Bauamtsleiter geht nach Weißenfels

Rotenburgs große Baustelle: Stadtplaner Bumann geht

Baustellenschild
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Die Stadt Rotenburg wird zur Großbaustelle - und Bauamtsleiter Clemens Bumann packt aus und geht.

Rotenburg hat viele Baustellen, jetzt eine große in der Verwaltung: Stadtplaner Clemens Bumann geht. Das hat auch was mit dem ehemaligen Bürgermeister Andreas Weber zu tun.

Rotenburg – Sommer 2021. Andreas Weber (SPD), noch amtierender Bürgermeister der Stadt Rotenburg, gibt seine Kandidatur für den Stadtrat bekannt – wenige Monate, bevor er als Verwaltungschef seinen Hut nehmen wird. Ein Moment, der für Bauamtsleiter Clemens Bumann in gewisser Weise das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Bumann schaut sich im Internet nach freien Stellen um, stößt auf eine Ausschreibung der Stadt Weißenfels in Sachsen-Anhalt, wirft seinen Hut in den Ring – und bekommt den Job. Am 1. Mai geht’s für ihn dort los.

Rotenburg verliert nach etwas mehr als acht Jahren seinen intern und extern geschätzten Bauamtsleiter. „Das macht mich traurig“, sagt der neue Bürgermeister Torsten Oestmann. Kaum im Amt, hat der es mit einer weiteren Großbaustelle zu tun. Die fehlenden Jahresabschlüsse müssen endlich fertig werden, der neue Haushalt ist möglichst schnell auf die Schiene zu setzen – und nun auch noch eine Neubesetzung in einem Amt, dem in diesem Jahr mit dem Verkehrsentwicklungsplan sowie der anvisierten Stadtentwicklung allein schon dicke Brocken bevorstehen.

„Ich bin in einem Alter, in dem man noch mal eine neue Herausforderung sucht“, so Clemens Bumann. Unterhält man sich mit dem 45-Jährigen etwas länger, wird klar: Das ist nur die halbe Wahrheit. Hinter der Entscheidung steckt eine Entwicklung, die mit der Kommunalwahl eine Richtung eingenommen hat, die für ihn nicht mehr tragbar ist.

Rotenburgs Bauamtsleiter Clemens Bumann hat einen neuen Job.

„In welcher Kommune gibt es einen Bürgermeister, der ohne Unterbrechung in den Stadtrat wechselt, um politisch aktiv zu sein? Ehrlich gewesen wäre, selbst für eine zweite Amtszeit für das Bürgermeisteramt anzutreten“, sagt Bumann. Er sei im Sommer ein Stück weit enttäuscht gewesen, dass sich Weber – entgegen seiner eigenen Aussage ein Jahr zuvor – für den Stadtrat bewirbt. Weber habe keinen Hehl daraus gemacht, in der aktuellen Wahlperiode durch den Stadtrat abgelehnte Projekte wieder auf die Agenda zu setzen. Die IGS-Oberstufe ist das erste Beispiel, der gescheiterte Versuch, in Rotenburg einen Friedwald zu etablieren, könnte ein weiteres werden. „Gleichzeitig hat er einen Kandidaten für das Bürgermeisteramt aufgebaut. Für mich ein fragwürdiger demokratischer Vorgang.“

Zugleich habe er mit Webers Kandidatur geahnt, dass dieser nach der Wahl im September in den Bauausschüssen vertreten sein wird. Aktuell ist er zudem Vorsitzender des Planungs- sowie Mitglied des Verwaltungsausschusses. Mit Weber, der viele interne Abläufe und Vorgänge kenne, seien die jeweilige Tagesordnung und auch die Beschlussempfehlungen abzustimmen. Bumann: „Wo bleibt die Beinfreiheit des gewählten Amtsinhabers?“ Oestmann bringt sein Bedauern zum Ausdruck und betont, alles versucht zu haben, um Clemens Bumann von seiner Entscheidung abzubringen. „Das ist mir leider nicht gelungen.“ Die Motivation Bumanns lässt Oestmann unkommentiert. Vielmehr betont der neue Verwaltungschef, dass Bumann inzwischen Land und Leute sehr gute kenne, ein Mann sei, der Visionen habe und das Amt maßgeblich gestaltet und modern aufgestellt habe. „Ein herber Verlust“, sagt Webers Nachfolger.

