Ansichten klaffen auseinander

Braucht die Innenstadt ganz oben „Zipfelmützen“?

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Architekt Norbert Behrens zeigt den Ausschussmitgliedern, wo der Neubau mit Wohn- und Geschäftsräumen entstehen soll. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Pünktlich zur Weihnachtszeit entfacht in der Kreisstadt der Streit darüber, ob die Innenstadt „Zipfelmützen“ braucht. Norbert Behrens, stimmgewaltiger Architekt, ist strikt dagegen und wirft der Stadtplanung im Hause von Bürgermeister Andreas Weber (SPD) etwas in die Jahre gekommene Ansichten vor. Zu diesen gehört laut Behrens das Beharren auf strikte Höhenbegrenzungen von Neubauten, und diese dann auch noch mit Sattel-, Walm- oder Krüppelwalmdächern. Für Behrens: „Zipfelmützen“. Er hat ganz andere Vorstellungen.

Im September schon hatte der der 62-jährige Geschäftsführer der Planungsgemeinschaft Nord (PGN) und langjährige Vorsitzende des Rotenburger Wirtschaftsforums einen „Masterplan“ für die Stadtentwicklung gefordert. Gerade die Innenstadt müsse besser geplant werden, um endlich in großem Stil voranzukommen und nicht „die siebte Dönerbude“ zu bekommen. 

Jetzt, an diesem trüben Montagabend eine Woche vor Heiligabend, steht Behrens mit den Mitgliedern des Ausschusses für Planung und Hochbau, Bürgermeister Weber und Stadtplaner Clemens Bumann vor der Post und zeigt auf das gegenüberliegende Häuserensemble: Das Gebäude des ehemaligen Bistros „Cartago“ ist bereits abgerissen, Unternehmerin Jette Grewe hat es gekauft, will auch ihr benachbartes Haus mit maroden Wohnungen und dem Ladengeschäft „Jette C.“ im Erdgeschoss aus- und umbauen. Drei Etagen sind geplant, im Erdgeschoss Gewerbeflächen, ein Parkturm, rund 15 Wohnungen.

„Das hier ist das neue Zentrum“, sagt Behrens und weist auf die Umbaupläne für die Post-Immobilie als künftiges Sparkassenhaus hin, deutet auf das Pressehaus daneben mit dem Rewe im Erdgeschoss: „Hier spielt sich das Leben ab.“ Hier müssten Wohnungen hin, gerade an dieser Stelle nur zweigeschossig bauen zu dürfen wäre laut Behrens „absurd“. Und dann noch ein „unnützes Dach“ drauf, wie es die Stadtplanung vorgeben will – statt eines Gründaches als Puffer bei Starkregen.

Ein Stadtentwicklungskonzept für Rotenburg fehlt

Entscheiden muss an diesem Montag freilich noch niemand etwas, der Bauantrag liegt noch nicht vor, der Bebauungsplan aus den 90er-Jahren hat noch Bestand. Doch muss das so bleiben? Die Innenstadtverdichtung ist ein Dauerthema, und mit den angeschobenen Großprojekten wie der Seniorenresidenz, dem Goethepark oder anderen Neubauten längst im Gange. Einen übergeordneten „Masterplan“, ein aktuelles Stadtentwicklungskonzept, gibt es allerdings nicht. Das will die Verwaltung im kommenden Jahr anschieben, aber wenigstens eineinhalb Jahre wird es laut Bumann dauern, bis es vorliegt.

Diese Zeit haben Investoren wie Jette Grewe und ihr Planer Behrens nicht. Sie wollen die Stadt verändern, Lösungen schaffen für den angespannten Wohnungsmarkt, und sie wollen natürlich auch profitieren von ihren Immobilien im Stadtkern. Das wollen andere auch, schon jetzt laufen Gespräche über weitere Nachnutzungen, die kürzlich geschlossene Schlachterei Wünsch am Stadtstreek gerät ins Blickfeld, auch die Gebäude, in denen sich Arco, Kammann und die Apotheke Große in der Fußgängerzone befinden, sollen neu geplant werden. Es bewegt sich viel, doch wie und in welche Richtung genau?

Für die Grewe-Häuser gegenüber der Post empfiehlt der Bürgermeister nur eine zweigeschossige Bauweise zur Großen Straße hin, eine höhere Bebauung nur im hinteren Bereich, dazu eben das Dach. Für die Investoren ist das auch angesichts der umliegenden, zum Teil noch höheren Gebäude nicht akzeptabel. „Es muss ein klares Bekenntnis zur Innenstadtverdichtung geben“, fordert Behrens Weber später in der regulären Ausschusssitzung im Rathaus auf, man sei nicht Rothenburg ob der Tauber oder Verden, wo sich Neubauten an historischem Bestand zu orientieren hätten. 

Die Investoren wollen eine mutige Stadtpolitik

„Kleine Klitschen“ bringen nichts, so Behrens, die Investoren stünden Schlange, wenn sich Rotenburg nur trauen würde. Und die Stadt müsse auch selbst ihren Beitrag leisten, Geld in die Hand nehmen. Wieso denn nicht, schlägt Behrens kurzerhand vor, unter dem Postparkplatz eine Tiefgarage bauen, wenn man glaubt, ein Parkplatzproblem in der Innenstadt zu haben? Die Investoren könnten sich dann ja beteiligen und feste Plätze buchen! 

Man sieht viele Ausschussmitglieder grübeln bei diesen Argumenten. „Wir stehen dem aufgeschlossen gegenüber“, lässt dann wenigstens CDU-Fraktionschef Klaus Rinck durchblicken.

Architekt Norbert Behrens gibt der Politik und Verwaltung noch einen Aphorismus mit auf den Weg, bevor dann im kommenden Jahr entschieden werden muss: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

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