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Darmkrebsmonat: Rotenburger Chefarzt über ein unterschätztes Organ

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Von: Ann-Christin Beims

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Chefarzt Oleg Heizmann vor dem Diakonieklinikum.
Viele Darmkrebserkrankungen sind vermeidbar, sagt Chefarzt Oleg Heizmann. © Beims

Der Darm ist ein wichtiges Organ - und wird meist unterschätzt, sagt Diako-Chefarzt Oleg Heizmann. Im Interview spricht er über Darmkrebs und die so wichtige Vorsorge.

Rotenburg – Krebs macht keine Pause: Das hatte Professor Dr. Oleg Heizmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Diakonieklinikum Rotenburg, erst im vergangenen Jahr angemahnt und an die trotz Pandemie so wichtigen Vorsorgeuntersuchungen erinnert. Im „Darmkrebsmonat März“ wird seit gut 20 Jahren auf die Präventionsmöglichkeiten aufmerksam gemacht. Darmkrebs gilt bei Männern als dritt- und bei Frauen als zweithäufigste bösartige Tumorerkrankung. Den Aktionsmonat nutzt Heizmann, um im Interview auf eine Krebsart aufmerksam zu machen, die noch oft als Tabuthema behandelt wird.

Herr Heizmann, warum wurde dieser Aktionsmonat ins Leben gerufen?

Diese Aktionen sind sinnig und notwendig, weil eine Krebserkrankung auch im Jahr 2022 immer noch – vor allem auf dem Land – ein Tabuthema ist. Man redet nicht darüber. Der Darmkrebsmonat ist auch ins Leben gerufen worden, um diese vermeidbare Erkrankung zu thematisieren, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Wenn man sich damit beschäftigt, bleibt einem unter Umständen ein furchtbares Schicksal erspart. Darmkrebs ist in 80 bis 90 Prozent der Fälle vermeidbar und potenziell heilbar. Es ist eigentlich so einfach: ein wenig auf sich hören, zum Arzt gehen.

Sie sagen es selbst, es ist ein Tabuthema. Warum wird darüber immer noch so wenig öffentlich gesprochen?

Das sind alte Traditionen. In vielen verschiedenen Kulturen wird das Wort Krebs in Krankenhäusern noch immer nicht in den Mund genommen. Man teilt es den Patienten nicht mit, sondern überweist sie einfach in eine Krebsklinik. Das habe ich als Student im Rahmen eines Auslandspraktikums selber erlebt. Für viele bedeutet Krebs sofort das Ende. Das war vielleicht vor 100 Jahren so, ist heute aber definitiv nicht mehr der Fall. Vor allem bei Darmkrebs geht es darum, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie hoch die Zahl der vermeidbaren Erkrankungen ist. Und: Je früher man es entdeckt, desto größer sind die Heilungschancen – vor allem mit den modernen Behandlungsmethoden, Operationstechniken und Medikamenten. Diese werden immer besser. Selbst wenn wir es nicht schaffen, die Erkrankung langfristig zu besiegen, gewinnen wir für die Patienten sehr viel Zeit mit dem Fokus auf Lebensqualität.

In welchem Alter treten die meisten Darmkrebserkrankungen auf?

Ab dem 70. oder 75. Lebensjahr. Aber sie können auch deutlich früher vorkommen. Wir haben auch Patienten knapp über 20 Jahre und um die 40 Jahre ist auch keine Seltenheit mehr. Die Krankenkassen zahlen Vorsorgeuntersuchungen für Männer ab 50 Jahren, für Frauen ab 55 Jahren. Männer erkranken meist etwas früher. Hat man aber eine entsprechende Vorgeschichte in der Familie – wenn die Mutter das beispielsweise schon mit 60 Jahren hatte –, sollte man selber dann schon zehn Jahre früher zur Untersuchung gehen, also mit 50 Jahren. Bei familiärer Vorbelastung übernehmen das die Kassen. Und es gibt Syndrome und entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa, bei denen Darmkrebs häufiger vorkommt und wo man die Vorsorge ohnehin deutlich früher machen sollte. Eine chronische Entzündung, egal wo im Körper, erhöht das Risiko einer Krebserkrankung.

