Ausbau in benachteiligten Gebieten

Breitband für alle

Mann hält Glasfaserkabel
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Die alte Kupferleitung hat fürs Internet ausgedient und wird durch deutlich leistungsstärkere Glasfaser ersetzt.

Das alte Kupferkabel hat ausgedient, und auch die entlegeneren Dörfer im Landkreis werden profitieren: 150 Millionen Euro fließen in den kommenden Jahren in den hiesigen Breitbandausbau. Viel Geld der öffentlichen Hand, aber auch Unternehmen investieren.

Rotenburg – Der Netflix-Stream ruckelt, in der Videokonferenz wird der Bildschirm plötzlich schwarz – wenn die Internetleitung den modernen Anforderungen nicht genügt, dann ist das ein Ärgernis. Eines, das im Landkreis Rotenburg bald der Vergangenheit angehören soll. Grenzenlose Bandbreite für jeden Haushalt lautet das Ziel, das Politik und Verwaltung anvisieren. Um es zu erreichen, ist ein dreistelliger Millionenbetrag nötig. Und Unternehmen wittern zusätzlich ein gutes Geschäft.

Mehr als 2 000 Quadratkilometer misst der Landkreis Rotenburg. Wer da etwas Flächendeckendes schaffen oder anbieten will, der steht vor einer immensen Herausforderung. Vor allem in finanzieller Hinsicht. Für Unternehmen kann das häufig so unattraktiv sein, dass sie es lassen. Der Internetausbau ist dafür das beste Beispiel: Er wäre wahrscheinlich ohne Einsatz öffentlicher Mittel nie in Gang gekommen. Viele Gemeinden sind schlicht zu dünn besiedelt, um dort hohe Investitionen zu rechtfertigen. Als irgendwann klar war, dass Leitungen, die seit Jahrzehnten in der Erde lagen und eigentlich nur dafür gedacht waren, Telefongespräche zu ermöglichen, als Datenautobahn nicht taugen, gingen Kreis und Gemeinden also gemeinsam voran. Sie ließen die Firma EWE Glasfaserkabel in die Dörfer legen – bis zu zentralen Punkten, sogenannten Kabelverzweigern. Das zwölf Millionen Euro teure Projekt war 2015 abgeschlossen und verbesserte die Situation vieler Internetnutzer merklich. „Das war ein großer Sprung“, erinnert sich Tanja Steinecke. Sie ist in der Kreisverwaltung für die Koordination des Breitbandausbaus zuständig.

Es ist aber längst nicht alles gut. Die Kupferleitungen, die Häuser und Kabelverzweiger verbinden, bremsen den Datenfluss häufig noch aus. Dieser Effekt ist umso ausgeprägter, je weiter eine Immobilie vom Kabelverzweiger entfernt liegt. Außerdem: „Es gab Gebiete, die nicht profitiert haben“, so Steinecke. Etwa, weil sie zu weit abgelegen waren. Weiße Flecken werden solche Siedlungen genannt. Der Bund sieht sogar jede Adresse als weißen Fleck an, an der die Internetleitung weniger als 30 Mbit/s schnell ist. Und weil er solche Bedingungen als Problem erkannt hat, bezuschusst er deren Beseitigung.

Glasfaser weniger störanfällig

- Große Datenmengen schnell down- und uploaden, Filme in HD ruckelfrei anschauen, störungsfrei ohne Verzögerungen mehrere Dienste, Anwendungen und Kommunikationskanäle gleichzeitig nutzen, ist für viele Nutzer in ländlichen Gebieten ein Problem. Mit einer Internetverbindung über Glasfaser bis ins Haus (FTTH) geht das besser als mit jeder anderen Verbindung. Bei FTTH (Fiber To The Home) bekommt jeder Nutzer genau die Leistung, für die er auch bezahlt.

- Glasfaser ist weniger störanfällig und bietet eine stabile Leistung, egal ob die Nachbarn surfen oder nicht. Glasfaserleitungen können Terrabit-Geschwindigkeiten übertragen.

- Wenn ein Unternehmen mit öffentlichen Fördermitteln Glasfaserleitungen verlegt, dann muss es diese auch anderen Firmen zur Nutzung zugänglich machen. Open Access heißt dieses Prinzip. Es scheitert allerdings häufig noch an technischen Widrigkeiten.

