Bundestagskandidaten im Gespräch

Lars Klingbeil (SPD) interviewt Kathrin Rösel (CDU)

In der großen Koalition sind sie seit gut einem Jahr vereint, im gegenseitigen Interview sitzen sie sich gegenüber: Lars Klingbeil fragt, Kathrin Rösel antwortet. - Foto: Freese

Rotenburg - Von Michael Krüger. Beide schon Bundestagsabgeordnete, beide mit den größten Chancen der insgesamt sieben Kandidaten, das Direktmandat im Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis bei der Bundestagswahl am 24. September zu erringen: Kathrin Rösel (CDU) und Lars Klingbeil (SPD) sitzen sich im Pressehaus der Rotenburger Kreiszeitung gegenüber. Es ist ihr Interview, der Journalist bleibt außen vor.

Aber er achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden: Zehn Fragen darf jeder dem anderen stellen, nachfragen ist erlaubt. „Ladies first“, sagt Lars zu Kathrin. Man duzt sich. Die CDU-Kandidatin aus Rotenburg stellte im ersten Teil die Fragen – heute wird das Spiel umgedreht.

Lars Klingbeil: Als du für Reinhard Grindel nachgerückt bist in den Bundestag, war das erste, was ich erfahren habe, dass du VFL-Wolfsburg-Fan bist. Wie konnte das passieren?
Kathrin Rösel: Vor zwölf Jahren habe ich mit meinem Sohn eine Dauerkarte für den VFL gewonnen. Der NDR hatte ein Gewinnspiel veranstaltet, man sollte sagen, warum die Mannschaft toll ist. Meine Antwort war: „Mein Sohn ist sieben Jahre alt und VFL-Fan. Wenn er morgens die Zeitung nimmt und den Sportteil liest, kann ich in Ruhe meinen Kaffee trinken.“ Da hatten wir die Karten. Das hat mich so fasziniert, dass ich fortan seit elf Jahren die Dauerkarte gekauft habe.

Klingbeil: Du bist jetzt seit knapp einem Jahr Bundestagsabgeordnete, hast die Betreuung dieses Wahlkreises für die CDU übernommen. Wie gefällt es dir bei uns?
Rösel: Ich bin schon seit mehr als einem Jahr Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis, nämlich schon seit Juni 2016. Es gefällt mir hier sehr sehr gut, ich wohne seit einem guten halben Jahr hier in Rotenburg und fühle mich Zuhause. Ich konnte schon sehr viel erreichen für den Wahlkreis. Von daher bin ich absolut angekommen.

Klingbeil: Ihr setzt im Wahlkampf voll auf Angela Merkel. Viele halten das für wahltaktisch klug. Ich höre aber auch, dass Inhalte und Ideen für die Zukunft fehlen. Wie bewertest du das?
Rösel: Ich bin mit unserem Wahlprogramm sehr einverstanden. Es setzt auf viele Inhalte, gerade im Hinblick auf Familie, innere Sicherheit und die Umgestaltung des Sozialsystems. Angela Merkel leistet seit vielen Jahren sehr gute Arbeit, von daher halte ich es für angebracht, zu betonen, dass sie diejenige ist, die die erfolgreiche Regierung anführt.

Klingbeil: Ich höre bei meinen Hausbesuchen, die ich seit acht Jahren mache, ganz oft: „Ich lese vom Aufschwung, aber bei mir kommt davon nichts an.“ Wie begegnest du diesen Menschen?
Rösel: Auch ich höre bei meinen Hausbesuchen von Schicksalen der Menschen, die berühren. Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen in eine schwierige soziale Lage geraten sind. Da müssen wir schauen, ob dieses soziale Netz, das wir in Deutschland haben, Lücken hat, die man schließen muss. Nichtsdestotrotz höre ich überwiegend, dass es Deutschland sehr gut geht. Um das zu bewahren, wollen die Menschen Sicherheit. Denen, die in Not geraten sind, muss man helfen. Und zwar konkret in Einzelfällen, da bleiben wir dann auch in Kontakt.

Klingbeil: Du findest also schon, dass soziale Gerechtigkeit ein Thema sein muss?
Rösel: Soziale Gerechtigkeit ist immer ein Thema.

Klingbeil: Warum steht nichts zum Thema Fracking im Wahlprogramm der CDU?
Rösel: Weil wir im vergangenen Jahr gemeinsam in der großen Koalition das Fracking-Gesetz verabschiedet haben. Von daher besteht kein Handlungsbedarf global, hier vor Ort allerdings sehr wohl. Das ist natürlich ein Thema: Wie gehen wir mit den Bohrstellen weiter um? Und wie können wir die lokale Ebene und die Landesebene als Bundestagsabgeordnete so beeinflussen, dass die Gesundheit der Menschen vor Ort nicht gefährdet wird? Man muss bei der Neuzulassung von Bohrungen oder bei der Verpressung von Lagerstättenwasser darauf achten, dass unsere Rotenburger Rinne nicht gefährdet wird, aus der 60.000 Menschen ihr Trinkwasser beziehen. Das ist unsere Aufgabe vor Ort, die wir erledigen müssen.

Klingbeil: Die Debatte um das Fracking-Gesetz war für mich die wichtigste der vergangenen vier Jahre. Am Ende habe ich mich gegen meine Fraktion gestellt und nicht zugestimmt. Hast du schon mal einen solchen Moment gehabt, wo du am Ende gegen die Fraktion gestimmt hast?
Rösel: Ja. Da ging es um die Gesundheitsforschung an nicht einwilligungsfähigen Personen. Da habe ich mich gegen die Fraktion gestellt. (Anm. d. Red.: Klingbeil hatte sich im Juni 2016 bei der Abstimmung zum Fracking-Gesetz wie vier weitere SPD-Politiker enthalten. Gegenstimmen aus der SPD gab es keine. Rösel hat sich bei der Abstimmung zum „Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung arzneimittelrechtlicher und anderer Vorschriften“, bei es es vor allem um die Streitfrage ging, ob Arzneimittelstudien an nicht einwilligungsfähigen Erwachsenen, zum Beispiel Demenzkranken, auch dann zulässig sein sollen, wenn sie nur gruppennützig sind, den Betroffenen selbst also keine Vorteile bringen, wie 52 andere CDU-Abgeordnete anders als der Großteil der Fraktion dagegen ausgesprochen.)