Differenzen bei Bebauungsplänen

Bumann selbst nimmt kein Blatt vor den Mund. Andreas Weber sei maßgeblicher Antrieb in Richtung Abschied, macht er deutlich. Er habe sich in den vergangenen Jahren mehrmals mit schnellen und persönlich motivierten Entscheidungen Webers schwergetan. Zuletzt habe es Differenzen im Fall des Bebauungsplans für das neue Wohn- und Geschäftsquartier auf dem Kalandshof gegeben. „Ich sprach mich für eine höhere Bebauung aus.“ Der Fachmann erklärt den Grund: Eine höhere Dichte und eine Nutzungsmischung seien stadtplanerische Voraussetzung für eine klimagerechte Stadt mit weniger Kfz-Besatz. „Warum dies eine Gefälligkeitsplanung ist, mit der ich mir meine Zukunft verbrenne, kann ich nicht nachvollziehen.“ Genau das aber habe Weber ihm bei dessen Abschied mit auf den Weg gegeben. Weber stelle sich als „Anwalt der Bürger auf“ und mache sich für eine flachere Bebauung stark. Das Vorgehen beim einstigen Plan, zeit- und versuchsweise die Goethestraße zu sperren, sei ein ähnliches Beispiel, bei dem sich Weber im Vorfeld nicht intern mit der Verwaltung abgestimmt habe.

„Dass es auch anders geht, zeigt nach wenigen Wochen sein Nachfolger“, so Bumann. Oestmann höre die Verwaltung an, sei faktenbasiert und bilde sich anschließend seine Meinung. Bumann: „Er genießt damit ein hohes Ansehen in der Verwaltung.“

Andreas Weber (SPD) sitzt weiter im Stadtrat – als Ratsherr, nicht als Bürgermeister.

Das sagt der ehemalige Bürgermeister Andreas Weber (SPD)

Clemens Bumanns Leistungen seien ausdrücklich zu würdigen, und ihm sei für sein überaus großes Engagement zu danken. „Eine solche Entscheidung allerdings, seinen Arbeitsplatz und seinen Wohnort mit Familie zu verändern, hat bestimmt vielschichtigste Gründe und ist zu respektieren“, erklärt der ehemalige Bürgermeister Andreas Weber (SPD) auf Anfrage unserer Redaktion. Solch eine Entscheidung mache man sich nicht leicht.

Er und Bumann hätten in den vergangenen Jahren gemeinsam mit vielen anderen Projektverantwortlichen im Bauamt und weiteren Unterstützern in einem sehr großen, gegenseitigen Vertrauen miteinander gearbeitet und wichtige Projekte realisiert. Das Arbeitsverhältnis zwischen der Verwaltungsspitze und Clemens Bumann sei nicht nur geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Anerkennung, sondern auch überaus konstruktiv und ausgesprochen kollegial gewesen, teilt Weber weiter mit. „Bumanns hohe Arbeitsqualität fand in der von mir initiierten Neubewertung seiner Funktionsstelle und entsprechender Hebung in den höheren Dienst auch eine außergewöhnliche Anerkennung.“

Dass man bei den unterschiedlichsten Projekten auch ab und zu abweichende Meinungen voneinander haben könne, sei selbstverständlich. Weber weiter: „Insbesondere lag es mir am Herzen, berechtigte Anliegerinteressen in den Planungsprozess mit einzubeziehen und mit dem Finden von Kompromissen eine Umfeldverträglichkeit der Baumaßnahmen zu erreichen.“ Sollte es interne Missverständnisse gegeben haben, sollten diese auch intern miteinander zum Wohle der Stadt Rotenburg erörtert werden, findet der Sozialdemokrat, der nach dem Ende seiner Amtszeit für die SPD wieder in den Stadtrat eingezogen ist. Bisher seien ihm diese Missverständnisse von Clemens Bumann nicht persönlich mitgeteilt worden, ebenso wenig zusätzliche Personalforderungen.

