Eine neue Generation

CDU sucht mit ihrem neuen Landrat neue Mehrheit im Rotenburger Kreistag

Marco Prietz (r.) und Hermann Luttmann
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Marco Prietz (r.) folgt im November auf Hermann Luttmann als Landrat des Landkreises Rotenburg.

Die CDU bleibt stärkste Kraft im Kreis und hat einen neuen Landrat. Nun beginnt die Suche nach einer politischen Mehrheit.

Rotenburg – Deutschlands jüngster Landrat ist müde. Die Nacht war kurz, mit vielen Parteifreunden musste Marco Prietz noch das ein oder andere Feiergetränk zu sich nehmen. Das „Haus am See“ in seiner Heimat Bremervörde war bei seiner Ankunft nach einer Rundreise durch den Landkreis am Wahlabend ein „Hexenkessel“, Prietz marschierte bejubelt zu krachender Rockmusik ein.

60,37 Prozent bei der Direktwahl, bei der Kreistagswahl mit 9 712 Stimmen das mit Abstand beste Einzelergebnis – Prietz hat die Abstimmung ebenso „gerockt“, was allerdings auch nicht ganz unerwartet kam. Er galt als großer Favorit, seine Kontrahenten ums Landratsamt, Stefan Klingbeil (Die Linke) und Gabriele Hornhardt („Bürgerliste Landkreis Rotenburg“) waren erst im Juli ins Rennen eingestiegen, nachdem der von SPD und Grünen nominierte Volker Harling aus gesundheitlichen Gründen passen musste. In seinem Heimatdorf Hönau-Lindorf holt Prietz 90 Prozent der Stimmen, überhaupt verfehlt er in den 13 Kommunen des Landkreises nur in Bothel und Rotenburg die absolute Mehrheit ganz knapp. „Gigantisch“, sagt Prietz.

Gegen den Bundestrend

Doch am Montagnachmittag beginnt wieder die politische Arbeit für den 33-Jährigen: Fraktionstreffen, Kreisvorstand. Am Mittwoch trifft sich der künftige Landrat, der am 1. November seinen Dienst antritt, im Kreishaus mit seinem Vorgänger Hermann Luttmann (CDU), dem Ersten Kreisrat Torsten Lühring und Finanzdezernent Sven Höhl – erste Details der Amtsübergabe werden besprochen, der Blick wird auf den Haushalt 2022 geworfen. Am Wochenende der Bundestagswahl gibt es eine Klausurtagung mit der alten und neuen CDU-Kreistagsfraktion in Hamburg. 23 der 54 Kreistagssitze hatte die CDU zuletzt inne, nun sind es 22. Mit 41,28 Prozent hält die CDU ihr Ergebnis von 2016 nahezu. Auch das für Prietz ein Erfolg „gegen den Bundestrend“. Der CDU-Kreisvorsitzende Marco Mohrmann hatte schon am Waldabend gesagt, dass die Wähler sehr genau hinschauen, wer vor Ort die Politik gestalte. Und da habe die stärkste Kreispartei offensichtlich gute Arbeit geleistet. In der Kreistagsfraktion werden das aber nun aber andere Personen übernehmen müssen. Nicht nur, dass Prietz als bisherige Sprecher der Mehrheitsgruppe aus CDU, WFB und FDP die Seite Richtung Verwaltung wechselt, auch ist die Fraktion künftig „ausgesprochen jung und weiblich“, wie der neue Verwaltungschef sagt. Langjährige Kreistag-„Schwergewichte“ wie Heinz-Friedrich Carstens, Heinz-Hermann Holsten, Hans-Heinrich Ehlen und Elke Twesten sind nicht mehr dabei. Dafür rücken mit Marsha Weseloh, Franziska Kettenburg, Marvin Heinrich und Patrick Brinkmann CDU-Vertreter einer ganz neuen Generation nach – der natürlich auch Prietz selbst angehört.

Neun Parteien und Gruppen im Kreistag

Den Auftrag, auch die neue Kreistagsmehrheit zu bilden, sieht Prietz angesichts des Vorsprungs auf SPD (27,17%), Grüne (13,22%) und die anderen im deutlich bunter gewordenen Kreistag mit insgesamt neun Parteien und Gruppen weiter eindeutig bei der CDU. „Es gibt im Kreistag eine bürgerliche Mehrheit“, sagt er und verweist auf Mehrheitskonstellationen, die nicht nur auf Basis der alten Mehrheitsgruppe möglich wären. „Als Landrat arbeite ich aber mit allen Parteien zusammen“, bekommt er am Tag nach seiner Wahl umgehend den Schwenk in seine neue Rolle.

