Diako-Sprecher Wißmann zur Coronalage

„Corona fordert alle heraus“

Schild von der Notaufnahme im Diakonieklinikum
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Das Krankenhaus darf auch in der Pandemie nicht selbst zum Pflegefall werden: Im Rotenburger Diakonieklinikum gibt es daher konkrete Pläne, die Notfallsituation aufzufangen.

Rotenburg – Das Gesundheitssystem darf nicht überlastet werden. Menschen dürfen nicht sterben – ob an oder mit Covid-19 oder aus ganz anderen Gründen –, weil sie wegen fehlender Ressourcen nicht die bestmögliche Behandlung erhalten haben. Darum geht es in der Pandemie. Sich selbst durch Impfen und Verhaltensregeln schützen, um andere zu schützen. Doch die Situation spitzt sich wieder zu. Rund 30 Intensivbetten gibt es in den beiden Kliniken im Landkreis. Die sind in Rotenburg und Bremervörde zum großen Teil belegt – wenn auch hier nicht überwiegend mit Covid-Patienten. Wie ist die Lage im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg? Lars Wißmann, Theologischen Direktor und Unternehmenssprecher, antwortet.

Wie viele Corona-Patienten behandeln Sie?

Im Diakonieklinikum werden zurzeit 14 Patienten medizinisch versorgt. Eine Patientin befindet sich auf der Intensiv-, die anderen auf Normalstation. Diese Zahlen sind seit einigen Wochen relativ konstant.

Woher kommen die Patienten?

Die Patienten im Diako kommen aus dem Landkreis Rotenburg und den angrenzenden Kreisen. Hin und wieder gab es auch schon Verlegungen aus Bremen.

Müssen im Diako Behandlungen gestrichen oder OPs verschoben werden?

 Bisher ist es in dieser aktuellen vierten Welle nicht erforderlich gewesen, dass wir Behandlungen oder Operationen verschieben mussten. Die Mehrbelastung durch Corona wird von den Mitarbeitenden mit außerordentlichem und bemerkenswertem Engagement gewuppt. Inzwischen geht diese Belastung natürlich an die Substanz. Ein Gesundheitssystem darf nicht darauf beruhen, das hohe Engagement der Beschäftigten auszunutzen. Politisch gibt es vielleicht jetzt Bewegung. Und bürgerschaftlich gab es immer mal wieder Aktionen aus der Bevölkerung heraus in die Berufsgruppe der Pflegenden hinein: Wir haben Geschenke, Süßigkeiten oder Spenden für die Mitarbeitenden erhalten. Das ist weniger geworden. Über das Meinungsmanagement bekommen wir dennoch viele Rückmeldungen, die voller Wertschätzung sind. Das ist sehr kostbar.

Haben Sie für die Behandlungen speziell geschultes Personal?

Alle im Covid-Bereich eingesetzten Mitarbeitenden erhalten Hygiene-Schulungen. Die Mitarbeitenden kennen ähnliche Maßnahmen bereits aus der Behandlung von Patienten mit multi-resistenten Keimen. Schutzausrüstung, Händehygiene, organisatorische Maßnahmen und die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen sind rasch kommuniziert. Die spezifisch fachlichen Notwendigkeiten aus Sicht der Pflege und der Ärzte sind dann schon aufwendiger.

Lars Wißmann ist Theologischen Direktor und Unternehmenssprecher des Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.

Welche besondere Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen werden?

Die Versorgung von Corona-Patienten erfordert eine Reihe sehr aufwendiger Hygiene-Maßnahmen. Besonders das Anlegen von Schutzkleidung vor dem Betreten des Zimmers kostet Zeit. Und wenn dann Pflegende sich umgezogen und in das Patienten-Zimmer eingetreten sind, müssen sie unter diesem zusätzlichen Schutz die erforderlichen Pflegemaßnahmen durchführen. Die Schutzkleidung besteht nicht aus atmungsaktivem Material, wie wir es von unseren privaten Outdoor-Jacken her kennen. Es handelt sich um mehr oder weniger „Plastik-Kleidung“, unter der man erheblich schwitzt. Außerdem sind die FFP2-Masken über längere Zeit nicht angenehm zu tragen, wenn man sich körperlich anstrengen muss. Diese Schutzkleidung ist dann natürlich zu wechseln, wenn man das Zimmer verlässt. Und auch wenn die Kollegin nur kurz ins Patientenzimmer muss, ist diese Schutzkleidung erforderlich. Neben all diesem hygienischen Mehraufwand ist der Dokumentations-Aufwand erheblich. Dieser Aufwand stellt für die Mitarbeitenden auch eine körperliche Mehr-Belastung dar.

