Detlef Brünger über die Pandemie und Belastungen der Branche

Diakonie-Chef im Corona-Interview: „Aktuell sind wir ausgelastet“

Detlef Brünger, Geschäftsführer des Diakoniekliniikums Rotenburg
+
Detlef Brünger ist seit 2017 Chef im Diakonieklinikum.

Diakonie-Geschäftsführer Detlef Brünger steht Rede und Antwort zur Corona-Situation in Pflegeheimen und der zusätzlichen Belastung für Pflegepersonal.

Rotenburg – Es gilt, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Das ist seit Beginn die Maxime, mit der alle Maßnahmen gerechtfertigt werden, die zur Bekämpfung von Corona ergriffen werden. Dass die Belastung schon vor der Pandemie im pflegerischen Bereich hoch war, ist aber auch klar. Im Rotenburger Diakonieklinikum rumort es daher in der Belegschaft. Dann kommt das alles überstrahlende Thema. Im Interview spricht Geschäftsführer Detlef Brünger über die Folgen von Corona und Perspektiven für sein Haus mit den mehr als 2 500 Mitarbeitern.

Herr Brünger, sind Sie schon gegen Corona geimpft?

Nein, ich bin noch nicht gegen Corona geimpft.

Warum nicht? Sie sitzen doch an der Quelle!

Entsprechend der Impfverordnung wird die aktuell zur Verfügung stehende Impfmenge pro Woche zuerst für die Mitarbeitenden genutzt, die regelmäßigen engen Kontakt mit Patienten mit einer bestätigten Sars-CoV-2-Infektion haben. Dies betrifft die Covid-19-Station in der Lungenklinik, das Zentrum für Intensivmedizin sowie das Zentrum für Notfallmedizin. Danach folgen Schutzimpfungen aufgrund begrenzter Impfstoffverfügbarkeit nach der von der Impfverordnung vorgegebenen Priorisierung: Eher gefährdete Personen werden vorrangig geimpft, also bestimmte Personengruppen, die entweder besonders exponiert sind oder engen Kontakt zu vulnerablen Personengruppen haben. Ich nehme die Schutzimpfung gern wahr, aber ich warte, bis ich dran bin. Ich freu mich sehr, dass der Impfstart bei uns im Haus in enger Kooperation mit dem Gesundheitsamt gut gelaufen ist und unsere Mitarbeitenden dieses freiwillige Angebot gern in Anspruch nehmen.

Haben Ihre Mitarbeiter Angst, zu arbeiten? Wie geht man damit um?

Sicherlich gibt es unter den Mitarbeitenden Sorgen und Unsicherheiten. Dies nehmen wir sehr ernst, denn der Schutz unserer Patienten und Belegschaft ist schließlich unser oberstes Ziel. Einen großen Beitrag dazu leistet das Team der Krankenhaushygiene, das für alle unsere Mitarbeiter erster Ansprechpartner bei Unsicherheit und offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Eigen- und Fremdschutz ist. So findet auf den Stationen ein regelmäßiger Austausch statt, sodass alle in diesen besonderen Zeiten so gut wie möglich aufgefangen werden.

Wie sieht es mit der Corona-Schutzimpfung für Krankenhausmitarbeiter aus – wann erfolgen die Impfungen beziehungsweise wie viele Kollegen sind bereits geimpft?

Unsere Lenkungsgruppe Pandemie hat für das Diako eine Impfstrategie für unsere Mitarbeitenden entwickelt. Aufgrund der begrenzten Impfstoff-Ressourcen steht im Vordergrund, innerhalb des Krankenhauspersonals besonders gefährdete Personen vorrangig zu impfen. Wir folgen bei der Priorisierung den Vorgaben der Coronavirus-Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums und den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts. Am 14. Januar gab es die bislang letzte Impfung im Haus, 186 Mitarbeitende haben das Angebot der Schutzimpfung wahrgenommen. Das freut uns sehr. Die Belieferung mit Impfstoff und die administrative Abwicklung der Impfungen liegt in der Verantwortung des Impfzentrums Zeven und erfolgt in enger Kooperation mit uns. Wir stellen die Räume und medizinisches Personal für die Impfung unserer Mitarbeitenden.

In der Debatte ist auch eine Impfpflicht für Mitarbeiter in sensiblen Bereichen. Bei Masern funktioniert das. Würden Sie auch eine Corona-Impfpflicht fürs Krankenhauspersonal befürworten?

Von einer Corona-Impfpflicht distanzieren wir uns und der gesamte Agaplesion-Konzern ganz klar. Wir vertrauen darauf, dass sich alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nah an den Menschen arbeiten, ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind. Es ist völlig legitim und nachvollziehbar, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch Fragen haben und vielleicht etwas zögerlich sind, sich impfen zu lassen. Genau diese Menschen wollen wir informieren und in ihrer Entscheidungsfindung begleiten. Dafür bieten wir neben persönlichen Gesprächen in unserem Intranet und in digitalen Informationsveranstaltungen viele Materialien und Möglichkeiten an, sich entsprechend zu informieren. Wir wollen die vielen guten Gründe aufzeigen, die für eine Impfung sprechen. Aber die Entscheidung liegt bei jedem Mitarbeiter selbst und ist eine persönliche Entscheidung.

