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Ex-Chef der Bundesnetzagentur: „Aufs Schlimmste einstellen, das Beste hoffen“

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Von: Guido Menker

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März 2020: Jochen Homann ist Hauptredner bei der Niedersächsischen Tafelrunde im Rotenburger Heimathaus.
März 2020: Jochen Homann ist Hauptredner bei der Niedersächsischen Tafelrunde im Rotenburger Heimathaus. © Menker

Nord Stream I, Flüssiggas und Atomkraft – diese Themen werden aktuell viel diskutiert. Auch vom Ex-Präsidenten der Bundesnetzagentur, Jochen Homann.

Rotenburg – Während wir mit Jochen Homann telefonieren, strahlt der Fernsehsender „Tagesschau 24“ gerade ein Interview mit Klaus Müller aus. Der ist Homanns Nachfolger als Präsident der Bundesnetzagentur. „Ich finde, er macht seine Sache richtig gut“, sagt Homann, der 1953 in Rotenburg das Licht der Welt erblickt, später am Rotenburger Ratsgymnasium sein Abitur gemacht, in der ehemaligen Lent-Kaserne seine Bundeswehrzeit verbracht und sich im Frühjahr dieses Jahres nach zehn Jahren als Chef der Bundesnetzagentur in den Ruhestand verabschiedet hat.

Wohl noch nie war der Chef der Bundesnetzagentur ein derart gefragter Mann wie in diesen Tagen und Wochen, in denen uns alle vor allem eine Frage beschäftigt: Wird uns im Winter ausreichend Gas zum Heizen, aber auch für die industrielle Produktion zur Verfügung stehen? Das hängt einerseits davon ab, ob Russlands Präsident Wladimir Putin im Anschluss an die planmäßige Wartung der Pipeline Nord Stream 1 den Gashahn wieder aufdrehen lässt und es Deutschland für den Fall eines kompletten Lieferstopps oder weiterhin verringerter Liefermengen gelingt, ausreichend Alternativen zu finden. Einen Blick in die Glaskugel will auch Homann nicht wagen. „Es ist wohl am sinnvollsten, sich auf das Schlimmste einzustellen und auf das Beste zu hoffen“, sagt er lediglich.

Ob er froh ist, vor dieser Herausforderung, die es für Klaus Müller zweifelsfrei ist, seine berufliche Laufbahn beendet zu haben, wollen wir von Jochen Homann wissen. „Ich sehe das mit gemischten Gefühlen“, sagt er. Einerseits ist es eine reizvolle, spannende Aufgabe, andererseits eine große Verantwortung. Bei wichtigen Regulierungsentscheidungen der Bundesnetzagentur gehe es oft um Milliarden-Beträge – so, wie beispielsweise bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen. Die führen regelmäßig zu heftigen Diskussionen mit den betroffenen Unternehmen und haben oft ein gerichtliches Nachspiel. „Die jetzige Herausforderung betrifft aber wirklich alle“, betont Homann. Das sorge für zusätzliche Spannung.

Bundesnetzagentur hat seit Gründung ständig neue Aufgaben übernommen

Der gebürtige Rotenburger äußert sich deutlich: „Ich teile die Einschätzungen meines Nachfolgers – wir haben voraussichtlich zwei schwierige Winter vor uns.“ Denn selbst, wenn es gelinge, für ausreichend Alternativen bei der Beschaffung von Erdgas zu sorgen, „geht das ja nicht von heute auf morgen“. Der Bau von LNG-Terminals für den Import von Flüssiggas sei der richtige Weg, findet Homann. Und zugleich sei es einfach wichtig, so viel Erdgas wie möglich einzusparen.

Post, Schiene, Strom, Telekommunikation und Erdgas – die Zuständigkeitsbereiche der Bundesnetzagentur sind breit gefächert. Zu breit vielleicht? „Nein, es ist klug und richtig so“, findet Homann. Das alles auseinanderzureißen und dann neu zu organisieren, wie es gelegentlich gefordert wird, würde die Sacharbeit der Agentur auf Monate, wenn nicht Jahre lahmlegen. Die Bundesnetzagentur sei mit ihren rund 3 000 Mitarbeitern an fast 50 Standorten in Deutschland eine der größten deutschen Behörden. „Aber ich rede nicht gerne von einer Behörde, sondern lieber von einer Agentur.“ Und die, so Homann, verändere sich eigentlich ständig. Der Wandel zeige sich auch darin, dass die Agentur seit ihrer Gründung 1998 ständig neue Aufgaben übernommen hat.