Die Corona-Pandemie hat auch Folgen aufs Gemüt.

Ja, genau. Die Arbeit mit Corona-Patienten ist auch psychisch anspruchsvoll. Die psychische Situation Corona-Infizierter ist bei jedem und jeder anders, es lassen sich aber Themen wieder entdecken, die mit Unsicherheit, Sorge und Schuldgefühlen zu tun haben. Mit viel Verständnis geben die Pflegenden den Infizierten Gewissheit, dass sie gut aufgehoben sind und dass alles getan wird für die Genesung. Oft sind ja auch die Besuchsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Daher erfüllen die Pflegenden auch eine wesentliche soziale Funktion für die Patienten: ein aufmunterndes Wort, Zeit zum Zuhören, ein zwangloses alltägliches Gespräch zwischendurch, einfach menschliche Nähe.  

Müssen die strengen Besuchsregeln sein?

Die meisten Corona-Vorgaben stammen nicht aus unserer Feder, sondern sind vom Bund im Infektionsschutzgesetz oder vom Land in Verordnungen vorgegeben. Die Krankenhäuser in Hannover haben zum Beispiel noch darüber hinausgehend ein Besuchsverbot beschlossen. Wir haben uns als diakonisches Haus explizit dagegen entschieden, weil wir der Überzeugung sind: Es tut so gut, Besuch zu bekommen. Gerade in einer aufregenden Situation wie Ungewissheit oder Krankheit wollen wir doch unsere Liebsten sehen und im besten Fall auch umarmen. Und auch wenn Corona-Patienten ihre Angehörigen nicht berühren dürfen, sehen sie sich dann wenigstens. Generell gilt, dass alle Besucher einen Testnachweis mitzubringen haben. Diese Pflicht besteht nach dem Infektionsschutzgesetz weiter, da gilt nicht die abgeschaffte Testpflicht für Geboosterte. Corona stresst also nicht nur die Mitarbeitenden und die Corona-Patienten, sondern auch die Besucher und Patienten anderer Bereiche. Die eingeschränkten Besuchsregeln sind nicht schön, aber sie sind in der jetzigen Situation ein guter Kompromiss. Corona fordert alle im Krankenhaus heraus.

Das können wir gesellschaftlich auch beobachten.

 Ja, neulich wurde eine Studie vorgestellt, die Agaplesion unter anderem mit der Diakonie Deutschland in Auftrag gegeben hatte. Dort wurde untersucht, mit welchem Lebensgefühl Menschen die Corona-Pandemie bewältigen. Da kommt auch das Wort „mütend“ vor, das die Mischung aus müde und wütend beschreibt: „müde“ im Sinn von erschöpft von all den Regeln und Beschwernissen und „wütend“ im Hinblick auf die reduzierten sozialen Möglichkeiten. Ganz erhellend sind dann acht Psychogramme, die acht verschiedene Corona-Typen beschreiben. Das kann man selber mal machen, wie so ein Test aus der Brigitte früher. Einfach mal googeln. Jedenfalls: Die psychosozialen Folgen der Pandemie werden uns mindestens so lange beschäftigen wie die materiellen Folgen für viele Menschen in der Gesellschaft. Und auch wir im Diako werten genau aus, was diese Pandemie laufend mit uns macht: Wir erleben einen Schub der Digitalisierung, der bestimmte Prozesse hilfreich voranbringt. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen durch einen Personalmangel in den beiden Kernprofessionen Pflege und Medizin durch die Pandemie nicht besser geworden sind. Da sind viele Hausaufgaben vom Gesetzgeber zu machen. Und wir haben neulich ein breit aufgestelltes Mitarbeiter-Forum zum „Spirit im Diako“ durchgeführt. Daraus leiten wir zurzeit konkrete Maßnahmen ab, die das Diako für seine Mitarbeitenden attraktiver macht. Im März stellen wir erste Ergebnisse vor.

Zurück zur Pandemie: Erwarten Sie weitere Patienten aus anderen Regionen Deutschlands?

Wenn wir helfen können, helfen wir gern. Zurzeit ist unsere Intensivstation jedoch bereits im Regelbetrieb ausgelastet. Wenn die Zahl der Corona-Patienten weiter steigt, dann werden Anfragen kommen. Dann müssen wir über Reserven entscheiden. Wir haben dafür Pläne vorbereitet. Wir haben bereits erste hausinterne Umstrukturierungen vorgenommen, indem wir den Normal-Stations-Bereich für Corona-Patienten mit mehr Personal ausstatten.

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