ADFC-Chef Manfred Petersen über das Stadtradeln und ein besseres Miteinander im Straßenverkehr

„Das allerwichtigste ist Spaß“

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Manfred Petersen macht sich auf den Weg. Am Sonntag wird er seinen Autoschlüssel als „Stadtradel-Star“ für drei Wochen abgeben.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Rotenburg tritt wieder in die Pedalen. Am Sonntag beginnt die zweite Auflage des Stadtradelns in der Kreisstadt. Drei Wochen lang sind alle Rotenburger aufgerufen, das Auto zu meiden und sich auf den Sattel zu schwingen. Eine spielerische Aktion mit ernsthaftem Hintergrund – das kommunale Netzwerk Klimabündnis will so auf die Möglichkeiten zum Einsparen von klimaschädlichen Gasen aufmerksam machen.

99. 348 Kilometer hat Rotenburg bei der Premiere im September erradelt. Bis zum 18. Juni sollen nun, so das Ziel der Stadtverwaltung, mindestens 100.000 Kilometer zusammenkommen. Als gutes Beispiel vorne weg radeln wird Manfred Petersen, Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Vorsitzender des städtischen Arbeitskreises Fahrrad und, keine Überraschung, überzeugter Pedalist. Die Kreiszeitung hatte ihn zum Interview ins Pressehaus eingeladen.

Herr Petersen, wie sind Sie hierher gekommen?

Manfred Petersen: Zu Fuß die Treppe hoch. Vorher natürlich mit dem Fahrrad, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich habe auch mit dieser Frage gerechnet.

Können Sie sich denn in Rotenburg sehen lassen, ohne mit dem Rad zu kommen. Oder gibt es gleich einen Spruch?

Petersen: Das kann ich so gar nicht sagen, denn es wird so schnell nicht passieren. Das ist passé. Seit 2013 fahre ich nur noch Fahrrad.

Wann lassen Sie das Fahrrad stehen?

Petersen: Wenn wir irgendwo zu Besuch sind. Aber zu 80 Prozent fahre ich mit dem Rad. Auch zum Einkaufen.

Und die Kiste Wasser?

Petersen: Die holt meine Frau mit dem Pkw.

Was haben Sie für ein Fahrrad?

Petersen: Ein ganz normales Herrenfahrrad mit Kettenschaltung. Ich fahre noch mit Muskelkraft.

Ist E-Bike eigentlich mogeln?

Petersen: Nein, ist es nicht. Weil es sehr viele Mitfahrer gibt, die nicht dabei wären, wenn sie selbst noch treten müssten. Für diese Menschen ist das Pedelec gedacht. Damit auch ältere Leute aktiv bleiben und sich bewegen, wie sie es eben noch können. Viele nutzen die Unterstützung auch nur, wenn es nötig ist – über eine Eisenbahnbrücke oder bei starkem Gegenwind. Junge Menschen, die mit dem Pedelec fahren, kann ich nicht verstehen.

Was ist für den ADFC denn noch Fahrrad und was schon Motorrad?

Petersen: Das Pedelec ist noch akzeptabel, ein E-Bike darf dagegen 40 Stundenkilometer fahren, ist versicherungs- und führerscheinpflichtig. Das ist für mich ein Kraftrad, das nehmen wir nicht mit.

Wie weit sind Sie beim Stadtradeln 2015 geradelt ?

Petersen: 1 392 Kilometer.

War das mehr als üblich?

Petersen: Ja. Und zwar hatte ich gleich am ersten Tag eine Einladung zu einem Familienfest in der Heide. Das war für mich ein Highlight, ich wollte eh schon immer mal dahin radeln. Dieses Mal habe ich die Chance genutzt. Es war eine schwere Strecke, sandig und nass im Naturschutzgebiet. Da habe ich mich schon gefragt, ob es wohl richtig ist, was ich so tue. Aber ich habe es nicht bereut.

Warum soll man grundsätzlich Fahrrad fahren?

Petersen: Um mich zu bewegen, für die Gesundheit. Ich habe keine Parkplatzprobleme, komme direkt ans Ziel, es ist günstiger und umweltschonend. Es gibt Leute, die fahren jeden Tag in die Stadt, um sich die Bildzeitung zu kaufen. Das kann ich nicht verstehen.

Ist eine Aktion wie das Stadtradeln sinnvoll?

Petersen: Ja. Es fördert die Motivation. Für uns als ADFC sowieso, und in Gesprächen habe ich oftmals erfahren, dass die Leute zum Nachdenken angeregt wurden: Kann ich das nicht häufiger machen? Die Umwelt zu schonen und sich zu bewegen sind gute Gründe, diese Aktion zu bejaen.

