Die beste Holzachterbahn in Europa

Colossos: Das Gerücht vom Holzwurm

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Ulf Cordes und sein „Colossos“ im Heide-Park: Die Holzachterbahn „made in Waffensen“ steht seit 15 Jahren in Soltau – und sorgt jede Saison weiter für großen Nervenkitzel.

Waffensen - Von Ulla Heyne. Gerade ist der „Colossos“ im Heide-Park Soltau zu den besten Fahrgeschäften der Welt gekürt worden. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht vom Abbau der Holzachterbahn und vom Holzwurmbefall. Wir fragten bei Ulf Cordes, Geschäftsführer von Holzbau Cordes in Waffensen, nach, dessen Unternehmen das Mammutbauwerk realisiert hat.

„Colossos“ ist von einer der führenden Fachzeitschriften mit dem „European Star Award“ zur besten Holzachterbahn in Europa ausgezeichnet worden, Ihr „Balder“ in Schweden schaffte es auf Platz zwei. Was bedeuten diese Preise für Sie und Ihr Unternehmen?

Ulf Cordes

Ulf Cordes: Es ist ja so, dass da eine unabhängige Fachjury bewertet, welche Bahn vom Fahren, aber auch hinsichtlich der technischen Ausführung als Beste auf dem Markt eingeschätzt wird. Wir erwarten keine direkte Auswirkung über neue Aufträge, da die aktuelle Marktlage durch niedrige Preise amerikanischer Unternehmen geprägt wird. Nichtsdestotrotz ist es eine tolle Auszeichnung, wenn man bei den Bahnen dabei ist, die in Europa zu den Besten gehören. Zumal das mehr sind als man denken möchte, konkret mehr als 30 in Europa.

Ist so ein Preis eher in die Kategorie „Auszeichnung einiger begeisterter Freaks“ einzuordnen oder hat er doch eine größere Aussagekraft?

Cordes: Sicherlich sind bei Fahrgeschäften mit dieser extremen Flughöhe auch zwangsläufig einige dabei, die sich mit diesem Hobby extrem identifizieren, andererseits schauen aber auch Parkbetreiber und Hersteller ganz genau, was da bewertet wird.

Eine Achterbahn zu bauen – das klingt ein bisschen nach Jungentraum, der wahr wird. War das bei Ihnen schon ein Kindheitstraum oder eher Zufall?

Cordes: Weder bei mir noch bei meinem Vater, der vor 15 Jahren, als die Bahn erstellt wurde, ja noch im Unternehmen dominant war, war es so, dass wir uns zusätzlich zu unserem normalen Portfolio eine Achterbahn hätte vorstellen können. Dann hat sich der Heide-Park dazu entschieden, eine Holzachterbahn zu bauen und sich nicht, wie es in der Branche üblich ist, für einen bestimmten Hersteller zu entscheiden, sondern aus Affinität zum deutschen Handwerk auch lokalen Unternehmen eine Chance zu geben. So wurden die einzelnen Segmente, also das Fahrgeschäft und eben auch die Holzkonstruktion, einzeln ausgeschrieben. Als die Ausschreibung bei uns auf dem Tisch lag, war es natürlich eine Herausforderung, sich daran zu beteiligen, auch wenn es ein Traum war, den wir zuvor noch gar nicht geträumt hatten. Vielen war das Risiko dann doch zu hoch, sodass wir letztendlich wohl als einzige deutsche Firma ein Angebot abgegeben haben, damals für die reine Holzkonstruktion. Natürlich waren wir sehr froh, dass wir uns gegen die amerikanische Konkurrenz durchsetzen konnten und haben die Herausforderung dann auch angenommen und waren damit sogar erfolgreich. Heute muss man davon ausgehen, dass man die ganze Bahn anbieten muss, um einen Auftrag zu erhalten. Wir arbeiten mit einem Partnerunternehmen zusammen, das auch deutsche Technik liefert. Das ist im Verhältnis so, als wenn man Einzelradaufhängung baut im Vergleich zur Starrachse, nach den neuesten Standards und Tüv-abgenommen.