Klingbeil: Ein Thema, das mir ganz wichtig ist, ist die Abschaffung der Kita-Gebühren. Warum bist du eigentlich dagegen?
Rösel: Ich bin nicht dagegen, das stimmt nicht. Ich habe selbst jahrelang als Fachbereichsleiterin für Kindergärten und Schulen gearbeitet, von daher ist mir das Thema nicht fremd. Ich halte es nicht für zielführend, wenn man auf Bundesebene die Abschaffung der Kita-Gebühren einfordert, das ist Ländersache. Als Bund kann ich keine Forderungen aufstellen, die die Länder umsetzen müssen. Das ist für mich reiner Populismus. Ich bin aus pädagogischen und sozialen Gründen sehr dafür, Kindern so früh wie möglich den Zugang zu Bildung zu erleichtern. Das darf keine Frage des Geldes sein.

Klingbeil: Das bundespolitische Thema dieser Legislatur war die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. 2015 – wie hast du die Grenzöffnung von Merkel damals bewertet und wie beurteilst du sie heute?
Rösel: Nach wie vor halte ich die Entscheidung von Frau Merkel richtig, wie sie in der damaligen Situation getroffen wurde. Schon aus meinem zutiefst christlichen Menschenbild war das eine Entscheidung, die nicht anders zu treffen war. Von daher gibt es keine Unterschiede in der Beurteilung von damals zu jetzt.

Klingbeil: Du hast mit Elke Twesten eine neue Parteikollegin vor Ort. Wie fandest du es, dass sie so kurz vor der Landtagswahl die Seiten gewechselt hat? Verstehst du, dass sich viele Wähler der Grünen im Landkreis Rotenburg betrogen fühlen?
Rösel: Grundsätzlich freue ich mich immer über neue CDU-Mitglieder. Wir haben uns in den vergangenen Jahren erst ein Mal im Kreisvorstand gegen die Aufnahme eines neuen Mitglieds ausgesprochen, das hatte aber ganz andere Gründe. Über den Zeitpunkt des Wechsels kann man geteilter Meinung sein, das mag ich nicht zu beurteilen. Das ist eine Angelegenheit auf Landesebene, da möchte ich mich ungern einmischen. Dass natürlich die Grünen-Wähler es anders sehen und gerne das Mandat behalten hätten, kann ich nachvollziehen. Auf der anderen Seite ist dieses Phänomen nicht neu: Wir gucken uns den Thüringer Landtag an, wo ein AfD-Mitglied, das über die Liste reingekommen ist, zur SPD gewechselt ist und damit Rot-Rot-Grün ermöglicht hat. Man sollte das Phänomen nicht überbewerten. Jetzt kommt es zu Neuwahlen in Niedersachsen, und nun sollen die Wähler entscheiden, wie sie das fanden.

Klingbeil: Politik hat immer Höhen und Tiefen. Ich finde es wichtig, dass man auch bei Niederlagen Größe zeigt und daraus lernt. Was war für dich bislang der frustrierendste Moment als Bundestagsabgeordnete?
Rösel: Da muss ich sehr lange überlege, weil mir der Job unheimlich viel Spaß macht. Ich hatte bisher sehr viele schöne Momente. Die Antwort fällt mir wirklich schwer. Es tut mir leid. Sicherlich gibt es Momente, wo ich sage: Ich bin mit einer bestimmten Entwicklung nicht einverstanden, enttäuscht. Es als Frust zu bezeichnen, halte ich aber für falsch. Es gibt innerhalb einer Partei und zwischen den Parteien eben Menschen, die ihre eigenen Standpunkte haben. Dann bin ich nicht enttäuscht, sondern sehe diese Momente als Herausforderung, und diesen stelle ich mich.

Kathrin Rösel

Kathrin Rösel ist im Juni 2016 als Betreuungsabgeordnete für den Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis in den Bundestag nachgerückt. Die 46-Jährige folgte damit auf Reinhard Grindel, der sein Mandat wegen der Wahl zum DFB-Präsidenten niedergelegt hatte. Rösel rückte als erste Nachfolgerin über die CDU-Landesliste nach. Zuvor war sie als Erste Samtgemeinderätin in der Samtgemeinde Wesendorf (Kreis Gifhorn) tätig. Rösel ist seit 2008 Mitglied in der CDU und seit November 2011 Bezirksvorsitzende der Frauen Union Nordostniedersachsen und Mitglied im Bundestagsausschuss für Recht und Verbraucherschutz. Im November hatte sich Rösel gegen die Landkreis-Mitarbeiterin Ulrike Jungemann bei der CDU-Wahlkreismitgliedervollversammlung mit 206 zu 89 Stimmen als Kandidatin für das Direktmandat bei der Bundestagswahl durchgesetzt. Seit Anfang des Jahres wohnt die in Stendal geborene Rösel in Rotenburg. Die Diplom-Pädagogin und Sozialmanagerin ist geschieden und hat einen 20-jährigen Sohn.

Auch Lars Klingbeil ist im Internet zu finden

Zuvor waren die Rollen bereits vertauscht. Kathrin Rösel interviewt Lars Klingbeil.

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