Wie viele Darmkrebserkrankungen und dadurch Todesfälle gibt es jährlich?

Das Robert-Koch-Institut hat für 2018 gut 60 000 Darmkrebserkrankungen im Krebsregister publiziert. Knapp 34 000 Männer und 26 000 Frauen waren betroffen. Fünf Jahre nach der Diagnose leben immer noch rund zwei Drittel der Patienten. Vor 20 Jahren waren wir froh, wenn es ein Drittel war. Wichtig ist daher, zu transportieren, dass es einen riesigen Fortschritt gibt. Man muss nicht mehr daran sterben. Man kann es verhindern. Wir können durch die Vorsorge die Vorstufen entfernen, sodass Darmkrebs erst gar nicht entsteht. Der Dickdarm lässt sich sehr gut bei einer Darmspiegelung untersuchen, nur der Dünndarm ist eine kleine „Blackbox“. Aber dieser macht gerade mal unter einem Prozent der Darmkrebse aus.

Haben viele Menschen einfach Angst vor einer Darmspiegelung?

Das stimmt. Viele haben Angst. Vor allem Männer. Frauen sind meistens sachlicher, auch mit ihrem Körper. Sie verdrängen weniger. Sie denken auch unbewusst an ihre Nachkommen. Mittlerweile machen das aber mehr Männer, weil es normal geworden ist. Aber sie haben bei solchen Dingen noch immer mehr Scham. Dass der Urologe mit dem Finger die Prostata abtastet, ist für viele Männer ein Problem. Frauen haben schon früh regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt, für sie ist das normal.

Also müssen wir an einen Punkt kommen, an dem es für Männer normal ist, zu bestimmten Vorsorgeuntersuchungen zu gehen?

Wir müssen die Menschen gemeinsam mit Hilfe der Medien – wie jetzt – mehr aufklären, Vorurteile abbauen und über die Abläufe informieren: Man muss vorher eine Darmreinigung machen, die ist unangenehm. Aber von der Untersuchung selbst bekommt man gar nichts mit. Natürlich ist das ein medizinischer Eingriff, und es kann mal Nachbluten oder ein Loch im Darm entstehen – aber das ist eine absolute Ausnahme. Es werden viele tausend Darmspiegelungen pro Jahr in unserem Einzugsgebiet mit bester Qualität auf hohem medizinischen Niveau durchgeführt, und es gibt nicht einmal eine Handvoll Patienten mit Problemen danach. Und das ist auch meist nach wenigen Stunden vorbei. Es ist extrem selten, dass etwas passiert und eine nachfolgende chirurgische Behandlung notwendig ist.

Sie sagen, es braucht mehr Aufklärung. Wie kann das aussehen?

Indem wir wie jetzt zusammensitzen, und Sie darüber schreiben, damit die Männer sich gegenseitig davon erzählen. Und indem wir an die Partnerinnen appellieren, dass sie ihre Männer motivieren, zur Vorsorge zu gehen.

Was bringt die Vorsorge?

Bis zu 80 Prozent der Erkrankungen können verhindert werden. Indem man die Vorstufen, also die Schleimhautwucherungen, sogenannte Polypen, frühzeitig entfernt. Dann kommt es gar nicht erst zum Krebs.

Gibt es Alarmsignale, an denen ich erkennen kann, dass etwas nicht stimmt?

Das Problem ist, dass es viele Symptome gibt. Das Tückische bei Krebs ist, dass man meist nichts spürt, wenn es voranschreitet. Krebs ist hinterhältig. Erste Symptome, die wir wahrnehmen, können ungewöhnlich viel Schleim beim Stuhlgang sein oder Blut darin. Oder wenn sich generell etwas beim Stuhlverhalten ändert: mehr Blähungen, häufigere Gänge zur Toilette, starke Abwechslung von Verstopfung und Durchfall oder unspezifische Schmerzen dabei. Hat sich im Alltag sonst nichts verändert, sollte man sehr bald einen Arzt konsultieren. Auch Stress kann solche Signale auslösen. Das hat oft auf den Darm Einfluss. Wichtig ist, erste Anzeichen selbst zu hinterfragen. Wenn man Darmkrebs-Patienten fragt, hatten circa zwei Drittel Symptome, aber haben diese falsch interpretiert oder verdrängt.

