Historiker Uwe Kaminsky stellt seine Ergebnisse

Diakonie: Buhrfeind bleibt Namensgeber

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Uwe Kaminsky (v.l.), Professor Michael Schulte, Moderator Werner Fleischer, Oberin Sabine Sievers, Pastor Matthias Richter, Landessuperintendent Hans Christian Brandy und Pastorin Jutta Wendland-Park stellten sich den Fragen der Besucher. 

Rotenburg - Leicht hatte es sich in diesen mehr als zwei Stunden im voll besetzten Saal des Rotenburger Buhrfeindhauses auf dem Mutterhausgelände niemand gemacht: weder der Historiker Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum als beauftragter Wissenschaftler, noch das Kuratorium und der Vorstand des Diakonissen-Mutterhauses sowie die Kritiker und Befürworter in der Diskussion. Trotz seiner Verstrickungen in NS-Verbrechen bleibt der ehemalige Vorsteher der „Rotenburger Anstalten“ Namensgeber des Buhrfeindhauses und des -saales auf dem Mutterhausgelände. Das Mutterhaus hatte die Geschichte der Rotenburger Einrichtung von 1905 bis 1955 und seines langjährigen Vorstehers Pastor Johannes Buhrfeind (1872-1950) historisch aufarbeiten lassen.

Es ist die erste gründliche wissenschaftliche Untersuchung, nachdem die NS-Zeit am Rotenburger Krankenhaus und in den Rotenburger Anstalten (jetzt Rotenburger Werke) bisher nur bruchstückhaft behandelt worden war. Kaminsky hat darüber jetzt ein Buch geschrieben mit dem Titel „Über Leben in der christlichen Kolonie: Das Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg, die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission und die Rolle ihrer Vorsteher 1905-1955“.

Zur zentralen Frage, wie die Rolle von Johannes Buhrfeind im Zusammenhang mit der Zwangssterilisation und den Deportationen im Rahmen der T4-Aktion (Euthanasie) zu bewerten ist, inwieweit er sich mitschuldig gemacht hat, erarbeitete die fünfköpfige Arbeitsgruppe „Causa Buhrfeind“ auf der Grundlage von Kaminskys Forschungen eine Stellungnahme. Das Bild von Johannes Buhrfeind bleibe jedoch zwiespältig, so hieß es unter anderem in der Mitteilung, die der Theologische Direktor am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg und Vorstandsvorsitzender des Diakonissen-Mutterhauses, Pastor Matthias Richter, vortrug.

Richter, der die Arbeitsgruppe geleitet hat, zu der auch Ärztlicher Direktor Professor Michael Schulte, Oberin Sabine Sievers, Vorstandsvorsitzende Jutta Wendland-Park (Rotenburger Werke) und der ehemalige Geschäftsführer des Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg, Rainer W. Werther, gehörten, verlas am Mittwochabend das Statement der Arbeitsgruppe. Darin heißt es unter anderem: „Aus heutiger Perspektive hätten wir uns gewünscht, dass sich die Verantwortlichen und besonders der Vorsteher, Pastor Buhrfeind, den staatlich organisierten Verbrechen entgegengesetzt und deutlicher für die Würde und den Schutz der ihm anvertrauten Menschen eingesetzt hätten, wie die einzelne Verantwortliche aus dem Bereich von Diakonie und Kirche während der NS-Zeit ja durchaus getan haben. Die Studie macht aber auch deutlich, dass man Pastor Buhrfeind zu keinem Zeitpunkt als Vertreter der NS-Ideologie oder als Haupttatbeteiligten an den Verbrechen der Nationalsozialisten ansehen kann.“ Eine Umbenennung des Buhrfeindhauses sei in Betracht gezogen worden. Diese Symbolhandlung hätte sehr deutlich die Perspektive der Opfer eingenommen. „Gleichzeitig“, so wörtlich, „würde aber auch das Erinnern an einen Menschen verdeckt, der für die Entwicklung der damaligen diakonischen Einrichtungen in Rotenburg einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Zu diesem Erinnern gehört untrennbar auch eine Beteiligung an den damaligen Ereignissen. Diese Ambivalenz, die allen Menschen innewohnt, gilt es auszuhalten und zu bewerten.“