Ist das nachhaltig?

Petersen: Ja. Das, was vergangenes Jahr angeschoben wurde, wird dieses Jahr sicherlich noch ausgeprägter sein. Ich hoffe zum Beispiel, dass sich die Schüler registrieren lassen. Es kommt darauf an, dass wir die Berufspendler, die jeden Tag mit dem Fahrrad fahren, auch mal dokumentiert bekommen. Das allerwichtigste ist aber, dass es Spaß macht.

Wie ist der ADFC ins Stadtradeln eingebunden?

Petersen: Von Anfang bis Ende. Wir haben erstmal die Auftakttour nach Borchel, die morgen um 10 Uhr beginnt, ausgearbeitet. Wir haben eine eigene Mannschaft, die vergangenes Jahr auch gewonnen hat. Und wir planen die Sternfahrt zum Abschluss.

Warum sind Sie wie bei der Premiere wieder ein „Stadtradel-Star“ und verpflichten sich, drei Wochen komplett aufs Auto zu verzichten?

Petersen: Der Bürgermeister und ich sind nun zum zweiten Mal „Stars“, weil sich leider niemand anderes gemeldet hat. Ich wollte anderen den Vorrang lassen, aber das hat nicht geklappt. Ich wollte die Frau das Bürgermeisters motivieren, die wie er ADFC-Mitglied ist, aber sie hat großmütterliche Aufgaben in Worpswede wahrzunehmen. Das muss man akzeptieren. 2015 gab es bundesweit 125 „Stadtradel-Stars“ – davon vier aus Rotenburg. Wir sind da schon gut.

Fahren Sie während der drei Wochen mehr?

Petersen: Ja. Einfach aus Spaß an der Freude. Zum Beispiel haben wir meine Tochter in Bremen-Borgfeld besucht, dabei sind wir den Wümme-Radweg abgefahren. Das war toll, wir hatten 100 Kilometer auf dem Tacho, als wir wieder zuhause waren. Und wir sind nochmal für den Tourow bis zur Wümmequelle gefahren, das ist sehr idyllisch. Sowas macht man dann eben.

Wie sind Sie aufs Fahrradfahren gekommen?

Petersen: Ich bin Jahrzehnte lang als technischer Aufsichtsbeamter in ganz Niedersachsen im Auto übers Land gefahren, anders ging es gar nicht. Da wurde das Fahrrad nur am Wochenende oder im Urlaub herausgeholt. Ich bin Wohnmobilist, da gehörte das Fahrrad immer mit.

Strandurlaub oder faul in der Sonne am Pool liegen ist vermutlich eher nichts für Sie...

Petersen: Wir kennen nur aktive Urlaube. Rad fahren oder wandern.

Ist Rotenburg eine fahrradfreundliche Stadt?

Petersen: Ja. Wenn man sieht, was hier an Aktivitäten stattfinden und welche Möglichkeiten es gibt, Rad zu fahren – das ist toll. Wir liegen direkt am Wümme-Radweg, auch die Struktur der Strecken ist wunderbar, das Radwegekonzept der Stadt wird gut umgesetzt. Der größte Teil der Dinge, die beanstandet wurden, ist längst abgearbeitet. Wir sind bestens aufgestellt.

Was muss besser werden?

Petersen: Die Unfallschwerpunkte sind Goethestraße und Verdener Straße. Daran müssen wir arbeiten. Bei der Verdener Straße liegt es vermutlich an den vielen Schülern, die unterwegs sind. Und aus der Goethestraße muss eine Fahrradstraße werden wie Hemphöfen. Das ist unser Ziel, aber dafür muss die Straße saniert werden. Was im Großraum Rotenburg an Radwegen noch fehlt, sind Bänke oder Schutzhütten für Pausen.

Autofahrer meckern über Radfahrer, Radfahrer über Autofahrer und über Fußgänger sowieso alle – wie bekommt man es gemeinsam besser hin?

Petersen: Gegenseitiges Verständnis entwickeln! Ich bin ja auch Autofahrer und mecker dann über Radfahrer. Wir müssen uns einfach nur auf Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung besinnen. Jeder sollte sich so verhalten, dass niemand anderes gefährdet wird. Wenn wir das hinbekämen, wäre alles in Ordnung. Ist aber leider nicht so, der Mensch ist fehlerhaft. Da muss ich auch Autofahrer öfter in Schutz nehmen – denn kein Autofahrer will den Radfahrer umfahren oder verletzen. Es gibt natürlich Rowdys, aber mit denen brauchen wir uns nicht befassen.

Ist das Konzept des „Shared Space“ ohne Geh- und Radwege, Schilder und Markierungen für Sie ein Modell, das zum Erfolg führen kann? Alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt?

