Feierabend für den Verwaltungschef

Bürgermeister Andreas Weber geht in den Ruhestand

Andreas Weber (SPD) räumt in diesen Tagen seinen Schreibtisch.
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Andreas Weber (SPD) räumt in diesen Tagen seinen Schreibtisch.

Als Bürgermeister lebe man immer stark in der Gegenwart, da fehle die Möglichkeit, um aufmerksam zurückzuschauen. Jetzt aber hat der Rotenburger Verwaltungschef die Gelegenheit, denn in wenigen Tagen wird er sich aus dem Rathaus verabschieden.

Rotenburg – Es riecht nach frischer Farbe und nach einem neuen Teppich. Das Bürgermeister-Büro im ersten Stock des Rotenburger Rathauses macht einen aufgeräumten Eindruck. In wenigen Tagen zieht Andreas Weber (SPD) aus und macht Platz für seinen Nachfolger Torsten Oestmann (parteilos), der sich bei der Kommunalwahl am 12. September mit einer Zweidrittelmehrheit gegen Frank Holle (CDU) durchgesetzt hat. Für Weber gehen damit sieben Jahre auf dem Chefsessel im Rathaus zu Ende. Wir treffen uns mit ihm.

Weber verspätet sich ein wenig, das Gespräch beginnt daher mit einer Entschuldigung: Der Bürgermeister kommt direkt aus der Amtsleiter-Runde, die dauerte länger als geplant. Es ist die letzte unter seiner Leitung. „Für nächste Woche habe ich die Kollegen zu einem Essen eingeladen.“ Doch an diesem Tag bereits haben sie ihm ein Geschenk zum Abschied überreicht. Theaterkarten für ein Haus in Hamburg, verbunden mit einem Restaurant-Besuch. Für so etwas hat er künftig deutlich mehr Zeit.

Den nahenden Abschied nutzt der Sozialdemokrat auch, um zu Hause in alten Unterlagen zu wühlen. „Ich habe zwei Fundstücke mitgebracht“, sagt er und legt die Flyer auf den Tisch, mit denen er 2014 im Wahlkampf gegen Detlef Eichinger (parteilos) angetreten ist und in dem er am Ende mit knapp 60 Prozent der Stimmen die Nase vorn hatte. Am liebsten würde er nun noch einmal all die Punkte aufgreifen, für die er sich seinerzeit im Wahlkampf stark gemacht hat. Zu viel. Zusammenfassend sagt Weber: „Es war eine sehr erfüllende Zeit, in der sich sehr viel positiv entwickelt hat.“

Nach mehr als 45 Jahren im öffentlichen Dienst nimmt Weber nun also seinen Hut und geht in den Ruhestand. Nicht nur seine Frau Claudia wird sich freuen, ihn wieder mehr für sich zu haben, sondern auch die drei Kinder sowie die sieben Enkel. „Ja, wir haben jetzt mehr Zeit füreinander, das war in den vergangenen Jahren eher schwierig.“

Die Phase des Übergangs bietet Gelegenheit, häufiger als bisher in den Rückspiegel zu schauen. „Man lebt als Bürgermeister immer stark in der Gegenwart, da fehlt die Möglichkeit, um aufmerksam zurückzuschauen.“ Dabei lasse sich aber feststellen, dass viele Vorhaben im Laufe der Jahre Realität geworden sind. „Das stimmt mich einerseits zufrieden, andererseits ist das die Grundlage für eine dynamische Weiterentwicklung der Stadt Rotenburg.“ Diese in die Hand zu nehmen, wird Aufgabe von Torsten Oestmann sein. Weber: „Er hat einen enormen Rückhalt. Alle Wahlkreise hat er gewonnen – positive Energie also für den neuen Bürgermeister.“

Mehr als 2 500 Tage war Weber im Amt. Aber vor allem einer ist ihm bis heute ganz besonders in Erinnerung geblieben: „Der 4. August 2015.“ Es war der Tag, an dem der erste Bus mit Flüchtlingen Rotenburg erreichte. Es war der Beginn der großen Flüchtlingswelle. In den weiteren sechs Monaten sind mehr als 450 Menschen in die die Kreisstadt gekommen. „Heute sind noch viele von ihnen bei uns, Menschen, die es zu einem großen Teil in einen Beruf geschafft haben und inzwischen uns helfen.“ Weber freut sich immer noch über die gelungene Kooperation mit dem Diakonissen-Mutterhaus und über den Kraftakt der Volkshochschule – so sei die Integration gelungen.

