht am gleichen Tag stattfinden zu lassen. Zufällige Treffen beider Fankreise am Bahnhof in Rotenburg oder Scheeßel gingen nicht immer nur freundlich vonstatten. Eine gewisse Zäsur gab es, als die „uanbsteigbaren“ Hamburger vor drei Jahren den Gang in die zweite Liga antreten mussten. Das Mitleid bei den Bremern hielt sich in Grenzen, obwohl die schönen Derbys fehlen.

Im Gegenteil, in den letzten Jahren, in denen Werder immer nur hauchdünn am Abstieg vorbeischrammte, schien es so, als sei das einzige, was einen noch aufrecht hielt, wenn der HSV auch verlor und den eigentlich sicher gebuchten Wiederaufstieg mal wieder verpasste. Aber letztlich veranlasst das den wahren Fan bei weitem nicht, seinen Herzensverein zu verlassen. „In guten wie in schlechten Tagen!“, lautet auch hier das Motto, mit dem man eine Scheidung vom Herzensverein ausschließt.

HSV-Fans glauben fest an den Wiederaufstieg

Alexander von Hammerstein aus Bockel, HSV-Fan seit Kindertagen, ist seit vielen Jahren Dauerkartenbesitzer. Jahrelang ist er da zusammen mit dem Schwiegervater von Phillip Bargfrede, einer Ikone von Werder Bremen, aufgetaucht. Ausgerechnet der war schon lange, bevor der Schwiegersohn auftauchte, HSV-Fan. Von Hammerstein rechnet natürlich auch fest damit, dass es in diesem Jahr mit dem Wiederaufstieg endlich klappt. Vor seiner Biogasanlage an der B 71 hat er deshalb schon mal weithin sichtbar doppelt für seinen HSV geflaggt. Auch Karsten Riebesehl aus Lauenbrück (49) hat die HSV-Raute im Herzen und natürlich auch längst an seine beiden Kinder übertragen. „Dieses Jahr“, meint er, „wird das klappen mit dem Wiederaufstieg.“ Und er freut sich auf die kommenden Derbys mit Werder. Sein Arbeitskollege Viktor Kalteis (33) aus Scheeßel sieht das etwas anders: Der eingefleischte Werder-Anhänger konstatiert bei sich und anderen Werder-Freunden eine gewisse „Allergie gegen HSV-Fans.“ Das sei nun mal so. Da er zurzeit an seinem neuen Haus baut, kommt ihm die Corona-Pause für Zuschauer gar nicht so ungelegen. Die Fan-Utensilien bleiben zu Hause, „Werder bleibt aber selbstverständlich drin, und der HSV bleibt, wo er ist!“ 2. Liga.

Auch Rüdiger Wiegand (66) aus Rotenburg hängt seit frühester Jugend seinem Verein an – Werder. Seit über 20 Jahren Dauerkartenbesitzer, durfte er – als einer der wenigen ausgelosten Fans – das letzte Heimspiel in Bremen vor dem Lockdown noch miterleben. Werder verlor 1:4 gegen Hertha. Das bringt ihn – bei aller Vereinstreue – heute nicht mehr um den Schlaf, zumal es heute besser aussieht für den Verein. Und alte Rivalitäten hin oder her, der „HSV wieder in der 1. Liga, das wär schön“, meint Wiegand und hat dabei unvergessene Derbys im Blick. Eigentlich möchten alle, dass es bald wieder „richtig losgeht“. Das sei dann auch wichtiger als alle alten Rivalitäten.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Große Anteilnahme am Tod Prinz Philips

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

Bayern verlieren Final-Wiedersehen gegen Paris Saint-Germain

BVB verpasst Coup in Manchester: 1:2 nach achtbarem Kampf

BVB verpasst Coup in Manchester: 1:2 nach achtbarem Kampf

HSV verspielt 3:0-Führung - Fortuna siegt in Darmstadt

HSV verspielt 3:0-Führung - Fortuna siegt in Darmstadt

Meistgelesene Artikel

Drei Verletzte bei Unfall auf der B 71

Drei Verletzte bei Unfall auf der B 71

Drei Verletzte bei Unfall auf der B 71
Randale im Visselhöveder Klärwärterhaus

Randale im Visselhöveder Klärwärterhaus

Randale im Visselhöveder Klärwärterhaus
Verpflichtende Corona-Tests für Schüler: Jetzt geht’s los

Verpflichtende Corona-Tests für Schüler: Jetzt geht’s los

Verpflichtende Corona-Tests für Schüler: Jetzt geht’s los

Kommentare