60 Prozent Zustimmung der Wähler über Parteigrenzen hinweg sieht er aber auch als politischen Auftrag für sich als neuer Landrat. Was versprochen sei, müsse umgesetzt werden – Themen wie eine bessere digitale Verwaltung und mehr Bürgerservice müssten möglichst schnell umgesetzt werden. Unterstützung haben schon mal die Grünen zugesagt – mit einem Plus von knapp drei Prozent gegenüber 2016 zwar der größte Wahlsieger, aber natürlich angesichts des bundesweiten Aufschwungs nicht ganz zufrieden. Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder, künftig auch im Kreistag sitzend: „Wir erwarten, dass er wahr macht, was er ein Jahr lang versprochen hat.“ Wer bewegen will, „bei dem sind wir dabei“. Inhaltlich liege man ja gar nicht weit auseinander. Nur: „Wir hadern damit, dass viele nur schnacken und nicht handeln“.

Die unterlegene Landratskandidatin Gabriele Hornhardt meldete sich am Montag auch noch zu Wort, nachdem sie am Sonntag anders als Klingbeil nicht zum Gratulieren am Kreishaus erschienen und auch telefonisch nicht erreichbar war. Sie wünsche Prietz nun, „dass er bei all seinen Entscheidungen im Sinne des Gemeinwohls handelt und Lobbyinteressen entgegentritt“, heißt es in einer schriftlichen Mitteilung.

Der Kommentar von Michael Krüger

Buntes Treiben im Kreistag

Aus acht Parteien im Kreistag wurden sechs, die AfD hieß plötzlich anders, und auch wenn es inhaltlich mit dem zu schließenden Krankenhaus in Zeven, dem neuen Raumordnungsprogramm oder dem Dauerbrenner Bauschuttdeponie Haaßel inhaltlich manches Mal rund ging im höchsten politischen Gremium des Landkreises: Frischer Wind tut auch hier mal ganz gut. Nun wird es bunter, neun Parteien und Gruppen sind gewählt. Von der Linken bis zur AfD reicht das Spektrum, Freie Wähler, FDP und WFB dürfen (wieder) mitmischen. Viele derjenigen, die bisher in den Parteien den Ton angaben, wurden nicht mehr gewählt oder waren gar nicht mehr angetreten: Hans-Heinrich Ehlen, Hartmut Leefers, Elke Twesten, Ulrich Thiart, Gerhard Oetjen, Gerhard Holsten, Charly Carstens, Heinz-Hermann Holsten, Jan-Christoph Oetjen, Klaus Manal – um nur einige zu nennen.

Es gibt nach 15 Jahren einen neuen Landrat und eine alte Partei, die weiter die größte bleibt, aber lange nicht mehr so komfortabel Mehrheiten bilden kann, wie einst. Die CDU muss nach Partnern suchen, Koalitionen bilden. Die Weichen dafür werden bereits gestellt. Die Glückwünsche des SPD-Führungsduos Ina Helwig und Nils Bassen am Wahlabend vor dem Kreishaus an Marco Prietz waren schon recht herzlich und wohl ehrlich, auch Grünen-Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder war sehr freundlich – obwohl seine Partei kurzfristig noch Kandidatin Gabriele Hornhardt unterstützt hatte.

Wenn der neue Landrat Prietz davon spricht, dass es weiter eine „bürgerliche Mehrheit im Kreistag“ gibt, dann schielt er als CDU-Politiker vermutlich weniger in Richtung Rot oder Grün, sondern einschließlich der FDP zu den beiden Stimmen der Freien Wähler und der „BürgerListe – Zukunft gestalten“. Eintüten müssten solche Koalitionen nach seinem Rollenwechsel andere, die Nachfolger an der CDU-Fraktionsspitze. Die WFB, so ehrlich muss man sein, hat sich für die CDU nicht als idealer Partner gezeigt. 2016 aus der Mehrheitsgruppe mit SPD und Grünen zu CDU und FDP gewechselt, waren die Ansichten gerade bei Thema Haaßel zu unterschiedlich. Dort hat Prietz, anders als Luttmann, übrigens auch gewonnen bei der Landratswahl. Die Wähler haben ein spannendes Feld eröffnet.

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