Daniel Stickan und Uwe Steinmetz verzaubern mit Jazz in der Stadtkirche

Hundert Prozent Spiritualität

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Die Orkon-Flöte aus den 1960er Jahren erlaubt Uwe Steinmetz (r.) eine vielschichtige Modulation.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Jazzmusik ist spirituell – und gehört damit in die Kirche. Diese Erklärung schickte der Organist Daniel Stickan seinem bemerkenswerten Konzert mit Duo-Partner Uwe Steinmetz (Saxofon) am Dienstagabend im Rahmen der Reihe „Musik am Ersten“ in der Rotenburger Stadtkirche voraus. „Auch Jazzmusik hat fast hundert Jahre Tradition; viele Jazzmusiker schöpfen ihre Inspiration aus dem Glauben, das wird angesichts des zunehmenden Einsatzes von Jazz als Hintergrundmusik oft vergessen.“

Dabei hätten die meditativen Klänge der beiden Jazzmusiker, die seit 2009 gemeinsam als „Waves“-Ensemble auftreten, weder einer Rechtfertigung noch einer Einordnung in Genres bedurft. Bemerkenswert: Grundlage ihrer Improvisationen sind eher selten sakrale Werke. Statt gern bemühter Motive von Bach und Co. kamen Stücke von Brian Blade und dem Singer-Songwriter Nick Drake zu Gehör.

Ersterer hat es Stickan nicht nur musikalisch angetan, sondern auch aufgrund der Parallelen in der Biografie des Schlagzeugers aus einem Pastorenhaushalt: „Auch er lebt seinen Glauben durch seine Musik“, so Stickan in seiner Einführung. Dessen „Alpha und Omega“, in dem das Tenorsaxophon mal den Wind imitiert, mal abwechselnd mit der Orgel Kadenzen tupft und mit Chromatik und Glissandi spielt, gehörte zu den Glanzpunkten des gut einstündigen Konzerts.

Und davon gab es viele: Etwa das schwermütige „Parasite“ von Nick Drake, das mit seinen melodisch-sehnsuchtsvollen Paraphrasen und zuweilen fast orientalischen Solopassagen der Orgel zum Genuss geriet. Dabei glitt das eingängige Stück dank seiner Komplexität nie in die Trivialität ab. Thematisiert wurden darin vom Komponisten Menschen am Rand der Gesellschaft, „angesichts der derzeitigen Lage der Flüchtlinge ein aktuelles Thema“, schlug Stickan die Brücke zum Tagesgeschehen.

Aber auch in ihren eigenen Werken, wie Stickans „Korn das in die Erde“ oder dem Tryptichon über den Choral „In mir ist Freude“ von Steinmetz, zeigten Orgel und Saxophon ein von fast blindem Verständnis und hoher Musikalität geprägtes Zusammenspiel. Mal düster und eindringlich, mal kontemplativ.

Dabei kamen nicht nur Tenor- und Sopransaxophon zum Einsatz, sondern auch die Orkon-Flöte, ein für Schüler ersonnenes Instrument aus den 1960er-Jahren mit Saxophon-Applikatur, das sich nie so recht durchsetzen konnte.

Für Saxophonist Steinmetz barg das Konzert in der Stadtkirche einen besonderen Reiz: „Das Duo mit der Orgel ist wie das Zusammenspiel mit einem Orchester. Abhängig von den gezogenen Registern kommen unterschiedliche Frequenzen und Klangfarben zum Tragen. Darauf muss man sich immer wieder neu einstellen.“ Von der Klais-Orgel der Stadtkirche zeigte er sich äußerst angetan: „Die hat einen schönen, direkten Klang!“

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