Mundschutz vom Sänger

Fynn Kliemann entdeckt trotz Corona-Krise immer noch etwas Positives

Andersdenker und -macher: Fynn Kliemann. Foto: Teryoshin
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Andersdenker und -macher: Fynn Kliemann.

Rüspel/Zeven - Der Mediendesigner, Unternehmer und Youtube-Heimwerkerkönig Fynn Kliemann hat im vorletzten Jahr mit dem Erfolg seines musikalischen Debüts „nie“ gezeigt, dass man ohne große Plattenfirma Goldstatus erreichen kann. Ende Mai folgt sein zweites Album „pop“. Was ihn in Zeiten von Corona beschäftigt, diskutierte der Tausendsassa neben manch kritischem Thema sympathisch lächelnd ausführlich im Interview.

Wie sieht es denn derzeit in der Kunst-WG vom Kliemannsland in Rüspel aus? Gab es dort bereits Einnahmeverluste durch die Corona-Krise?

Ja, natürlich. Es fallen hier die großen Festivals weg. Das Kliemannsland ist ein Ort der Begegnung. Es besteht aus Menschlichkeit und menschlichen Kontakten. Das ist zurzeit vorbei, auf Eis gelegt. Wir können keine Erfinderprojekte machen, sind von innen und außen abgeschottet. Es tut weh. Klar. Wir hatten ein Elektro-Festival geplant, einen Markt. Das fällt erst einmal alles aus.

Glücklicherweise ist das Kliemannsland nicht die Haupteinnahmequelle aller Kliemann-Projekte.

Das Kliemannsland ist überhaupt keine Einnahmequelle, sondern meine Hauptausgabequelle. Ich habe ja noch einen normalen Job, arbeite in Zeven in einer Agentur. Dort bauen wir Webseiten. Das Geschäft ist natürlich überhaupt nicht betroffen, sondern es ist beflügelt. Drumherum ist jedoch sehr viel schwieriges Zeug. Wir wollten zum Beispiel die Dokumentation zum ersten Album in die Kinos bringen. Auch das ist auf Eis gelegt. Derzeit bin ich gerade dabei, das neue Album „pop“ beziehungsweise die Produktion der Box fertigzustellen. Die ist gefährdet, weil die europäischen Grenzen geschlossen sind. Es ist auch eine interessante Zeit, in der man viele Lösungen für Probleme finden kann, die bisher noch niemand gefunden hat.

Das Album kommt unter anderem in buntem Vinyl, aber nicht unbedingt pünktlich zur offiziellen Veröffentlichung am 29. Mai, oder?

Wir versuchen natürlich, den Termin einzuhalten. Doch eine On-Demand-Produktion ist sowieso schon knackig, weil wir das Album ja lediglich einmal in der genauen Auflage der eingegangenen Vorbestellungen produzieren. Danach nie wieder. Da passiert alles eh bereits unter viel Zeitdruck, damit wir den Release-Termin einhalten können. Kann gut sein, dass der sich jetzt verschiebt. Ich denke jedoch auch, das ist egal. Dann kommt das Album eben zwei, drei Wochen später. Hauptsache, alle sind gesund!

Positiv betrachtet, währt wegen des Coronavirus die Vorfreude länger...

Genau. Man kann in allem auch noch etwas Positives sehen.

Warum spielt Fynn Kliemann keine Livekonzerte?

Ich habe immer noch die Hosen voll davor. Es ist primär die Angst, zu verkacken. Irgendetwas nicht in der Qualität, in der ich Musik erwarte oder abliefern möchte, darstellen zu können. Es ist wirklich Angst vor dem Live-Spielen. Meine Kryptonit. Ich habe vor nichts im Leben Angst, außer davor, Livemusik zu machen. Dazu kommt noch das Drumherum. Ich bin mittlerweile mit sehr vielen professionellen Musikern befreundet oder hänge mit ihnen ab. Da sehe ich natürlich, wie sie leben. Dieses Leben ist geplagt von langen Reisen mit zwölf stinkenden Typen in irgendeinem Tourbus, um dann in Containern darauf zu warten, warten, warten, dass man eine Dreiviertelstunde seine Musik für Geld darbieten kann. So heruntergebrochen sehe ich das. Ich habe keine schöne Sicht auf die Dinge. Bei mir ist all das abstrahiert. Es fühlt sich für mich falsch an. Dazu kommt dann meine Angst. In dieser Paarung ist es mir unmöglich, Livemusik zu machen.

Es gibt auf „pop“ 14 neue Songs. Das Lied „Vokabeln I“ ist scheinbar etwas, nennen wir es einmal so, außergewöhnlich. Bei dem Titel ist mir niemand eingefallen...

...der das mögen könnte?

Ja. Hintergrundmusik, für einen Film, vielleicht.