Nun spielte beim Heide-Park das, was man heute „vor Ort kaufen“ nennt, eine Rolle – inzwischen liefern Sie aber in die ganze Welt. Ist da auch das Kriterium „deutsche Qualität“ ein Charakteristikum?

Die Holzachterbahn „made in Waffensen“ steht seit 15 Jahren in Soltau – und sorgt jede Saison weiter für großen Nervenkitzel.

Cordes: Bei den Holzachterbahnen ist oft eine gewisse Nostalgie dabei. Da ist es nicht so schlimm, wenn es ein bisschen mehr rumpelt und schüttelt und vielleicht nicht alles so perfekt ist – was, wenn man die wirtschaftlichen Auswirkungen betrachtet, dazu führt, dass man eben aufgrund der Perfektion und des hohen Anspruches nicht unbedingt neue Aufträge generiert. So haben wir bei einer normalen Bahn, also so bis 30 Meter Höhe, nur eine bedingte Konkurrenzfähigkeit, weil das auch via herkömmlicher Technik, die es schon seit 30, 40 Jahren gibt, abgedeckt werden kann – dann ist das wirtschaftlicher als ein High-Tech-Ansatz. Wenn es aber darum geht, eine Bahn zu bauen, die 60 Meter hoch ist, mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h wie beispielsweise beim „Colossos“, dann ist die Konkurrenzsituation ein ganz andere, weil Ansprüche und Erfordernisse ganz andere sind. Und dann wird schon darauf geachtet, dass man eine Bahn erwarten, die das auch langfristig gewährleistet. Da gibt es erhebliche Unterschiede in der Dauerhaftigkeit – das ist beim „Colossos“ auch wahrgenommen worden. Wir haben dann in Schweden die Bahn „Balder“ realisieren dürfen und waren sogar bei einer Bahn in den USA mit dabei, wobei wir da die Konstruktion geliefert haben, sie aber aufgrund von Protektionismus in den USA nicht installieren durften. Diese Bahn ist vier Jahre in Folge zur weltweit besten Bahn bewertet worden, was durchaus eine hohe Aufmerksamkeit in der Branche mit sich gebracht hat. Auch in der Bewertung aller Achterbahnen, also nicht nur Holz, sondern auch Stahl, ist „El Toro“ zur Zeit das am besten bewertete Fahrgeschäft der Welt.

Nun sprachen Sie gerade die Langlebigkeit an. Spätestens in der Schlange zum „Collossos“ hört man das Gerücht, dass die Bahn nach dieser Saison abgebaut wird…

Cordes: Da ist zum Glück überhaupt nichts dran. Wobei es gar nicht schlecht ist, dass man sich mit so einem Thema mal auseinandersetzt, wenn es denn sachlich diskutiert wird – und dann ja auch im neuen Jahr die Überraschung erlebt, dass „Colossos“ immer noch da ist (lacht). Grundsätzlich gibt es allerdings große Unterschiede. Ich habe selber mal in Norwegen eine Bahn gesehen, wo nach fünf Jahren die ganze Schiene ausgetauscht werden musste; „Colossos“ läuft seit 2001. Bei „Colossos“ mussten bisher bis auf Verschleißteile noch keine größeren Teile ausgetauscht werden. Im Gegenteil ist es sogar so, dass die Bahn anfänglich höhere Belastungen erfahren hat als berechnet, weil sie sehr innovativ war und mit Kunststoffrädern versehen wurde, und dort die Geschwindigkeiten deutlich höher waren als berechnet. Dem hat man dann Rechnung getragen und die Bahn etwas eingebremst.

Also gehört auch das Holzwurm-Gerücht in den Bereich der Märchen?

