„Kuss und Kodierung“

Ausstellung im Kunstturm: Der Code des Kusses

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Die ausstellenden Künstler Arne Lage (v.l.), Susann Hartmann, Hermanus Westendorp, Lutz Hölscher, Oliver Voigt, Norman Sandler und Peter Mokrus, Vorsitzender vom Kunstverein.

Rotenburg - Von Heidi Stahl. Im Rahmen des internationalen Tages der Museen hat der Kunstverein Rotenburg die Ausstellung „Kuss und Kodierung“ im Kunstturm an der Nödenstraße mit sehr divergenten Annäherungen an das Thema „Liebe“ aus der Sicht von sechs äußerst unterschiedlichen Künstlern eröffnet.

Zum ungewöhnlichen Zeitpunkt für eine Vernissage, nämlich am Sonntagmorgen, konnte Peter Mokrus im hellen Sonnenschein eine große Zahl kunstinteressierter Gäste begrüßen. Der Kunstturm ist einer der drei Ausstellungsorte, neben der Cohn-Scheune und dem Rudolf-Schäfer-Haus, für diesen Tag der Museen mit dem gemeinsamen Themenkreis „Liebe – Hoffnung – Glaube“. Dass im Turm das Thema „Liebe“ seinen Platz fand, konnte Mokrus nur freudig begrüßen. Die sechs bildenden Künstler Susan Hartmann (Objekte), Lutz Hölscher (Malerei), Arne Lage (Linolschnitt), Norman Sandler (Zeichnungen), Oliver Voigt (Foto und Objekt) und Hermanus Westendorp (Zeichnung) zeigen hier auf den verschiedenen Ebenen des Kunstturms jeweils eine andere Verschlüsselung des Themas.

In seiner Einführung wählte Westendorp Beispiele aus Literatur, Musik und Medien, um die verschiedenartige Herangehensweise der Künstler an das Thema zu deuten. „Liebe macht blind – aber der Liebende sieht weiter“ und nicht nur die emotionale oder sprachliche Ausdrucksweise erklärt Liebe, sondern auch Körpersprache, Zeichensprache sowie in der Kommunikation des digitalen Zeitalters Emoticons oder der emporgereckte Daumen. Die Hintersinnigkeit und ambivalente Bedeutung des Kusses, als Themengeber für diese spezielle Präsentation im Turm, zeigt sich bei dem jeweiligen Künstler in den verschiedensten Formen. Ob in den Wangenküssen der Bussi-Bussi-Gesellschaft, dem Judaskuss, den sogenannten Bruderküssen von Politikern, immer kann der erste Eindruck täuschen, erklärte Westendorp. Der Code des Kusses soll Nähe simulieren, die als solche nur in den selten da ist.

Ein Kuss - und im Hintergrund ein Mord

Arne Lage nimmt in seinem überdimensionierten Linolschnitt die Anfangsszene, den Kuss eines Paares aus Michelangelo Antonionis Film „Blow up“ während im Hintergrund ein Mord geschieht, als visualisierte Doppeldeutigkeit einer scheinbar emotionalen Szene. Unter dem Motto „man muss nicht unbedingt schwul sein, aber man sollte sich wenigstens so verhalten“ zeigen die Fotografien von Oliver Voigt, sich küssende Männer in der Öffentlichkeit und in verschiedenen Städten, während Susann Hartmann narzisstische Selbstliebe thematisiert in einem Spiegelobjekt, über das ununterbrochen Wasser läuft und in dem man sich selbst betrachten kann, wobei nicht klar ist, ob da nicht doch Tränen über sein eigenes Spiegelbild laufen und ob sie nicht doch Narziss als Entdecker des Selfies ironisiert.

Auch der junge, aus Berlin stammende Norman Sandler versucht in seinen Zeichnungen, die wie Screenshots vom Computer anmuten, die Authentizität von Bildern infrage zu stellen, Persönliches wird zur Massenware, wahre Liebe zur Ware, Pixelfragmente zur dauerhaften Wirklichkeit. Für diese Ausstellung muss man sich Zeit nehmen, um all die ambivalenten Facetten der hier gemeinten „Kodierungen des Kusses“, auch bei den Zeichnungen Westendorps oder den scheinbar romantisierten Malereien von Lutz Hölscher, in ihrer ausgemachten Vielfältigkeit und und Vieldeutigkeit der initiierten Gedankengänge nachvollziehen zu können.

Ausstellungsdauer: bis 24. Juni, Öffnungszeiten: Sa. 15 bis 17 Uhr, So. 11 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr im Kunstturm an der Nödenstraße

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