Jochen Homann leitete Bundesnetzagentur zehn Jahre lang

Homann war zehn Jahre lang Chef dieser Behörde. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in Rotenburg berichtete er ausführlich über die Aufgaben und Herausforderungen der Bundesnetzagentur. „Wir sind so etwas wie der Sheriff der Netze.“ Homann war Gast und Hauptredner der Niedersächsischen Tafelrunde im März vor zwei Jahren – an jenem Tag, an dem der Landkreis die ersten Corona-Infizierten bekannt gegeben hat.

Homann ging auch auf die geplante Stromtrasse „Suedlink“ ein und betonte mehrfach die Unabhängigkeit der Bundesnetzagentur gegenüber der Politik und der Wirtschaft im Kernbereich der Regulierung. In seinem informativen, aber auch sehr ernsten Vortrag, sprach Homann auch über die Verbreitung des 5G-Mobilfunk-Standards. Noch heute sagt Jochen Homann: „Ich habe den Job gerne gemacht.“ Auch, wenn man sich als Agentur-Chef ständig in einem „Minenfeld zwischen Politik und Wirtschaft“ bewege. Ein zugleich spannendes Feld, wie er hinzufügt.

Und gerade jetzt in dieser Zeit wird die Bedeutung der Bundesnetzagentur auch nach außen hin sehr deutlich.

Jochen Homann

Schließlich sind nahezu täglich sehr dicke Bretter zu bohren. „Und gerade jetzt in dieser Zeit wird die Bedeutung der Bundesnetzagentur auch nach außen hin sehr deutlich“, berichtet Homann nicht zuletzt auch mit Hinweis auf seinen Nachfolger. Und der weise zu Recht auf den Ernst der Lage hin und beziehe deutlich Stellung. Ganz so, wie beim Interview bei „Tagesschau 24“.

Mit Müller stehe er in Kontakt. Einen direkten Austausch habe es zuletzt bei der Amtsübergabe im Juni gegeben. Müller rufe also nicht ständig an, um sich Rat einzuholen. Dies sei auch nicht nötig, denn die Agentur verfüge über ein gutes Team mit zahlreichen Spezialisten. Einen Rat an die Politik hat er auch: „Rasche Fortschritte bei der Energiewende, bei der Digitalisierung und aktuell auch bei der Organisation von Alternativen für das russische Gas seien am besten zu erreichen, wenn endlich ernst gemacht würde mit dem Abbau von Bürokratie und der Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.“

Homann hinsichtlich einer längeren Laufzeit der Kernkraftwerke skeptisch

Damit spielt Homann jedoch nicht auf die zur Diskussion stehenden Laufzeitverlängerung für die drei noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke an. „Man kann alles diskutieren, aber hinsichtlich einer längeren Laufzeit der Kernkraftwerke bin ich skeptisch, denn wir haben ein Gas-, aber eben kein Stromproblem. Da helfen Kernkraftwerke wenig.“ Sinnvoller sei es, weitere Kohlekraftwerke zu reaktivieren, um den Gasverbrauch in der Stromproduktion zu senken. Zudem, so Homann, droht bei einer Laufzeitverlängerung, dass eine mühsam befriedete gesellschaftspolitische Debatte neu entzündet wird.

Es klingt ganz so, als verfolge Jochen Homann auch in seinem Ruhestand nach wie vor das aktuelle Geschehen sehr genau. Schon bald aber wird er wieder einmal in seine alte Heimat zurückkehren. „Vor 50 Jahren habe ich in Rotenburg mein Abitur gemacht – dazu ist eine Feier geplant.“ Doch schon vor zwei Jahren sei ihm aufgefallen, dass sich die Stadt an der Wümme seit seiner Schulzeit „sehr verändert“ habe. „Es ist schön, wieder einmal zu sehen, wie sich Rotenburg entwickelt hat.“ Gut also, dass er Zeit hat, um seinen Geburtsort noch einmal neu kennenzulernen.

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