Auch wenn es derzeit in der Region bei den Fallzahlen etwas entspannter aussieht: Wie stark sind die Kapazitäten zur Aufnahme von Corona-Patienten ausgelastet?

Bisher konnten wir das Pandemiegeschehen bei uns im Haus durch laufende engmaschige Abstimmungen und hohes Engagement der Mitarbeiter gut bewältigen. Die entsprechende Belegungssituation ändert sich jedoch täglich. Aktuell ist unser Haus ausgelastet, aber wir halten die gesetzlich vorgeschriebenen Betten für Covid-19-Patienten frei und sind auf eine weiter steigende Patientenanzahl vorbereitet. Alle medizinisch notwendigen Behandlungen und Operationen, insbesondere auch Notfälle, wurden und werden weiterhin durchgeführt. Die medizinische Versorgung ist jederzeit sichergestellt. Aktuell ist auch unsere Intensivstation ausgelastet, aber wir sind – als Maximalversorger und Klinikum der umfassenden Notfallversorgungsstufe – apparativ darauf ausgerichtet, innerhalb von 24 Stunden zusätzliche Intensivkapazitäten zu schaffen. Dies ist aber nur durch Personalumsteuerung und damit Leistungseinschränkungen an anderer Stelle noch möglich. Für den Landkreis Rotenburg sind wir zudem als Schwerpunktkrankenhaus für die Versorgung von Covid-19-Patienten benannt.

Wie viele planbare Operationen sind im Laufe der Pandemie bereits verschoben worden?

Die Versorgung der Corona-Patienten schränkt den regulären Krankenhausbetrieb ein, im Vergleich zu 2019 haben wir 2020 rund 4 000 stationäre Patienten weniger behandeln können. Medizinisch notwendige Behandlungen und Operationen wurden zwar jederzeit durchgeführt, aber elektive Eingriffe mussten wegen der Reduktion des OP-Betriebes zeitweise verschoben werden, und Eingriffe werden auch durch Patienten abgesagt. Im ambulanten Bereich gab es etwa 15 000 Kontakte weniger, da auch hier viele Patienten ihre Termine abgesagt haben und im Lockdown im Frühjahr unser Leistungsangebot durch den Gesetzgeber stark eingeschränkt wurde.

Die Impfungen haben auch beim Klinik-Personal in Rotenburg begonnen. Die Geschäftsführung wirbt um Teilnahme und appelliert an die Verantwortung.

Wie hoch sind die Einnahmen-Verluste, die sich daraus ergeben?

Für uns ist eine der größten Unsicherheiten, wie Mehrausgaben und Erlösausfälle aufgrund der Pandemie finanziell ausgeglichen werden. In der ersten Welle hat die Politik schnell und ausreichend reagiert. Die jetzigen Maßnahmen in der zweiten Welle sind sehr kompliziert und starr, sodass wir bezweifeln, dass sie für unsere Situation ausreichen werden. Dies betrifft unter anderem den auch zeitlich begrenzten Ausgleich für Erlösausfälle. Hier hoffen wir auf ein Nachsteuern der Politik, denn die regulären Erlöse unter Corona-Bedingungen werden auch 2021 nicht ausreichen, unsere Kosten als Klinikum der Maximalversorgung zu decken. Deswegen halten wir es für dringend notwendig, dass die Freihaltepauschalen länger als bis zum 31. Januar gezahlt werden und es für die Krankenhäuser eine Kompensation für ambulante Erlösausfälle gibt.

Gemessen an den Auswirkungen der Pandemie für Ihr Krankenhaus: Muss der Lockdown noch einmal verlängert werden?

Das ist die Aufgabe der Regierung, dies zu entscheiden. Maßnahmen zur Eindämmung müssen ergriffen werden, das ist der richtige Weg. Den Umfang abzuwägen, liegt in den Händen der Politiker, die diese schweren Entscheidungen treffen müssen.

Viele Menschen beklagen die mangelnde Perspektive in dieser Krise. Sie auch?

Wichtig ist, dass wir an die Zukunft denken und wichtige notwendige Schritte zurück in die Normalität machen. Dazu gehört ganz klar das Angebot der Schutzimpfung, um die Pandemie zu stoppen. Unser aller Perspektive sollte es sein, das Virus in den Griff zu bekommen und damit auch die Mortalität, die mit dem Virus einhergeht, stark zu reduzieren.

Es gab zuletzt heftige öffentliche Kritik einiger Abteilungen an der Arbeitsbelastung im Diakonieklinikum. Sind die Seiten da wieder besser zueinander gekommen? Durch welche Schritte?

Es hat mit Vertretern der Stationen verschiedene konstruktive Gespräche unter Beteiligung der Mitarbeitervertretung, der Pflegedirektion, des Ärztlichen Dienstes und der Personalleitung gegeben. So wurde gemeinsam auf die jeweiligen Themen geschaut und in mehreren Arbeitstreffen Lösungen erarbeitet. Des Weiteren wird fortlaufend geschaut, welche strukturellen Verbesserungen sinnvoll sind – immer mit dem Ziel, Teams generell zu entlasten und auch zum Teil einfache, aber praktische Lösungen zu finden, die den Arbeitsalltag erleichtern.

