Chefarzt der Rotenburger Kinderklinik berichtet von seinen Erlebnissen

„Kinder sollten sich ausprobieren“

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Schon während seiner Schulzeit hat er sich für die Medizin fasziniert: Seit August 2016 ist Dr. Jens Siegel Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Wenn ein Kind krank wird, ist die Sorge oft groß bei den Eltern und der Weg zum Arzt nicht weit. Einer, der sich auf junge Patienten spezialisiert hat, ist Dr. Jens Siegel. Seit über anderthalb Jahren ist er als Chefarzt der Kinderklinik am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg tätig, hat dabei schon viel Positives aber auch Negatives erlebt. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erzählt Siegel von seinem Erfahrungsschatz.

Herr Dr. Siegel, warum sind Sie Kinderarzt geworden?

Dr. Jens Siegel: Ich habe schon in der Schulzeit gemerkt, dass mich die Medizin fasziniert. In meiner Freizeit habe ich Sportgruppen betreut und Jugendfreizeiten geleitet. Das hat mir viel Spaß gemacht, und so entstand der Wunsch, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit meinem Interesse für die Medizin zu verbinden. So bin ich darauf gekommen, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin zu werden.

Was zählt alles zu Ihren Aufgaben als Chefarzt der Kinderklinik?

Siegel: Vom Organisieren, über das Behandeln von Patienten, die Weiterentwicklung des Angebots in der Kindermedizin auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand und damit einhergehend die Weiterbildung für das gesamte Team. Alles das gehört dazu, und die Vielseitigkeit dieser Aufgabe macht meinen Beruf so interessant.

Was für Eigenschaften sollte ein angehender Kinderarzt Ihrer Meinung nach mitbringen?

Siegel: Eine gute Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, Verständnis, Geduld und Ideenreichtum gehören aus meiner Sicht ebenso dazu wie Erfahrung und fundiertes Wissen.

Wie viele Ihrer jungen Patienten leiden eigentlich an den typischen Saisonkrankheiten?

Siegel: Kinder, die wir hier in der Kinderklinik behandeln, haben meist eine sehr ausgeprägte Symptomatik. Der Großteil der Kinder mit den typischen Saisonerkrankungen ist bei den niedergelassenen Kollegen sehr gut aufgehoben.

Gibt es viele Eltern, die die Impfung ihres Kindes verweigern?

Siegel: Die Zahlen des Robert-Koch-Institutes zeigen, dass Niedersachsen im Vergleich zu den anderen Bundesländern eine überdurchschnittlich hohe Impfquote hat. Trotzdem gibt es Eltern, die sich gegen Impfungen entscheiden. Wer sich aber für das Impfen entscheidet, sollte so früh wie möglich die entsprechenden Impfungen durchführen lassen. Wenn der volle Impfschutz besteht, verringert sich der Zeitraum, in dem eine Erkrankung möglich ist. Nach unserer Erfahrung treten bei Infektionen vor allem dann Komplikationen auf, wenn der Impfschutz noch nicht vollständig war, obwohl er es hätte sein können.

Wie viele der Kinder, die zu Ihnen kommen, sind tatsächlich krank?

Siegel: 70 Prozent der Patienten sind nur leicht erkrankt und brauchen keine stationäre Behandlung. In die Kindernotfallambulanz kommen alle, die keinen Termin bei einem niedergelassenen Kollegen bekommen konnten, an den Wochenenden und Feiertagen oder später am Abend. Ein weiterer Weg ist die Einweisung durch den betreuenden Kinder- oder Hausarzt. Hier liegt dann ein guter Grund vor, das Kind in der Klinik vorzustellen und zu behandeln. Der dritte Weg ist ein Termin in unseren Spezial-Sprechstunden, beispielsweise in der Kinderorthopädie, -kardiologie oder –endokrinologie/-diabetologie. Auch hier kommen die Patienten mit klaren Fragestellungen und aus guten Gründen.

Treffen Sie oft auf überängstliche Eltern?

Siegel: Vor der Geburt eines Kindes sprechen wir davon, das wir „Eltern werden“. Der Prozess des „Werdens“ ist aber mit der Geburt nicht abgeschlossen, sondern ein Lernprozess. Eltern sind oft sehr unsicher, wie ernsthaft erkrankt ihr Kind wirklich ist, und kommen im Zweifel lieber einmal öfter zum Arzt.

