Diakonieklinikum Rotenburg 

Für schwerkranke Patienten ist Cannabis segensreich

Eine Frau hält eine Dose des Cannabis-Medikaments Bedrobinol in der Hand. Ein einschneidender Schritt der Liberalisierung im deutschen Arzneimarkt: Schwer Erkrankte können seit dem 10. März Cannabis in Apotheken auf Rezept ihres Arztes bekommen. - Foto: dpa

Rotenburg - Von Guido Menker. Das Rauchverbot im Krankenhaus wird nicht gekippt, und aus der Caféteria im Erdgeschoss des Agaplesion Diakonieklinikums wird auch kein „Coffee Shop“. Dr. Frank Heits, Chefarzt der Hämatologie und Onkologie, geht sogar noch einen Schritt weiter. „Für uns wird sich nicht wirklich etwas ändern.“

Denn die Behandlung schwerstkranker Patienten mit Cannabis sei für ihn und seine Kollegen schon lange Alltag. Neu ist vielmehr seit der Legalisierung in diesem Monat, dass jetzt auch niedergelassene Ärzte Cannabis verschreiben dürfen – und die Patienten es nicht mehr aus eigener Tasche bezahlen müssen.

Cannabis auf Rezept – seit Kurzem können Schwerkranke die Droge nach ärztlicher Verschreibung in der Apotheke bekommen. Zahlen muss das die Krankenkasse. Das regelt eine Gesetzesänderung, die monatliche Behandlungskosten von im Schnitt 540 Euro vorsieht.

Dr. Frank Heits

„Cannabis ist ein guter Wirkstoff“, sagt Heits. Er habe ein Wirkprofil, das sich durch andere Medikamentengruppen nicht erzeugen lasse. Es wirke gut bei starken Schmerzen und habe – entgegen anderer Medikamente – keine Nebenwirkungen. „Außer das Suchtpotenzial“, ergänzt der Mediziner. „Aber das ist unerheblich für die Patienten, die an einer fortgeschrittenen Erkrankung leiden.“ Es gehe vor allem um Tumorpatienten. Ein Problem für sie: Sie leiden nicht nur unter starken Schmerzen, sondern auch unter schlimmer Übelkeit, die die üblichen Medikamente auslösen. Heits: „Viele dieser Patienten bauen stark ab, sind unterernährt.“ Das ist schlecht für die Behandlung. Die Gabe von Cannabis wirke appetitfördernd. „Das ist sehr wichtig für sie.“ Es gehe schließlich um Menschen in einer palliativen Situation und um die Linderung ihres Leidens. „Ja, es geht um Lebensqualität“, ergänzt Heits.

Cannabis werde als Ergänzung verabreicht, nicht als Ersatz. Wenngleich sich in manchen Fällen die Dosis der Schmerzmittel reduzieren lasse. Das wiederum sei ein weiterer Vorteil, weil damit auch deren Nebenwirkungen zumindest abnehmen. Cannabis verschafft also Erleichterung, „aber es geht natürlich nicht darum, die Menschen zu bekiffen“.

Frank Heits ist sich sicher: „Einen sprunghaften Anstieg bei den Patienten, die mit Cannabis versorgt werden, wird es nicht geben. Ich rechne auch nicht mit einem Run auf die Hausärzte.“ Josef Mischo, Chef der Sucht-Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer, sieht das etwas anders: „Ich rechne mit einer gewissen Ausweitung der entsprechenden Therapien, doch in welchem Ausmaß, ist offen.“ Bei chronischen Schmerzen dürften wohl viele Ärzte nun testen, ob es den Patienten mit Cannabis besser geht, meint Mischo. Helfen könne es auch bei Multipler Sklerose, bei Appetitlosigkeit wegen Aids, Alzheimer und beim Tourettesyndrom. Frank Heits sagt hingegen für das Diako, Cannabis komme bei Patienten zum Einsatz, die schwer erkrankt sind und bei denen andere Medikamente keinen vergleichbaren Effekt erzielen können. „Bei ständigen Rückenschmerzen werden wir es nicht einsetzen.“

Der Umgang mit Cannabis ist umstritten. Es ist die am weitesten verbreitete illegale Droge in Deutschland und wird vor allem in Form von Haschisch oder Marihuana konsumiert. Dauerhafter Konsum kann zu psychischer Abhängigkeit führen. Mehr als 40 Prozent aller 25- bis 29-Jährigen haben es schon einmal zu sich genommen. Besitz, Anbau und Handel von Cannabis sind verboten. Für Gelegenheitskiffer kennt das Gesetz die Untergrenze der „geringen Menge“ zum Eigenverbrauch. Eine Legalisierung – von den Linken, Grünen und der FDP favorisiert – lehnt die Bundesregierung nach wie vor ab.

„Ein sinnvolle Ergänzung“

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Martina Wenker, sieht bei der Freigabe von Cannabis als Medizin Grenzen: „Es ist eine wichtige, sinnvolle Ergänzung für Schwerkranke und Tumorpatienten, aber es muss mit Augenmaß verabreicht werden.“ Bedenken hat sie bei Hanfblüten. Ihrer Ansicht nach hätte eine Freigabe als Tablette, Spray oder Pulver gereicht. Im Diakonieklinikum erhalten die Patienten Tropfen. Dr. Frank Heits: „So lässt es sich am besten dosieren.“ Die Schwestern und Pfleger stehen also nicht bei den Patienten am Bett und drehen ihnen einen „Joint“. Und auch jene Patienten, die im Diako ambulant behandelt werden, greifen auf synthetisches Cannabis zurück.

Nach Meinung der Fachgesellschaften, insbesondere der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin, stelle die beschlossene Gesetzesänderung eine große Chance für die bessere Versorgung schwer- und schwerstkranker Patienten mit cannabinoidbasierten Arzneimitteln dar. Man begrüße die Gesetzesänderung und die zugrunde liegende Intention der Bundesregierung für eine bessere Versorgung Schwerkranker sowie die nun gesetzlich geregelte Kostenerstattung von Cannabis-Blüten, -Extrakten und cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln.

Cannabis zur medizinischen Anwendung wird in Deutschland künftig staatlich angebaut. Dazu stehe eineCannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte vor dem Start, heißt es. Erste Ernten seien für 2019 vorgesehen. Um den Bedarf zu decken, geht man davon aus, dass 10.000 Cannabispflanzen nötig werden. Das Institut rät davon ab, die getrockneten Cannabisblüten zu rauchen. Doch stehe dies den Patienten offen. Ölige Lösungen und Tropfen stehen als Alternative zur Verfügung.

Und eben die finden in der Onkologie des Agaplesion Diakonieklinikums sowie auf der Palliativstation Anwendung. In der Ambulanz, so Frank Heits, gehe es pro Quartal in der Regel um zwei bis drei Patienten. Und der Chefarzt ist sich ganz sicher: „Für schwerkranke Patienten ist eine solche Behandlung segensreich.“

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