Informationen bald dauerhaft verfügbar

Abschließend heißt es in dem Statement: „Die Erinnerung an einen Menschen in öffentlicher Position steht leicht in der Gefahr einer absoluten Verurteilung oder kompletten Idealisierung. Demgegenüber möchten wir die Erinnerung an Johannes Buhrfeind wachhalten mit den Ambivalenzen, die auch sein Leben geprägt haben.“

Und schließlich: „Deswegen werden wir im und am Buhrfeindhaus und nach Möglichkeit in der Eingangshalle des Klinikums entsprechende Informationen dauerhaft verfügbar machen, die auch an die Opfer jener Zeit erinnern. Damit wollen wir einen Beitrag zu einer Erinnerungskultur leisten, die uns Heutige auffordert, jegliche Anfänge von Unmenschlichkeit und Gewalt bewusst wahrzunehmen und mutig zu bekämpfen.“ Historiker Uwe Kaminsky hat in seiner mehr als einjährigen Forschungsarbeit für die Studie in einer Reihe von Archiven, darunter in den beiden Rotenburger Einrichtungen, bei der Landeskirche und im Hauptarchiv Bethel, das Fundament gelegt für die historische Aufarbeitung eines 50-jährigen Zeitabschnitts des Mutterhauses und der Anstalten.

Ein halbes Jahrhundert, zu dem ein dunkles Kapitel gehört, wo für Menschlichkeit längst nicht immer Platz war und ein Vater aus dem Kreis Verden im Juli 1934 in einem Brief an den Direktor der Rotenburger Anstalten schrieb: „Meine Frau und ich bitten Sie deshalb, uns unsere Tochter doch auf Urlaub zu geben. Wir versprechen, sie am Urlaubsschluss unversehrt zurückzubringen.“ Else Lisbeth Warnken, die kranke Tochter, wurde von Ärzten des Diakoniekrankenhauses Rotenburg zwangssterilisiert und starb mit 13 Jahren an den Folgen. Auf einem der beiden Stolpersteine im Eingangsbereich des Krankenhauses steht ihr Name. Ergänzt durch Fotos und Fakten stellte der Historiker Kaminsky die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit vor. Zentrale Bedeutung hatte dabei das Leben und Wirken von Pastor Buhrfeind, der während seiner Amtszeit von 1903 bis 1942 das Krankenhaus und die Anstalten leitete.

„Eine große Chance, uns mit diesem Dilemma der Geschichte auseinander zu setzen“

Die öffentliche Präsentation im Buhrfeindsaal, zu der relativ wenige junge Menschen gekommen waren, klang aus mit einem lebhaften Dialog zwischen Besuchern und Mitgliedern der Arbeitsgruppe: Fragen, Vorwürfe, Rechtfertigungen und Erklärungen, Kritik und Versuche zu glätten – das Thema wird kaum endgültig abgeschlossen sein. Bürgermeister Andreas Weber (SPD): „Endlich wurde in Rotenburg eine Basis gefunden, auf der man vernünftig diskutieren kann. Eine große Chance, uns mit diesem Dilemma der Geschichte auseinander zu setzen.“ Landessuperintendent Hans Christian Brandy: „Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – es hat nicht nur in Rotenburg zwei Generationen gedauert, bis es zu dieser Diskussion kam.“

In den Rotenburger Werken, sagte Vorstandsvorsitzende Pastorin Jutta Wendland-Park, habe sich eine Kultur der Aufarbeitung der Geschichte etabliert. Es gelte, der Zukunft mit Wachsamkeit zu begegnen.

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Historiker Uwe Kaminsky im Interview

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