- Nicht jeder Leitungsausbau erfolgt mit Zuschüssen der öffentlichen Hand. Wenn ein Unternehmen in einer Kommune ein genügend großes Kundenpotenzial erkennt und die Baukosten dort wegen der dichten Bebauung geringer sind als auf dem Land, bauen Firmen auf eigene Rechnung. Das erspart ihnen die Beteiligung an Ausschreibungsverfahren und verschafft ihnen einen Vorteil im Werben um Kunden. Aktuell geschieht das zum Beispiel durch Glasfaser Nordwest in Rotenburg und Sottrum – ein Joint Venture von EWE und Telekom.

Diesem Umstand verdanken Bürger in Randlagen von Dörfern wie Ostereistedt oder Lüdingen, dass sie einen Glasfaseranschluss bis ins Haus gelegt bekommen beziehungsweise bekommen haben. Bis Sommer 2023 sollen die weißen Flecken Geschichte sein – jedenfalls dort, wo sich neben Bund und Landkreis auch die betreffende Gemeinde an den Baukosten beteiligt. Während also in vielen Dörfern noch gebuddelt wird, laufen im Kreishaus die Planungen für den finalen Schritt, mit dem Glasfaserkabel an sämtliche der etwa 60 000 Wohn- und Gewerbeimmobilien im Landkreis gelegt werden sollen. 150 Millionen Euro wird es nach aktuellen Schätzungen kosten, die Wirtschaftlichkeitslücke zu füllen. Das ist die Summe, die es braucht, um das Projekt für einen Netzbetreiber attraktiv zu machen. Tanja Steinecke rechnet damit, dass der Bund die Hälfte der Summe übernimmt und das Land weitere 25 Prozent. Den Rest teilen sich je zur Hälfte der Landkreis und die kreisweit 57 Gemeinden. Der Kreistag hatte bereits 2019 beschlossen, auf diese „Gigabitstrategie“ zu setzen.

2028 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. „Das ist machbar, aber letztlich schwer einzuschätzen“, sagt Tanja Steinecke. Förderanträge, Ausschreibungen und Detailplanungen kosten eben Zeit. Ein weiterer, schwer zu berechnender Faktor ist die Konjunktur. Schließlich bindet ein solches Vorhaben eine Menge Baukapazitäten.

Glasfaser Nordwest investiert in Rotenburg, Sottrum und Zeven

Wenn die öffentliche Hand nicht beteiligt ist und es lukrativ für Unternehmen wird, selbst Glasfaser mit der Aussicht auf viele neue Verträge zu legen, geht es indes schneller. Im Oktober hat Glasfaser Nordwest in Sottrum begonnen, aktiv zu werden. Und auch in Rotenburg werden mittlerweile Kabel verlegt von dem Gemeinschaftsunternehmen von EWE und Telekom. Auch Zeven wird profitieren: Von insgesamt 17 000 Anschlüssen im Landkreis Rotenburg spricht Glasfaser Nordwest. Bis 2030 möchten EWE und Telekom gemeinsam bis zu 1,5 Millionen Haushalte und Unternehmen im Nordwesten mit zukunftsfähigen Internetanschlüssen versorgen. Investitionssumme: rund zwei Milliarden Euro. Wie viel Geld nur für den Landkreis Rotenburg in die Hand genommen wird: keine Auskunft. Aber schon im Frühjahr dürften in den drei Kommunen die ersten Angebotsflyer für das schnellere Netz in den Briefkästen landen. In aller Regel ist dann zu Verkaufsbeginn der Anschluss des eigenen Hauses kostenlos.

Sie werde mit dem Ausbau und letztlich der Abrechnung des Mammutprojekts noch zehn Jahre zu tun haben, mutmaßt Koordinatorin Tanja Steinecke im Kreishaus. Dann aber dürfte der Landkreis in Sachen leistungsfähige Internetleitungen auf lange Sicht Ruhe haben – und zwar weitgehend überall. Vor allem die gleichzeitige Nutzung von internetbasierten Anwendungen habe stark zugenommen. Das habe sich gerade in Corona-Zeiten für manchen als Problem erwiesen. Die immense Investition ins Netz hält sie deshalb für absolut gerechtfertigt, um den Landkreis als Wohn- und Arbeitsstandort attraktiv zu halten.

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