Stoßen Sie auch auf Eltern, wo Sie merken, dass sie den Erfolg ihres Kindes bei der Erziehung in den Vordergrund stellen und übervorsichtig agieren?

Siegel: Nein, wir erleben Eltern in erster Linie besorgt, und in unserem Arbeitsalltag spielt das keine Rolle. Wir wollen Eltern und Kinder gleichermaßen gut betreuen und behandeln. Das Team der Kinderklinik trägt das mit.

Was ist bei der Untersuchung eines Kindes vor allem zu beachten?

Siegel: Das Wichtige für uns als Ärzte ist, dass wir uns auf das Kind einstellen. Bei Untersuchungen arbeiten wir oft mit Stellvertretern. Das heißt, dass ich zuerst gemeinsam mit dem Kind die mitgebrachte Puppe oder unser Stofftier untersuche und erst dann das Kind. Erst braucht es eine Vertrauensbasis. Da ist oft Ideenreichtum gefragt, und das Dabeisein der Eltern ist ganz wichtig und hilfreich. Wenn es um ein erkranktes Kind geht, muss ich die Eltern mit ins Boot nehmen.

Und wenn das Kind gar nicht zu Wort kommt, schicken Sie die Eltern dann auch mal vor die Tür?

Siegel: Ich will die Sorgen der Eltern ernstnehmen und deren Informationen nutzen. Deshalb betrachte ich Eltern und Kind als eine Einheit. Gerade bei jüngeren Kindern ist die Beobachtung der Eltern ein immens wichtiger Baustein bei der Diagnose. Deshalb vermeide ich es, Eltern rauszuschicken.

Was machen Sie, wenn Sie merken, dass die Eltern nicht gut mit ihrem Kind umgehen? Gab es da schon Fälle, wo sie das Jugendamt einschalten mussten?

Siegel: Kindswohlgefährdung und Kindesmisshandlungen machen leider auch unseren Arbeitsalltag aus. Kinderschutz ist ein Bestandteil der Kinderheilkunde. Wir sind deshalb Mitglied im Netzwerk Frühe Hilfen und arbeiten mit anderen Institutionen wie dem Jugendamt zusammen, um Aufklärung und Hilfestellung anzubieten.

Wie können sich Eltern am besten auf einen Besuch beim Kinderarzt vorbereiten?

Siegel: Vor allem ehrlich sein zum Kind. Blutabnahmen piksen eben, Impfungen meist auch. Hilfreich sind auch Bücher, in denen dargestellt wird, was ein Kinderarzt macht.

Gibt es ein schönes Erlebnis aus Ihrer Tätigkeit, an das Sie immer wieder gerne zurückdenken?

Siegel: Klar. Meine schönsten Erlebnisse sind die, wenn ein Kind mit großer Skepsis zu uns kommt, wir es schaffen, diese Vorbehalte zu überwinden und das Kind nach einer erfolgreichen Behandlung zuversichtlich wieder nach Hause geht.

Und ein nicht so schöner Moment?

Siegel: Wenn Kinder so schwer krank sind, dass auch die moderne Kindermedizin nicht mehr helfen kann.

In der heutigen Zeit sieht man draußen immer weniger Kinder spielen. Es wird aber erzählt, dass das Spielen im Freien gut für das Immunsystem und die motorische Entwicklung ist. Wie bewerten Sie diesen Wandel?

Siegel: Eltern können für Kinder ganz einfach Folgendes tun: Miteinander Zeit verbringen, gemeinsame Unternehmungen machen und den Kindern Zutrauen geben in die eigenen Fähigkeiten. Das bedeutet, Kinder sollten sich ausprobieren und ihrem Forscherdrang nachgehen können. Gibt man dem Raum, führt dies zu einer positiven Entwicklung bei Kindern.

In der Schule sitzen Kinder auch die meiste Zeit. Wie sollte ein gesunder Schultag aussehen?

Siegel: Schule sollte Kinder ihrem Alter entsprechend abholen. Wenn Lernen auch Spaß macht, nehmen Schüler etwas mit und Lernen gern.

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