Linkshänder-Beraterin Magdalena Vasterling

„Das bringt eher Chaos statt Nutzen“

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Magdalena Vasterling weiß: „Umerziehen führt zum Knoten im Hirn.“

Rotenburg - Von Lars Warnecke. Zwei linke Hände haben, jemanden links liegen lassen – das Wort „links“ ist bei uns negativ besetzt. Noch bis in die 1980er Jahre hinein bemühten sich Pädagogen, linkshändige Kinder auf die rechte Hand umzutrainieren. Mit fatalen Folgen.

Gerade in den 1950er und 1960er Jahren wurden Linkshänder nicht selten mit gewaltsamen Mitteln umerzogen. Wer in der Schule mit der linken Hand schrieb, bekam Schläge mit dem Rohrstock oder er bekam die linke Hand auf den Rücken gebunden. Kinder durften nur das sogenannte schöne Händchen gebrauchen. Wir sprachen mit der zertifizierten Linkshänder-Beraterin Magdalena Vasterling (29) aus Griemshoop über Seitenwechsel, falsche Förderung und überforderte Hirnhälften.

Frau Vasterling, wie erkennen Eltern, dass ihr Kind Linkshänder ist?

Magdalena Vasterling: Ein Kind legt sich relativ schnell fest. Bereits mit drei Jahren kann man erkennen, welche Hand dominant ist. Spätestens mit viereinhalb Jahren sollte das Kind sich dann festgelegt haben. Allerdings gibt es auch Kinder, die sich erst später festlegen. Das hat dann mit der Gehirnreife zu tun. Sollte bis zu diesem Lebensjahr nicht klar sein, welche Hand dominant ist, empfiehlt sich der Besuch beim Linkshänderberater oder bei einem Ergotherapeuten mit Zusatzqualifikation.

Früher wurden Linkshänder umerzogen, damit sie mit der „schönen Hand“ schreiben. Ist das überhaupt möglich?

Vasterling: Man kann die rechte Hand natürlich trainieren, aber da es im Gehirn nicht möglich ist, eine Umschulung zu machen, verursacht das eher Chaos und bringt keinen Nutzen. Händigkeit ist angeboren, im Gehirn ist genau festgelegt, ob man Rechts- oder Linkshänder ist. Frau Dr. Johanna Barbara Sattler, Deutschlands führende Wissenschaftlerin auf dem Gebiet, sagt, dass Händigkeit Hirnigkeit sei – so, wie man sich kein anderes Gehirn aussuchen kann, kann man eben nicht die Händigkeit umtrainieren.

Warum gilt rechts überhaupt als die normale dominante Hand?

Vasterling: Das liegt nicht daran, dass mehr Menschen Rechtshänder sind. Ich denke, dass es in etwa gleich viele Links- und Rechtshänder gibt. Das ist aber nicht wissenschaftlich belegt. Viele umerzogene Linkshänder wissen gar nicht, dass sie umgeschult wurden. Das höhere Bewerten von Rechtshändigkeit hat vor allem einen religiösen Ursprung. Im Christentum beispielsweise ist links negativ konnotiert. Im Jüngsten Gericht sitzen die Guten auf der rechten Seite Gottes, die Schlechten links. In vielen Kulturkreisen ist die linke Hand sogar unwürdig, gilt als schmutzig und darf zum Beispiel gar nicht zum Essen benutzt werden. Es gibt ja auch viele Redewendungen, in denen links schlechter dasteht: Zum Beispiel „mit dem linken Fuß aufstehen“ oder „jemanden linken“.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Rechts- und Linkshändern?

Vasterling: Mitunter wird ja noch angenommen, dass das Gehirn bei Rechts- und Linkshändern anders sei, spiegelverkehrt. Das stimmt aber nicht, sie benutzen nur unterschiedliche Seiten. Bei einem Rechtshänder dominiert tendenziell eher die linke Gehirnhälfte, bei einem Linkshänder die rechte. Dadurch, dass jede Hemisphäre für unterschiedliche Funktionen zuständig ist, reagieren und denken Rechts- und Linkshänder auch anders. In der rechten Gehirnhälfte, die für Linkshänder passend ist, ist zum Beispiel die Musikalität verankert, die Symbolik und die Intuition. Gegenüberliegend ist meist das Mathematische, das Buchhalterische und Strenge verortet.

Heißt das, dass Linkshänder kreativer sind?

Vasterling: Nein, nicht unbedingt. Nicht alle Linkshänder sind zwangsweise Künstler, Schauspieler oder Musiker. Man benutzt ja beide Gehirnhälften – nur eben nicht bevorzugt. Statistisch gesehen sind Wissenschaftler und Künstler bei Links- und Rechtshändern gleich verteilt.