Die Flüchtlingswelle und die Corona-Pandemie: zwei Themen, die bei Webers Amtsantritt keiner auf dem Zettel hatte, seine Amtszeit aber prägen sollten. Vor diesem Hintergrund sei ihm die berufliche Erfahrung aus dem Polizeidienst in Bremen zugute gekommen: „Auch da hatten wir stets auf Ereignisse und Entwicklungen zu reagieren. Das war für mich eine gute Voraussetzung, um ohne in Hektik zu verfallen und mit großem Vertrauen die Dinge anzupacken.“

Als ein Zeichen dafür, wie gut die Integration der Flüchtlinge in Rotenburg funktioniert, wertet Weber einen Teil des jüngsten Wahlergebnisses. „Die AfD hatte in Rotenburg keinen Kandidaten und ist damit nicht mehr im Stadtrat vertreten.“ Das war fünf Jahre zuvor noch anders: Da hatte die AfD gleich zwei Mandate geholt, aber nur eines besetzen können. „Sie waren knapp am dritten Mandat gescheitert – es gab also Menschen, die die AfD für wählbar hielten – das ist jetzt nicht mehr der Fall.“

Kraftakt: Der Bürgermeister ist oft gefordert, muss Energie und Geschick aufbringen.

Und es hat viele weitere Fortschritte gegeben: Mehr als elf Millionen Euro sind in den vergangenen sieben Jahren in den Ausbau der IGS Rotenburg geflossen, weitere 5,5 Millionen Euro in den Ausbau der Schulmensen. Die Zahl der Kita-Plätze ist von 720 auf 950 gestiegen, die Schulden der Stadt sind von 23 auf 16 Millionen Euro gesunken. Rotenburg hat neue Radwege gebaut, mehr Gewerbeansiedlungen verzeichnet, und inzwischen ist der Flugplatz komplett in der Hand der Stadtwerke. Weber ist zufrieden damit.

Noch glücklicher blickt der 64-Jährige auf die aktuellen Bemühungen zum Stadtentwicklungskonzept und die damit im Zusammenhang stehende und erhoffte Aufnahme in das Städtebauförderprogramm sowie auf das in Auftrag gegebene Programm zur Verkehrsentwicklung. Die Kreisstadt verschafft sich damit einen Rahmen für die Zukunft.

An deren Gestaltung möchte Weber weiter mitwirken – „ehrenamtlich“, wie er betont. Er holte am 12. September fast 1 800 und damit die meisten Stimmen aller SPD-Kandidaten für den Stadtrat. Eigentlich hatte er die Kandidatur im vergangenen Jahr ausgeschlossen. Was hat sich geändert? Viel sei auf den Weg gebracht worden, meint er. „Ich sehe es als Verpflichtung, das weiter zu begleiten und meine Kraft mit einzubringen.“

Ein Kräftemessen gibt es nicht selten in der Politik.

Viel Kraft gekostet hat ihn in den vergangenen Jahren die IGS. Einerseits die vielen Investitionen, andererseits das Bemühen, der Schule das „Dach“ zu verschaffen, „das ihr noch fehlt“: eine Oberstufe. „Das tat mir für die Schüler und die Lehrer leid.“ Auch für ihn selbst war das nicht leicht. „Die Auseinandersetzung ging sehr ins Persönliche“, erinnert sich der 64-Jährige. Eine schwierige Zeit, in der er seine Zukunft als Bürgermeister mit der Entscheidung über die Oberstufe verbunden hat. Der Antrag fand keine Mehrheit – Weber kündigte seinen Rücktritt für Januar 2020 an. „Das würde ich so nicht wieder tun, das war ein Fehler.“ Er wollte verdeutlichen, wie ernst es ihm mit der Oberstufe ist. Die Hoffnung auf eine entsprechende Reaktion „war ein Trugschluss“. Dann aber im Amt zu bleiben, sei „kein Fehler“ gewesen. Trotz der Häme. „Die muss man aushalten. Es folgten fast zwei wichtige Jahre – mit der Pandemie und großen Projekten.“ Jetzt geht er wirklich. Das ist fix. „Ich kann mit Genugtuung nach vorne schauen, habe viele Ziele umgesetzt. Es waren also keine leeren Versprechungen“, sagt Weber, während er die zwei alten Flyer wieder zur Seite legt.

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