Es ist uns einfach nicht möglich, unseren Dank für das Engagement mit einer Prämie auszudrücken, weil hierfür keine Refinanzierung möglich ist.

Detlef Brünger

Können Sie die Kritik der Bediensteten verstehen? Bitte verweisen Sie dabei nicht auf die politischen Vorgaben für die Krankenhäuser.

Wir wissen, dass die Arbeit auf den Stationen eine anspruchsvolle und anstrengende Tätigkeit ist. Deshalb ist es nur in unserem Sinn, wenn wir eine Erleichterung und Entlastung schaffen, wie beispielsweise durch Umsteuerung von Personal und Pool-Lösungen, auch teilweise durch Einsatz von Zeitarbeit und am besten durch zusätzliche neue Mitarbeiter, die es gilt zu finden und für uns zu gewinnen. Diese Lösungen müssen sinnvoll und für uns machbar sein – finanziell wie auch personell.

Wie sieht es mit einem Corona-Bonus für die Angestellten aus?

Das Diakonieklinikum erfüllte nicht die vom Bund festgelegten notwendigen Voraussetzungen für die „Corona-Prämie“ für Pflegepersonal in Krankenhäusern. Das heißt, die Anzahl der bei uns behandelten Covid-19-Patienten lag in der ersten Pandemiewelle unter der festgelegten Summe. Auf der einen Seite sind wir sehr froh und dankbar, dass wir – mit Blick auf die zeitgleich zu behandelnden Covid-19-Patienten – in den vergangenen Monaten nie bis an unsere Belastungsgrenzen gestoßen sind. Auf der anderen Seite macht es uns nicht glücklich, dass wir unseren Mitarbeitern nicht die „Corona-Prämie“ auszahlen können. Eine solche Summe können wir wirtschaftlich nicht aus eigenen Mitteln stemmen. Uns ist sehr bewusst, dass sehr viele unserer Mitarbeitenden in der Pandemie Herausragendes leisten. Es ist uns einfach nicht möglich, unseren Dank für das Engagement mit einer Prämie auszudrücken, weil hierfür keine Refinanzierung möglich ist. Dies gilt es gegenüber der Politik auch so deutlich zu machen.

Nach wie vor sind Krankenbesuche weitgehend ausgeschlossen. Welche Möglichkeiten könnte es geben, diese vielleicht doch mehr als bisher möglich zu machen?

Aktuell sehen wir leider keine andere Möglichkeit, als weiterhin Besuche zu untersagen. Für Ausnahmesituation wie beispielsweise bei schwerstkranken und sterbenden Patienten oder werdenden Vätern gilt dies nicht, aber um grundsätzlich unsere Türen wieder zu öffnen, sehen wir infektiologisch derzeit keine Möglichkeit. Das ist weder für die Patienten noch Angehörigen eine schöne Situation, aber wir vertrauen darauf, dass Verständnis in der Bevölkerung herrscht, dass gerade in einem Krankenhaus besonders viel Rücksicht genommen werden muss. Hoffnungsvoll blicken wir in die Zukunft und auf die Impfbereitschaft in der Bevölkerung, sodass Besuche unter anderen Bedingungen wieder ohne Risiko möglich werden.

Zur Person

Diplom-Volkswirt Detlef Brünger (56) ist seit Januar 2017 Geschäftsführer des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg. Zuvor arbeitete er im Diakonieklinikum seit März 2015 als Kaufmännischer Direktor. Brünger war in seiner vorherigen Position sieben Jahre lang Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in Hamburg. Davor war er sechs Jahre im Klinikum Eilbek in Hamburg tätig, zuletzt als Leiter Controlling und stellvertretender Kaufmännischer Direktor.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fußball-Bundesliga am Samstag: Sechs Spiele, sechs Köpfe

Fußball-Bundesliga am Samstag: Sechs Spiele, sechs Köpfe

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

Nordische Ski-WM 2021 in Oberstdorf: Die Bilder zum Saisonhighlight

Leipzig im Halbfinale - Poulsen und Hwang treffen gegen VfL

Leipzig im Halbfinale - Poulsen und Hwang treffen gegen VfL

Elfmeter und Doppelschlag: Bayern-Schreck Kiel stoppt Essen

Elfmeter und Doppelschlag: Bayern-Schreck Kiel stoppt Essen

Meistgelesene Artikel

Grünen-Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder über Politik und Probleme

Grünen-Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder über Politik und Probleme

Grünen-Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder über Politik und Probleme
Seehund richtet sich im Bremervörder Hafenbecken ein

Seehund richtet sich im Bremervörder Hafenbecken ein

Seehund richtet sich im Bremervörder Hafenbecken ein
Corona trifft Rotenburger Werke erneut

Corona trifft Rotenburger Werke erneut

Corona trifft Rotenburger Werke erneut

Kommentare