Schreiben Linkshänder anders?

Vasterling: Sie schreiben von unten. Das heißt: Alle Finger der Schreibhand sind unterhalb des Geschriebenen. Das Blatt liegt mittig von der Körpermitte. Es ist um etwa 30 Grad im Uhrzeigersinn, also leicht nach rechts geneigt. Gerade Linkshändern, die anfangen zu schreiben, erleichtert eine Schreibunterlage, die die Position des Blattes und der Hand anzeigt, die Orientierung und dient als Erinnerungshilfe.

Gibt es Menschen, die so veranlagt sind, dass sie mit beiden Händen schreiben und arbeiten können?

Vasterling: Nein. Man kann die rechte Seite noch so stark trainieren, beide Hände wird man nie auf einem gleich hohen Niveau einsetzen können. Selbst wenn man es hinbekäme, feinmotorisch genauso gut zu sein, wäre man nicht so schnell und kann sich nicht gleichzeitig konzentrieren. Wenn linkshändige Schüler mit rechts schreiben und es sieht total ordentlich aus, können sie im Unterricht allerdings oft nicht zuhören.

Was passiert mit dem Gehirn, wenn man einen Linkshänder wirklich zu einem Rechtshänder umerzieht?

Vasterling: Das Handareal in der linken Gehirnhälfte wird größer, das in der rechten kleiner. Dadurch verändern sich in den Hemisphären allerdings auch die anderen Areale mit ihren jeweiligen Funktionen. Sie werden größer oder kleiner und prägen sich somit stärker oder schwächer aus. Ein umgeschulter Mensch braucht in der Regel 30 Prozent mehr Energie, um Schreiben zu können, in der Schule stillzusitzen und aufzupassen. Das ist schon viel.

Wie macht sich das Umerziehen bei den Betroffenen bemerkbar?

Vasterling: Durch die ständige Fehlbelastung kann es zu Störungen etwa bei der Rechtschreibung, bei der Gedächtnisleistung und der Konzentration kommen, denkbar sind auch feinmotorische Auffälligkeiten. Sekundärfolgen können aber auch Minderwertigkeitskomplexe, Verhaltensprobleme, psychosomatische Probleme und andere Alarmsignale sein. Das kann im Alter auch noch schlimmer werden – dass Leute, die 50 oder 60 sind, wie dement wirken.

Werden Kinder heutzutage überhaupt noch umgeschult?

Vasterling: Dass ein Lehrer sagt: „Nimm doch die schöne Hand“, das kommt sicher nicht mehr vor. Aber wenn sich das Kind nicht sicher ist und es wechselt noch häufig, dann wird man ihm schon noch raten, es solle doch bitte mal mit rechts probieren.

Müssen nicht auch Schule und Kindergarten Linkshändigkeit erkennen?

Vasterling: Es ist äußerst förderlich, wenn Grundschullehrer und Erzieher einen geschulten Blick für Linkshänder haben. Der Stift sollte zum Beispiel immer in der Mitte angeboten werden, damit sich die Kinder selbst für eine Seite entscheiden können. Allerdings besteht gerade in diesem Bereich hierzulande noch ein hoher Schulungsbedarf.

Ist es möglich und auch sinnvoll, umgeschulte Linkshänder rückzuschulen?

Vasterling: Eine Rückschulung auf die dominante Hand ist ein erneutes Experiment mit dem Gehirn. Für manche Menschen kann das sehr günstig und befreiend sein, für andere kann das aber auch wieder in neue Schwierigkeiten führen. Letztendlich kommt es darauf an, ob der Betroffene es möchte, sich genug Zeit lässt und die Rahmenbedingungen eine Umschulung zulassen.

Wie können Eltern und Lehrer die linkshändigen Kinder unterstützen?

Vasterling: Vor allem sollten sie Linkshändigkeit als normal ansehen, die Kinder darin bestärken und von Anfang an passendes Material wie zum Beispiel eine Linkshänder-Schere bereithalten.

Zur Person: Magdalena Vasterling, 29, arbeitet als Schulsozialarbeiter in Bötersen, Ahausen und Horstedt. Die Linkshänder-Beraterin ist zertifiziert nach der Methodik von Dr. Johanna Barbara Sattler, doziert nebenberuflich zu dem Thema an der VHS Rotenburg und gibt Schreibvorbereitungskurse für linkshändige Kinder. Vasterling lebt mit ihrem Partner im Helvesieker Ortsteil Griemshoop.

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