Freundschaft zwischen Warjes und Duffys

Irische Musik in Rotenburg: Crossover im Bauwagen

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Im Bauwagen der Bülstedter Warjes haben die Iren Ben (v.l.), Tom und Aidan Duffy eine Heimat auf Zeit für ihre Konzerte in der Region gefunden.

Rotenburg/Bülstedt - Von Ulla Heyne. „Re-Groovanation“ – das Trio, das es am Freitag für einen Auftritt im Rotenburger „Schmidt’s“ anzukündigen gilt, besteht aus drei Brüdern, die jüngsten von insgesamt zehn Geschwistern.

Sie sind nie zur Schule gegangen, wohnten bis vor Kurzem mit Plumpsklo in einem Lehmhaus in der irischen Pampa, nächtigen in Deutschland derzeit im Bauwagen und machen den ganzen Tag Musik. Das klingt arg nach Kelly Family. Neugierig geworden, besuchen wir die Drei auf dem Hof der Familie Warjes, wo die Duffys gerade drei Wochen zu Besuch sind – wie so oft.

Der Hof im beschaulichen 600-Seelen-Ort Bülstedt vor Tarmstedt: ein kleines Paradies. Zwischen Wohnhaus und Scheune stehen Palettenmöbel, von der Weide schauen zwei gescheckte Pferde herüber. Aus dem Bauwagen gleich hinter dem Kindertrampolin ertönt Musik.

Blues, Jazz oder Funk? Von weitem schwer zu sagen. Tom (25), Ben (23) und Aidan (18) machen fast den ganzen Tag Musik. Eigentlich immer schon. „Home-Schooling“ nennt sich das Konzept der Beschulung durch die Eltern. „Wir konnten uns den ganzen Tag mit dem beschäftigen, was wir wollten“, erklärt Ben, „und das war eben Musik“. 

Die war im Haus der Duffys immer präsent, auch wenn keiner der Eltern Profimusiker war. Die Mutter, Archäologin, sang beim Bügeln, „und durch den ganz unterschiedlichen Musikgeschmack unserer älteren sieben Geschwister wurden wir mit einer Vielfalt von Einflüssen konfrontiert“. Das hört man, als die drei einige ihrer eigenen Songs anstimmen: Da ist Hiphop dabei, Funk, dann wieder eine Ballade in bester Songwriting-Manier – ein munteres Crossover.

Hochenergetisch, heavy und laut

„Sechs Jahre haben wir ausschließlich Blues gespielt“, erklärt der zurückhaltende Tom, auf der Bühne der Frontmann. „Und alles, was wir spielten, war hochenergetisch, heavy – und laut!“ Differenzierter wurde es später, nicht erst, seit die drei vor einem Jahr ein Musikstudium an der Universität in Dublin aufnahmen; „vor allem, um Musiktheorie zu lernen, und ein Netzwerk aufzubauen“, so Aidan. 

Da hatte Tom schon mehr als zehn Jahre Schlagzeug gespielt, später Bass. Ben wechselte von der Gitarre zum Schlagzeug. Als Nesthäkchen Aidan im Alter von sechs auf einer alten spanischen Gitarre mit einem Finger auf einer Saite anfing, sich ebenso wie die anderen autodidaktisch das Instrument zu erobern, wurde er zunächst belächelt. Inzwischen spielt er Lead-Gitarre und sein Fingerpicking kann sich sehen lassen.

Auch an diesem lauen Sommerabend im Kreis der Gastgeber fließen Bier und Töne – eine Improvisation hier, ein spontaner dreistimmiger Gesang, ein Cover dort. Damit verdienen sie in Irland ihr Geld – eigene Stücke, wie die groß angelegte Rockoper „In an Age of Insecurity“ mit 20 Musikern und fettem Bläsersatz auf der Bühne, spielen sie in den Clubs in Dublin. Wenn es denn gelingt, in den für Musiker nicht eben einfachen Zeiten einen Gig klarzumachen.

Showtime in Deutschland

Und auch der Besuch in Deutschland ist nicht nur Urlaub, sondern auch Showtime. Im Bergwerk in Quelkhorn oder schon zum vierten Mal beim Landkultur-Kulturland, wo Familie Warjes seit Jahren Gastgeber ist. „Sie haben sich eine richtige Fanbase erarbeitet“, weiß Hanna Warjes. Warum sie die Iren, die in ständig wechselnder Anzahl und Konstellation hier wohnen, aufnimmt? 

„Wir haben viel Platz und zu wenig Iren“, lacht die zweifache Mutter. So ganz stimmt das nicht: Die letzten Male, als der Bauwagen noch nicht stand, hatte Jochen Albinger die Musiker aufgenommen. Damals hatte Ben gescherzt: „You should be Bürgermeister!“ Inzwischen ist er es.

Die Freundschaft der beiden Familien datiert aus dem Jahr 1996, als Siovhán, die älteste Schwester, einige Monate als Gastschülerin bei Hannas Eltern Heike und Piet wohnte. Es folgten Gegenbesuche, andere Geschwister kamen; zur Silberhochzeit reisten gleich 17 Überraschungsgäste von der grünen Insel an. Hannahs ältester Sohn Thilo (6) bekommt bei Aidan Schlagzeugunterricht im Tausch für Deutschstunden, die jüngere Schwester Mona ist sich sicher, dass sie den Iren später heiraten wird.

Zum Auftritt im „Schmidt’s“ am Freitag ab 20.30 Uhr wird wohl die Münze geworfen, wer der Eltern zuhause bei den Kindern bleiben muss – „der andere darf eine Woche später nach Wilstedt ins „Herberts“, erklärt Hanna pragmatisch.

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