„Ich habe in der Vergangenheit bei jedem Projekt die wertvolle und gute Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Bauamt anerkannt und diese auch jedes Mal öffentlich ausdrücklich gelobt und werde meine vielen wertvollen Erfahrungen – jetzt ehrenamtlich – weiterhin gerne zum Wohle Rotenburgs und zur Unterstützung der Verwaltung im Stadtrat einsetzen“, so Weber abschließend. men

Für Bumann sei es eine weitere Enttäuschung, wenn der ehemalige Bürgermeister erklärt, dass die Stadt sich kein Kulturzentrum leisten könne oder solle, zuvor aber eine solche Einrichtung als „wesentliches Kernstück“ schon im Stadtentwicklungskonzept aufgeführt war, das der Rat verabschiedet hat. „Im Übrigen sehe ich nicht die finanziellen und personellen Voraussetzungen, die die Umsetzung des angedachten Konzepts erfordern.“

Mehr noch: Bumanns Ansicht nach seien die Pflichtbereiche wie etwa Tiefbau, Kämmerei und Planung nicht leistungsgerecht besetzt, während in anderen Feldern Stellen für die Koordination der Kitas oder für das E-Government geschaffen werden. „Eigentlich muss man vorher mal gucken, wo es klemmt.“ Das Thema Jahresabschlüsse sei zudem eines, das Oestmann gewaltig auf die Füße falle. Der Abschluss für 2012 sei schließlich Voraussetzung für eine Genehmigung des Etats für 2022. Erforderliche Um- oder Erweiterungsbauten im Zuge der nun auf den Weg gebrachten IGS-Oberstufe ließen sich derweil erst dann anpacken, wenn der Haushalt genehmigt ist. „Das ist aber erst im Sommer zu erwarten.“ Mit dem neuen Schuljahr aber soll die Oberstufe im Falle einer Genehmigung an den Start gehen. „Im ersten Jahrgang geht das, aber für einen zweiten sind Investitionen erforderlich“, ist Bumann sicher. Weber aber sei es gewesen, der nach der Wahl einen derart schnellen, erneuten Oberstufenantrag initiiert habe. Es wäre besser gewesen, der Ansicht Oestmanns zu folgen, sich Zeit zu nehmen, um eine konzeptionell durchdachte bauliche und organisatorische Lösung für die Oberstufen zu schaffen, ist Bumann überzeugt. „Hier agierte der ehemalige Amtsinhaber gegen den amtierenden Bürgermeister aus meiner Sicht unglücklich und sachfremd.“

Rotenburg nicht hungrig genug auf Weiterentwicklung?

Stadtplanerisch habe Weber immer wieder gezeigt, eigene Vorstellungen zu haben, die er entsprechend einbringt und umsetzen wolle. Problem: Zu selten habe es zuvor eine Abstimmung beziehungsweise eine Beratung in der Verwaltung gegeben. Auch mit Blick auf die „Zipfelmützen“-Diskussionen 2019 im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau dort, wo einst das „Carthago“ zu finden war, liegt Bumann schwer im Magen. „Ich hatte öfter das Gefühl, dass Andreas Weber mich mit seiner Meinung vereinnahmt – man fühlt sich gefangen, eben nicht mehr frei.“ Im Sport sieht der Planungsamtsleiter eine Möglichkeit, sich abzureagieren. Bumann habe sich selbst und seine Arbeit oft ausgeblendet gefühlt.