Petersen: Das haben wir hier ja teilweise in unseren Spielstraßen. Dort klappt es. Es muss aber auch getrennte Bereiche geben – zum Beispiel gehören in die Große Straße, der Fußgängerzone, keine Radfahrer. Das sollten wir beachten. Die erste Option zum Ausbau von Fahrradstraßen ist die Gerberstraße, insbesondere für die Schüler. Im Grunde liegt es nur noch an der Beschilderung. So sieht es der Arbeitskreis Fahrrad – aber die Stadtverwaltung will die Straße erstmal sanieren. Es würde reichen, die Einbahnstraße beizubehalten und Schilder aufzustellen. Autos dürften ja weiterhin dort fahren, nur hätten Radler wie im Bereich Hemphöfen eben Vorrang.

Helm oder nicht?

Petersen: Ich komme aus dem Bereich Arbeitssicherheit, da habe ich immer mit Helm gearbeitet. Bei mir hat es aber auch gesundheitliche Gründe. Ich hatte 2009 einen Schlaganfall. Der Helm schützt. Seitdem ist es für mich keine Frage mehr. Mit fühle ich mich sicher. Obwohl jeder es für sich entscheiden sollte.

Wann haben Sie Rad fahren gelernt?

Petersen: Da war ich noch nicht in der Schule. Das Fahren habe ich mir mit meinem Bruder beigebracht – auf Vaters Fahrrad. War ein bisschen schwierig auf dem Herrenrad, mit Mutters ging es dann besser. Kinderräder gab es damals nicht. Später habe ich selbst ein Gebrauchtes verdient mit Kartoffeln sammeln in der Landwirtschaft.

Ihr Ziel beim Stadtradeln 2016 bis zum 18. Juni?

Petersen: 1 000 Kilometer müssen es schon sei.

Was machen Sie am Sonntag um 10 Uhr?

Petersen: Stadtradeln.

Hintergrund zum Stadtradeln

Das Stadtradeln ist eine seit 2008 stattfindende Kampagne des Klimabündnisses, dem größten kommunalen Netzwerk zum Schutz des Weltklimas. Nach der Premiere im vergangenen Jahr beginnt am Sonntag mit der Auftakttour nach Borchel die zweite Auflage in Rotenburg. Start ist um 10 Uhr auf dem Pferdemarkt. Die Tour ist rund zehn Kilometer lang, im Mehrzweckhaus Borchel wird mittags ein kostenloser Imbiss angeboten. Beim Stadtradeln geht es darum, binnen 21 Tagen bis zum 18. Juni möglichst viele Kilometer in die Pedale zu treten. Wieder gilt es für alle Teilnehmer, möglichst oft das Auto stehen zu lassen. „Es ist ein Spiel, allerdings vor dem ernsten und wichtigen Hintergrund des Klimawandels“, sagt Andrea Rieß vom Rotenburger Umweltschutzbüro im Rathaus, in deren Händen die Fäden der Organisation zusammenlaufen.

Mitmachen kann jeder, der in Rotenburg wohnt, arbeitet, zur Schule geht oder Mitglied in einem Verein ist. Wo die Kilometer gefahren werden, ist völlig egal – das kann sogar im Urlaub sein. Anmelden und eintragen kann man sich über die Stadtradeln-Homepage, per kostenloser App oder direkt im Rathaus. Dort und im Info-Büro gibt es auch Bögen, in die Radler ihre geschätzten oder gemessenen Kilometer per Hand eintragen können. Die Anmeldung ist bis zum letzten Tag des Stadtradelns möglich.

www.stadtradeln.de

Zur Person

Manfred Petersen ist 64 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau, mit der er drei Töchter im Alter zwischen 30 und 34 Jahren hat, in Rotenburg. Gebürtig aus Salzhausen im Landkreis Harburg, seien sie 1977 in die Kreisstadt gezogen, „weil ich wollte, dass unsere Kinder nicht morgens am Wartehäuschen stehen, um mit dem Bus zur Schule zu fahren“. Petersen ist technischer Aufsichtsbeamter für Arbeitssicherheit in der Landwirtschaft, mittlerweile in Altersteilzeit. Mit Beginn des neuen Lebensabschnittes hat der frühere Auto-Vielfahrer das organisierte Radfahren für sich entdeckt: 2013 ist er in den ADFC Rotenburg eingetreten, seit Anfang des Jahres ist er Kreisvorsitzender des 210 Mitglieder starken Vereins. 35 .000 Kilometer sei er früher hauptsächlich beruflich mit dem Auto pro Jahr gefahren, jetzt sind es knapp 6 .000 mit dem Fahrrad. Mehr sind es mit dem Auto auch nicht mehr.

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