„Campus Unterstedt“ wird Zielscheibe von Rechtsradikalen

Tatort Flüchtlingsheim

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Der Campus am Sonntagvormittag – die Polizei zeigte Präsenz, von den Bewohnern war niemand auf der Straße.

Rotenburg - Von Lars Warnecke. Sie kamen aus der Dunkelheit – und verbreiteten Angst und Schrecken auf dem „Campus Unterstedt“. In der Nacht auf Samstag ist das Rotenburger Flüchtlingsheim Zielscheibe eines rechtsradikalen Übergriffs geworden. Zwei gewaltbereite Männer sollen sich ungehindert Zutritt zu einem der Wohngebäude verschafft haben, um die Bewohner verbal zu attackieren.

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber spricht von „Glück im Unglück“, dass es während des Vorfalls nicht auch zu Handgreiflichkeiten oder gar Schlimmerem gekommen sei. Die polizeilichen Ermittlungen laufen derweil auf Hochtouren. Das Szenario spricht für sich: Kaum eine Menschenseele unter den derzeit 95 auf dem Campus lebenden Flüchtlingen hatte sich am Sonntag vor die Tür gewagt. Stattdessen fuhren Einsatzwagen der Polizei über dem öffentlich zugänglichen Gelände Streife – unentwegt, rund um die Uhr. Die Ereignisse vom Vortag, sie haben alle Beteiligten sensibilisiert.

Gegen 2.15 Uhr waren die Männer durch die nicht verschlossene Haustür von Gebäude 3 eingedrungen, rissen deren Bewohner lautstark mit rechtsextremen Parolen aus dem Schlaf und hielten ihre Tat dabei sogar noch mit der Fotokamera fest. „Eine ganz große Enttäuschung, das so etwas in unserer Stadt passieren musste“, kommentiert Bürgermeister Weber den Vorfall. „Selbst als ehemaliger Polizist hatte ich eigentlich erwartet, dass man in diesem Bereich doch viel toleranter sei.“

Dass den Rotenburger Ordnungshütern inzwischen auch die Identität der beiden Störenfriede bekannt ist, ist vor allem einem der Bewohner – es soll sich um einen Mann mit akademischem Hintergrund handeln – zu verdanken. Der hatte nämlich den Übergriff mit seinem Handy gefilmt. Die beiden Männer seien auf einer Videoaufnahme eindeutig zu erkennen, sagte ein Polizeisprecher am Montag in Rotenburg.

Andreas Weber hat den Mitschnitt bereits gesehen – und es habe ihn eigenem Bekunden nach „richtig erschrocken gemacht“, was sich in Haus 3 offenbar zugetragen hatte. „Das hätte dort richtig eskalieren können – wären die Bewohner in ihrem Handeln nicht so besonnen gewesen“, sagt der Bürgermeister. Ihm zufolge sei schon kleidungstechnisch deutlich erkennbar gewesen, dass die Täter aus dem rechtsradikalen Bereich stammen – „muskelbepackt mit drohender Haltung und provozierenden Äußerungen“. Zwar seien die Eindringlinge durch die Bewohner aufgefordert worden, die Unterkunft wieder zu verlassen, „sie kamen aber immer wieder rein“, schildert Weber das von ihm Gesehene. Am Ende hätten die Männer dann durch mehrere Bewohner herausgedrängt werden können, woraufhin sie das Weite suchten.

Eine Betreuungskraft – auf dem Campus spricht man von sogenannten Koordinatoren – war zum Zeitpunkt der nächtlichen Ereignisse nicht vor Ort. Ein Bewohner hatte eine der Mitarbeiterinnen telefonisch verständigt, die daraufhin die Polizei alarmierte. Die sei gleich am Samstagmorgen mit dem Bürgermeister sowie dem kompletten Betreuungsstab zusammengekommen, um die Bewohner zu beruhigen, erzählt Chef-Koordinatorin Dorothee Clüver. „Natürlich waren sie verängstigt, das ist völlig verständlich“, sagt sie. Und Andreas Weber ergänzt: „Wir haben ihnen versucht klarzumachen, dass eine solche Gefahr nur von ganz wenigen Menschen droht und dass sie ein großes Vertrauen zu unserer Polizei haben können – was viele aus ihren Herkunftsländern ja gar nicht kennen.“

Am Montag nun wollen die Verantwortlichen sich nochmals an einen Tisch setzen – auch, um über etwaige Sicherheitsvorkehrungen zu beratschlagen. Clüver: „Ob man künftig einen Sicherheitsdienst hinzuzieht oder nicht, lässt sich heute noch nicht sagen.“ Immerhin seien die Bewohner bereits darauf hingewiesen worden, die Haustüren stets abgeschlossen zu halten. Auch ein Schlüsselwort sei nach Auskunft der Koordinatorin vereinbart worden, mit dem sich die Flüchtlinge künftig direkt telefonisch an die Polizei wenden können. „Wir alle sind sensibilisiert, worauf wir zu achten haben“, beteuert die Koordinatorin.

Laut Heiner van der Werp, Sprecher der Rotenburger Polizei, sei man den beiden amtsbekannten Männern bereits auf den Fersen. „Wir ermitteln zunächst wegen Hausfriedensbruch, alles weitere wird die genaue Auswertung des Filmmaterials auf dem Handy-Video zeigen“, sagt er.

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