Der 45-Jährige ist verheiratet und Vater dreier Kinder im Alter von fünf, sieben und acht Jahren. „Rotenburg ist für Familien mit kleinen Kindern die ideale Familienstadt“, sagt der gebürtige Freiburger. Er schätze die Stadt und seine Kollegen im Rathaus, denen er Tatkraft und Einsatz bescheinigt.

Jetzt zieht es ihn nach Weißenfels, eine Stadt mit 40 000 Einwohnern und historischem Stadtbild. Bei seiner Vorstellung in den Gremien dort habe er den Eindruck gewonnen, „dass die Verantwortlichen hungrig auf eine Weiterentwicklung der Stadt sind und hierbei auch Veränderungen offen gegenüberstehen“. Rotenburg hingegen arbeite zu wenig nach vorne, sagt er. Der Mensch komme hier zu kurz. Das aber sei ihm das Wichtigste. In Weißenfels reibt man sich also die Hände, und in Rotenburg hinterlässt Bumann große Fußstapfen. „Wir werden nun die Köpfe zusammenstecken und die Stelle möglichst schnell ausschreiben“, versichert Oestmann. Denn es müsse schnell ein Nachfolger gefunden werden.

Ein Kommentar von Guido Menker

Ein Abschied mit Folgen

Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich Andreas Weber nach seiner Amtszeit als Bürgermeister komplett aus der Politik zurückgezogen hätte und nicht im Anschluss für die SPD in den Stadtrat eingezogen wäre. Wenn er also genau das getan hätte, was er ein Jahr zuvor angekündigt hatte. Das meint nicht nur Bauamtsleiter Clemens Bumann, der sich nicht zuletzt deshalb auf dem Absprung befindet. So sehen es auch viele Beteiligte und Beobachter der Rotenburger Kommunalpolitik. Bumann allerdings ist der Erste, der sein Herz in die Hand nimmt und genau das öffentlich formuliert. Und zwar als wesentlichen Teil der Begründung für seinen Abschied nach mehr als acht Jahren. Es ist ein Abschied, der Folgen hat. Das Bauamt ist nun selbst eine Großbaustelle für den neuen Bürgermeister – und der verliert nicht nur einen Amtsleiter, der zwischenzeitlich mehrere, lukrative Angebote zugunsten Rotenburgs ausgeschlagen hat. Nein, er muss einen Nachfolger finden, der Ideen hat und kreativ ist. Ein Experte eben. Die sind begehrt. Das alles wird Zeit in Anspruch nehmen, die Rotenburg angesichts der Fülle an bevorstehenden Projekten eigentlich nicht hat.

So mancher Zeitgenosse spricht von einer Katastrophe. Das trifft es recht gut. Der Abschied Bumanns wiegt schwer und wirft ein neues Licht auf die Amtszeit von Andreas Weber. Das könnte für Zündstoff sorgen. Vor allem in der SPD. Unabhängig von Bumanns Abschied stellt sich immer noch die Frage, warum Weber nicht loslassen kann. Liegt es daran, dass ein Schatten auf seiner Amtszeit liegt? Man erinnert sich an den Rücktritt vom Rücktritt. Weber hat Spuren hinterlassen – bis in den Wahlkampf von Torsten Oestmann hinein. Einige vermuteten in ihm – ebenso wie sein Vorgänger von Haus aus Polizist – eine Art Marionette. Ist er aber nicht. Gewonnen hat Oestmann dennoch sehr klar. Bumann hatte dem Vernehmen nach selbst an eine Bürgermeister-Kandidatur gedacht, die Idee aber verworfen. Hat er etwa schon geahnt, dass er es womöglich auch weiterhin mit seinem bisherigen Chef zu tun haben würde? Diese Frage bleibt offen. Weber, sagt er, habe Kritik und andere Auffassungen oft persönlich genommen. Er als Stadtplaner hat viel Frust geschoben. Also: gehen oder bleiben? Bumann hat eine für sich gute, aber für Rotenburg ganz schlechte Antwort gefunden.

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