Rotenburger Professor zu Corona

Der Wunsch nach 1G: „Ständen mit Impfpflicht erheblich besser da“

Professor Tom Schaberg
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Professor Tom Schaberg sieht noch Herausforderungen im Zuge der Pandemie.

Mit dem Rotenburger Professor Tom Schaberg haben wir über die aktuelle Corona-Lage gesprochen, wie es weitergehen wird und welche Lehren aus der Zeit gezogen werden können.

Rotenburg – Professor Tom Schaberg (67) ist Pneumologe und Infektiologe und war mehr als 22 Jahre lang Chefarzt am Zentrum für Pneumologie des Rotenburger Diakonieklinikums. Er ist weit über den nationalen Rahmen hinaus bekannt als Autor zahlreicher Fachartikel und -bücher. Schaberg ist seit 2006 Mitglied des Expertenbeirats „Pandemische Atemwegsinfektionen“ am Robert-Koch-Institut und befasst sich somit auch intensiv mit dem Thema Corona.

Herr Professor Schaberg, haben wir das Schlimmste bei Corona überstanden?

Das Schlimmste in Deutschland ja, aber noch nicht die Pandemie. Eine vierte Welle, die im November/Dezember beginnt, ist sehr wahrscheinlich, da noch zirka zehn Millionen Erwachsene unter 60 und drei Millionen über 60 Jahren noch nicht geimpft sind. Weltweit gesehen bin ich bei einer Impfquote von deutlich unter 30 Prozent sehr pessimistisch und erwarte, dass noch sehr viele Menschen an Covid-19 sterben werden.

Was wird denn aus den Ungeimpften? Oder haben wir inzwischen die Erkenntnis, dass alles doch nicht so schlimm ist wie befürchtet?

Ich befürchte, dass eine Infektion mit der Delta-Variante für die Ungeimpften bis zum Frühjahr 2022 in Deutschland unausweichlich sein wird. Die Belastung des Gesundheitswesens wird davon abhängen, wie viele Menschen mit Risikofaktoren, unter anderem höheres Lebensalter, Übergewicht und Vorerkrankungen, sich unter den Ungeimpften befinden.

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Nicht wenige Politiker und Ärzte fordern eine Impfpflicht für alle, die häufig mit anderen Menschen zu tun haben, also für Lehrer, Pflegekräfte oder Erzieherinnen. Was halten Sie davon?

Jetzt ist es für diese Diskussion zu spät. Hätte man sich aber im Frühjahr des Jahres für eine allgemeine Impfpflicht entschieden, ständen wir heute ganz erheblich besser und sicherer da.

Was würden Sie sich denn wünschen – 2G, also genesen oder geimpft, oder 3G, genesen, geimpft oder getestet?

Eindeutig 1G, also geimpft, denn auch die Genesenen müssen sich impfen lassen. Zusätzlich müssen wir aber die AHA-Maßnahmen (Abstand – Hygiene – Alltagsmaske) bis zum Frühjahr 2022 konsequent weiterführen.

Die Impfzentren haben inzwischen geschlossen. Sie waren da ja auch tätig. Eine richtige Maßnahme?

Die Impfzentren habem eine hervorragende Arbeit geleistet. Im Moment gibt es aber keinen Bedarf mehr für sie. Falls wir aber eine dritte Impfung für große Teile der Bevölkerung brauchen, wird es für die Arztpraxen allein schwierig, noch einmal 50 bis 60 Millionen Menschen zu impfen. Je nach weiterem Verlauf kann es daher notwendig sein, die Impfzentren begrenzt wieder hochzufahren. Dies ist aber auch so geplant.

In den Bremer Schulen ist, wie auch in Bayern, die Maskenpflicht mittlerweile abgeschafft. Ist das sinnvoll?

Ich halte das für eine krasse Fehlentscheidung. Die Masken sind eindeutig in der Lage, das Infektionsgeschehen unter den Kindern und Jugendlichen so zu verlangsamen, dass wir es beherrschen können.

Wie steht es denn Ihrer Meinung nach mit einer Impfung für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren?

Ab zwölf Jahren können Kinder und Jugendliche schon jetzt geimpft werden. Kinder von sechs bis elf Jahren werden in zwei bis drei Monaten geimpft werden können. Ob allerdings Kinder geimpft werden sollen, ist eine Frage, die ich noch nicht abschließend beantworten kann, da schwere Covid-19-Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe sehr, sehr, sehr selten sind. Eindeutig wichtiger ist es, dass sich die Erwachsenen alle impfen lassen.

Sollten sich ältere Menschen zum dritten Mal impfen lassen?

Aktuell empfiehlt die Stiko (Anm. d. Red.: Ständige Impfkommission) eine Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff wie Biontec oder Moderna für alle Menschen über 70 Jahren und für Patienten mit einem krankheitsbedingt schwachen Abwehrsystem. Weitere Empfehlungen zur Auffrischungsimpfung betreffen altersunabhängig alle Bewohner von Pflegeheimen und das dort tätige Pflegepersonal sowie das Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt. Die Auffrischimpfung mit einem mRNA-Impfstoff soll frühestens sechs Monate nach Abschluss der Grundimmunisierung erfolgen, unabhängig davon, welcher Impfstoff zuvor verwendet wurde. Bei mRNA-Impfstoffen soll möglichst der bei der Grundimmunisierung verwendete Impfstoff zur Anwendung kommen.

Impfen und die AHA-Regeln konsequent weiterführen: Das bleibt nach wie vor die beste Möglichkeit, die Pandemie in den Griff zu bekommen, meint Professor Tom Schaberg.

Und was ist mit der Grippeschutzimpfung?

In der Grippesaison 2020/2021 gab es in Deutschland kaum Grippe-Infektionen. Der Ausfall der Grippewelle geht auf das Konto der Masken und besseren Hygiene sowie der Kontaktbeschränkungen. Allerdings fehlt nun unserem Abwehrsystem das jährliche „Training“ mit den Grippe-Viren. Daher ist die Grippeschutzimpfung in diesem Jahr besonders wichtig. Am besten im November oder Anfang Dezember.

Nach fast zwei Jahren Pandemie – was hätten Sie zu Beginn überhaupt nicht so erwartet?

Drei Dinge: Erstens, dass so schnell eine ganze Anzahl hochwirksamer Impfstoffe entwickelt werden kann. Zweitens, und das ist eine bedrückende Erfahrung, dass sich so viele Menschen in Deutschland bisher nicht haben impfen lassen. Drittens, dass sich die Delta-Variante so schnell entwickeln konnte.

Und was haben Sie, was haben wir gelernt?

Ich habe nach zwei Jahrzehnten der Beschäftigung mit „Pandemie-Planung“ nun das erste Mal eine „ganz normale Pandemie“ selbst erlebt und dabei natürlich enorm viel Neues gelernt. Wir alle haben aber hoffentlich gelernt, dass es Seuchen tatsächlich gibt. In den Urwäldern dieses Planeten existieren noch sehr viele Krankheitserreger, die Pandemien auslösen können. Es werden erhebliche Anstrengungen notwendig sein, damit wir bei der nächsten Pandemie, die leider sicher kommen wird, besser vorbereitet sind.

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