Neue Erkenntnisse

Buch erzählt Geschichte der Cohn-Familie weiter

Inge Hansen-Schaberg veröffentlicht neue Erkenntnisse zur Cohn-Familie.
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Inge Hansen-Schaberg veröffentlicht neue Erkenntnisse zur Cohn-Familie.

Rotenburg – Zu dem Sonderthema „Jüdisches Leben in Deutschland”, veröffentlicht am 22. März im „Parlament”, gehörte ein Interview mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Der 73-Jährige hat bereits 75 000 Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Die Steine sind in Gehwege in Deutschland und in 26 weiteren Ländern als kleine Denkmäler eingelassen.

Eine Journalistin hatte ihn gefragt, ob ihm besondere Schicksale und Begegnungen in Erinnerung geblieben sind. „Eines der wichtigsten Treffen für mich war 2004 in Rotenburg. Dort habe ich sechs Steine verlegt – die Eltern wurden in Auschwitz ermordet, ihre zwei Töchter wurden bei einem Kindertransport gerettet. Und zwei Steine für Mitarbeiter der Familie“, so Demnig.

Die Erinnerung trügt Demnig etwas, denn die erwachsenen Töchter flohen ins Exil. Die Stolpersteine wurden vor 16 Jahren in den Bürgersteig an der Großen Straße vor das Haus Nr. 32 gesetzt. Dort lebte die alteingesessene jüdische Cohn-Familie: Der Textilhändler und Schneidermeister Hermann Cohn, seine Frau Gertrud, die Töchter Erna und Hildegard sowie die jüdischen Angestellten Paul Immermann und Bernhard Heilbronn. Zu einzelnen Lebensgeschichten gebe es jetzt neue Erkenntnisse, denen sich die Erziehungswissenschaftlerin und Exilforscherin Inge Hansen-Schaberg (67), seit fünf Jahren erste Vorsitzende des Fördervereins der Cohn-Scheune, in ihrem Buch „Weitererzählen – Die Cohn-Scheune als Erinnerungs- und Bildungsort” widmet, dessen Manuskript sie nun fertiggestellt hat.

Sie waren angesehene und redliche Bürger, für die durch die vom Rassenwahn infizierten Nazis kein Platz mehr war: Hermann Cohn und seine Frau Gertrud wurden 1943 im Alter von 63 beziehungsweise 53 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Der älteren Tochter Erna gelang 1937 mit ihrem Ehemann Julius Appel die Flucht nach Kolumbien. In den 1950er-Jahren haben beide die deutsche Staatsbürgerschaft zurückerhalten. Sie reisten danach mehrfach nach Deutschland, von einem Aufenthalt in Rotenburg ist aber nichts bekannt. Drei Töchter des Ehepaars kamen zur Stolpersteinverlegung am 3. Mai 2005 nach Rotenburg. Dabei lernten sie ihre Tante, Hildegard Jacobsohn, zusammen mit deren Töchtern Edith Meinhardt und Eva Klein kennen.

Viele Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig bereits verlegt, sechs davon liegen vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Cohn.

Hildegard hatte durch die Flucht nach England 1939 überlebt, als sie als Hausangestellte ein Visum bekommen hatte. Sie kehrte 1948 mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern nach Deutschland zurück. 2010 kam sie als Ehrengast nach Rotenburg – zur Eröffnung der Cohn-Scheune. Sie starb im Januar mit 102 Jahren in Dresden.

Auch die beiden Cohn-Mitarbeiter Paul Immermann (Jahrgang 1894) und Bernhard Heilbronn (Jahrgang 1870) wurden von den Nazis deportiert und ermordet. Das Gedenken an diese sechs Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft sollte in Rotenburg, so die Entscheidung und das Ziel einer Reihe von Bürgern, seinen gebührenden Platz in den Geschichtsbüchern erhalten, obwohl sich dem längere Zeit eine relativ breite Front des Widerspruchs entgegenstemmte.

Der Sammelband wird im Sommer im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erscheinen. Unterstützt wurde Hansen-Schabergs editorische Arbeit durch Edith Meinhardt. „Nach über zehn Jahren des Bestehens der Cohn-Scheune liegen neue Erkenntnisse zu einzelnen Lebensgeschichten vor“, erklärt die Vorsitzende. Diese seien von ihr sowie Claudia Koppert, Karsten Müller-Scheeßel, Almuth Quehl, Tom Schaberg, Roland Sperling und Manfred Wichmann recherchiert worden.

Es gehe um jüdische Menschen, die ursprünglich in Rotenburg, Sottrum, Zeven, Visselhövede und Scheeßel gewohnt und gearbeitet haben und in der NS-Zeit verfolgt und vertrieben wurden und deren Leben meist gewaltsam beendet wurde. „Der Blick richtet sich jetzt aber stärker auf das Exil Einzelner und insbesondere der beiden Cohn-Töchter in Kolumbien und England sowie die Rückkehr nach Deutschland. Er bezieht auch die durch Eheschließungen erweiterte Familie sowie die erzwungene Migration von Gertrud und Hermann Cohn nach Berlin ein.“

Es gibt also in geografischer, personenbezogener und zeithistorischer Dimension eine deutliche Erweiterung der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und ihren Folgen – über den Landkreis hinaus. Der Band macht zudem die Briefe von Gertrud und Hermann Cohn, die sie von März 1939 bis Januar 1943 an ihre Tochter Hildegard im englischen Exil geschrieben haben, in einer kommentierten Ausgabe erstmals zugänglich und enthält die autobiografischen Texte von Hildegard Jacobsohn.

Außerdem befasst sich Michael Schwekendiek mit der Geschichte der Cohn-Scheune. Das baufällige, vom Abriss bedrohte Scheunengebäude auf dem Hof des ehemaligen Wohn- und Geschäftshauses der Familie wurde 2005 in ehrenamtlicher Arbeit fachgerecht abgetragen und in Waffensen eingelagert. Es ging um mehr als nur den Wiederaufbau eines historischen Gebäudes. Das Ziel des 2006 gegründeten Fördervereins Cohn-Scheune war und ist es, einen Beitrag zur Aufbereitung verdrängter jüdischer Geschichte zu leisten, einen Erinnerungsort zu schaffen und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Überzeugungen und Glaubensrichtungen anzuregen.

Bodo Lemme gibt Einblicke in das vielfältige Veranstaltungsprogramm der Kulturwerkstatt. Wolfgang Dörfler stellt die neuen Exponate in der Cohn-Scheune vor: eine nicht mehr für den Gottesdienst verwendbare Thora-Rolle und die nachgebauten Möbel des Gebetsraums der Zevener jüdischen Gemeinde von 1937/38. Der Band schließt mit persönlichen Reflexionen und Erläuterungen von Michael Amthor zum Glauben und zu Lebenseinstellungen jüdischer Menschen.

Weiterhin grundlegend für die Auseinandersetzung mit dem Erinnerungsort Cohn-Scheune ist der Band „Jüdisches Leben in Rotenburg“, der 2010 vom Historiker und Kurator der gleichnamigen Ausstellung, Manfred Wichmann, herausgegeben wurde und dank der Unterstützung durch die Ippen-Stiftung Anfang des Jahres in zweiter Auflage erscheinen konnte. Der Titel des Sammelbandes „Weitererzählen“ verdeutlicht, dass es nun um die Weiterentwicklung der Cohn-Scheune, die inhaltliche Ausweitung der Thematik und das Weitererzählen der gewonnenen Erkenntnisse geht. „Beide Bücher enthalten zahlreiche Dokumente und Fotografien aus Archiven und Privatbesitz.“

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