Also hätte man bei vielen Patienten rechtzeitig vorbeugen können und es wäre gar nicht erst zum Krebs gekommen?

Ja. Aber Vorsorgen und Vorbeugen sind zwei verschiedene Dinge. Vorsorge ist genau daraufhin fokussiert zu untersuchen und Vorstufen zu entfernen. Vorbeugen betrifft meist den Lebensstil. Meist trifft es Patienten ab 50 Jahren, aber die jüngeren Patienten nehmen zu in der westlichen Welt. Und das liegt ganz klar am Lebensstil: wenig Bewegung, viel rotes Fleisch, ballaststoffarmes Essen und Fast Food, zu viel Alkohol. In Maßen ist alles ok, wenn es regelmäßig ist, wird es ein Problem. Dann hat es einen negativen Einfluss auf den Körper und die Immunabwehr. Krebszellen entstehen von Geburt an immer. Jüngere Menschen können mit ihrem Immunsystem meist besser dagegen kämpfen, je älter man wird, desto schwächer wird es.

Und wir sorgen noch mit dafür, dass es weiter geschwächt wird?

Genau. Man kann Krebs auch bekommen, wenn man ganz gesund lebt – aber vielleicht 20 Jahre später. Im Umkehrschluss können wir mit kleinen Änderungen also unserem Körper etwas Gutes tun. Vor allem ist Bewegung gut: Das Immunsystem wird wach gehalten und damit ist der Körper im Stande, deutlich mehr selbst zu bekämpfen.

Es gibt in den vergangenen Jahren ein Umdenken zu einem gesünderen Lebensstil. Merkt man das an den Zahlen?

Subjektiv nehme ich das wahr. Objektiv kann man das nicht an sinkenden Krebszahlen festmachen. Prozentual haben die Zahlen abgenommen seit Einführung der Vorsorge-Darmspiegelung 2002.

Was sind Einschränkungen im Alltag durch den Krebs, wenn man erkrankt ist?

Blutarmut zum Beispiel. Auch wenn man nur wenig verliert, dafür aber permanent. Dann ist man müde, hat vermehrt Verstopfung oder Durchfall oder beides im Wechsel. Muss man operieren, ist es bei uns minimalinvasiv zu 70 Prozent möglich, also sehr schonend. Wenn es gelingt, den Krebs in einem ganz frühen Stadium zu entdecken, ist in den streng selektierten Fällen eine endoskopische Entfernung möglich. Auch eine Operation mittels Schlüsselloch-Methode bedeutet eine, wenn auch viel geringere, Einschränkung. In den meisten Fällen muss ein Teil des Darmes entfernt werden. Die Nachsorge ist mindestens genauso wichtig wie die Vorsorge.

Wie sehr wird der Darm unterschätzt?

Er wird sehr beiläufig behandelt, ist aber nicht weniger wichtig als das Herz. Der Magen-Darm-Trakt ist das Organ mit der größten Oberfläche nach der Lunge. Wir haben zu unserer Umwelt mit dem Darm viel mehr Kontakt als mit der Haut. Alles was wir essen, schlucken, aufnehmen, bekommt Kontakt zum Darm. Auch Umweltgifte. Der Darm ist eine wichtige immunologische Schutzbarriere. Auch deswegen ist eine Darm-Transplantation noch nicht nachhaltig realisierbar. Da steckt viel Immunsystem drin, was mit transplantiert würde. Das reagiert auf alles. Viele Allergien entstehen im Darm. Der Darm steckt voller Immunzellen. Man erwartet viel von ihm, nimmt aber seine Funktion gar nicht wahr. Der Darm wird wirklich unterschätzt.

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