Die Worte stammen von einer Kassette von meinem Vater, die er mir einmal aufgenommen hat. Ich hatte früher massive Probleme damit, Sachen zu lernen, ich habe sie immer noch. Wenn es einen Auftrag gab, zum Beispiel das Ding musst du dir merken bis dann und dann, dann hatte ich keine Chance. Also hat mein Vater mir Vokabeln, die ich damals lernen musste, auf eine Kassette gesprochen. Damit ich sie, während ich etwas anderes mache, im Hintergrund hören und mir einprägen konnte.

Also Musik Fynn Kliemann, Worte Vater Kliemann.

Genau. Von einer Kassette, die ich wiedergefunden habe. Für welche Zielgruppe das jetzt ist, ist gar nicht definiert. Ich mache mir keine Gedanken darüber, wer was mögen würde. Ich habe einfach diese alte Kassette wiedergefunden, und gedacht, das muss ich jetzt machen. Die Begrifflichkeiten stehen jeweils für mich für irgendetwas. Interlude. Soundtrack.

Also befindet sich auf „pop“ Musik für Filme, die im Kopf des Komponisten / Arrangeurs stattfinden?

Wooow! Wahrscheinlich. Es ist ein sehr zusammenhängendes Album. Wenn man heutzutage ein Album herausbringt, was ja auch nicht mehr so richtig normal ist, dann finde ich es gut, wenn ich dann beim Hören noch mitgenommen werde auf eine Reise. Nicht einfach Hit an Hit gereiht. Sondern frisch und mit Abwechslung von A bis Z durch das Projekt geführt werde.

Warum macht jemand aus der Generation Spotify auch bunte Vinylplatten? Kommt die Inspiration auch hier vom Vater?

Ja. Voll. Früher hatte er eine riesige Plattensammlung, die ich mittlerweile geerbt habe. Das ist voll das Heiligtum. Ich würde mich nie als Musiker bezeichnen, aber wenn ich in diese Rolle schlüpfen müsste, würde ich sagen, dass Ziel für die Musik ist immer eine Vinyl-Schallplatte. Das ist das, wo man seine Musik draufhaben möchte. Mit der Pressung der Platte ist das Album dann abgeschlossen. Für mich ist es die größte Ehre, auf so einem Produkt vertreten zu sein. Ich finde es einfach schön. Haptisch. Klanglich. Es gibt bei physischen Musikprodukten nichts anderes, das diese Größe hat! Eine Schallplatte aufzulegen, ist, wie einen Tee zuzubereiten. Den machst du dir in Ruhe, dann lässt du ihn ziehen, und so. So ist es bei der Mucke auch. Wenn du die auf Vinyl hörst, dann hörst du auch richtig zu. Wenn du bei Spotify hörst, dann läuft die Musik lediglich im Hintergrund.

Und woher rührt das soziale Engagement für die Beschäftigten der Lebenshilfe?

Ich finde die Lebenshilfe unterstützenswert. Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man das machen. Man beflügelt sich gegenseitig. Ich mache das jetzt nicht, weil die Leute dort mir leidtun oder so ein Quatsch. Sondern einfach, weil ich sie cool finde. Kürzlich war ich wegen der Klamotten in einem Kindergarten und habe dort gratis ein Tablet hingestellt. Dann haben die Kinder gemalt. Ich fand das, was sie gemacht haben, geil, fand die Ergebnisse einfach gut, die Grafik schön. Das muss natürlich auch bezahlt werden. So bekommen sie einen sehr großen Anteil vom Gewinn ab, besser gesagt, fast alles. Beim Kliemannsland gibt es zudem einen Stand für Theater und Märkte, wovon die Einnahmen dann der Lebenshilfe gespendet werden. Ich mag das Team, ich mag die Kiddies.

Was beschäftigt die Gedanken in diesen Tagen neben der Produktion des Albums?

Wir produzieren voll viele Klamotten in Portugal, auch für Künstler wie Clueso und Milky Chance mache ich die gesamten Kollektionen. Die Produktionsstätten in Serbien und Portugal haben gerade sehr viele Jobs verloren, es ist eine Menge weggebrochen an Arbeit. Eine der Produktionsstätten produziert zum Beispiel normalerweise Funktionswäsche für Fahrradturniere. Die wird derzeit jedoch nicht mehr hergestellt, weil es ja die Turniere gerade nicht gibt. Aus dem Grund haben wir relativ frühzeitig überlegt, dort umzurüsten. Maschinen umzubauen, sodass wir dort nunmehr Mundschutz-Masken produzieren können. Das machen wir dort aufgrund des riesigen Bedarfes auf der ganzen Welt. Seit dem 19. März wird in Portugal nun Mundschutz gefertigt. Viel flott auf dem Markt Umgebautes beschäftigt mich gerade. Um zu helfen, Gutes zu tun, oder einfach, um zu überleben.

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