Cordes: Bei Holz ist es so: Wenn es richtig behandelt wird, hat es eine sehr hohe Dauerhaftigkeit. Hier wurde eine äußerst wirksame Imprägnierung angewendet: Das Holz ist erst nach dem Zuschnitt und Versehen mit Bohrlöchern imprägniert worden, im Gegensatz zu amerikanischen Konzepten, wo die Bohrlöcher und Schnittflächen nicht behandelt werden. Genau von dort aus geht dann die Beschädigung aus. Das führt dann dazu, und das gab es in Amerika auch schon, dass die Bahnen nach einem Zeitraum von 15 Jahren so beschädigt sind, dass sie abgebaut werden müssen. Beim „Collossos“ gehen wir von einer Standzeit von 50 Jahren aus – und bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass das nicht erfüllt wird.

Wie erklären Sie sich die Langlebigkeit dieser Gerüchte – liegt das an der Faszination eines Naturbaustoffs oder an der imposanten Konstruktion?

Cordes: Vielleicht hat jemand davon gehört, dass irgendwo eine Holzachterbahn nach zehn Jahren abgebaut werden musste, und das hat sich dann als „Stille Post“ verselbstständigt? Es ist halt ein imposantes Bauwerk, bei dem es spannend ist, sich darüber auszutauschen.

Könnte es auch daran liegen, dass man Holz als Baustoff nicht so viel zutraut wie Stahl?

Cordes: Vielleicht spielt das auch eine Rolle, obwohl das im Bereich der Spekulation liegt. Es wird ja auch gesagt: Stahl brennt nicht und hat kein Problem mit Feuer. Spätestens seit 9/11 haben die Leute verstanden, dass das so nicht stimmt: Bei großer Hitze gibt er ohne Vorwarnung nach und versagt. Während man bei Holz inzwischen erkannt hat, dass es der einzige Werkstoff mit einem definierten Brandverhalten ist – im positiven Sinne. Da weiß man: Was nicht weggebrannt ist, ist noch tragfähig und muss nicht präventiv ausgetauscht werden. Das schlägt sich beispielsweise in Versicherungsprämien nieder.

Also sollte viel mehr aus Holz gebaut werden?

Cordes: Auf jeden Fall. In Berlin wurden zum Beispiel zwei Gebäude mit sieben Stockwerken als Holzkonstruktion realisiert. Das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen.

Wie geht es weiter mit den Achterbahnen „made in Waffensen“ – besteht kurzfristig die Chance auf Realisierung eines weiteren Großprojekts?

Cordes: Im Moment spricht die Wirtschaft eher dagegen, weil große Coaster, für die wir ja prädestiniert sind, weniger realisiert werden als kleinere. Die Parks gehören zunehmend zu Konzernen. Von denen werden eher kurzfristige Projekte bevorzugt, die schnelle Rendite abwerfen.

Sind Sie persönlich Achterbahn-Fan? Und fahren Sie ihre eigenen?

Cordes: Ja, unbedingt! In den USA hat es leider nicht gepasst, dass ich „El Toro“ hätte fahren können; das hätte ich sehr gern gemacht, weil es – gerade auch anhand der Prämierungen – eine wirklich spannende Bahn sein muss. Aber die anderen drei bin ich gefahren, auch mehrfach. „Colossos“ im Heide-Park fahre ich regelmäßig und sehr gern. Mein Magen mag Kreisel-Fahrgeschäfte nicht so gern, da sind Achterbahnen ganz gut, weil der Körper trotz Speed weniger belastet wird.

Was wäre Ihr großer Traum: Was würden Sie beruflich gern realisieren?

Cordes: Wir haben mal ein Projekt als Gedanken kreiert, und zwar würden wir gern ein Niedersachsenpferd mit einer Höhe von 40 Metern in der Nähe von Hannover bauen. Das wäre ein Traum. Hannover würde eine weitere Attraktion nicht schaden – und das Niedersachsenpferd ist ja Symbol des Bundeslandes. Die Idee und eine Projektskizze haben wir schon einem Ministerpräsidenten vorstellen dürfen – eine begehbare Konstruktion mit einem Restaurant und einem Aufzug, in der Nähe des Landtages.

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