Infektiologe Tom Schaberg: Auch Astra-Zeneca sehr wirksam

„Brauchen Impf-Tsunami“

Tom Schaberg sitzt am Schreibtisch. Täglich zwei bis drei Stunden befasst sich der Infektiologe mit der Pandemie.
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Tom Schaberg fordert höhere Impfquoten.

Rotenburg – Die in Deutschland nur schleppend angelaufene Impfung gegen das Coronavirus bestimmt die aktuelle Pandemie-Diskussion nach wie vor. Inzwischen sind drei Impfstoffe in Deutschland im Einsatz – neben dem von Biontech-Pfizer einer von Moderna sowie ein weiterer von Astra-Zeneca. Letzterer indes hat ein Imageproblem. „Zu Unrecht“, erklärt der Rotenburger Professor Tom Schaberg. Der Impfstoff sei genauso gut und erziele eine hohe Wirksamkeit, sagt er im Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung.

  • Impfstoff nach einem Jahr: „Das ist eine großartige Sache“
  • Nebenwirkungen lästig, aber nicht bedrohlich
  • Rotenburger Professor fordert höhere Impfquoten

Als Landrat Hermann Luttmann (CDU) vor ziemlich genau einem Jahr in seinem Büro über die ersten Coronafälle im Landkreis berichtete, saß auch Schaberg mit am Tisch. Der Rotenburger Lungenfacharzt und Infektiologe, bis vor 15 Monaten Chefarzt der Lungenklinik am Agaplesion Diakonieklinikum, Mitautor des nationalen Pandemieplans sowie Mitglied der zwölfköpfigen Influenza-Kommission am Robert-Koch-Institut, hätte es seinerzeit nicht für möglich gehalten, dass nur ein Jahr später schon ein Impfstoff gegen Covid-19 im Einsatz ist. Schaberg lacht: „Ich hätte die Wette verloren.“

An der Entwicklung von drei Impfstoffen ist Schaberg im Laufe seiner Karriere selbst als Berater beteiligt gewesen. Ein Vorgang, der im Normalfall zwölf bis 15 Jahre dauern kann. „Jetzt hat es nur ein Jahr gebraucht, und es sind sechs bis zehn wirksame Impfstoffe verfügbar.“ Schaberg: „Das ist eine großartige Sache.“ Möglich geworden sei das aus drei Gründen: Alle Wissenschaftler haben ihre Daten weltweit geteilt. Geld hat keine Rolle gespielt, und statt der üblicherweise nur zwei Experten haben sich nun sehr viele hoch qualifizierte Fachleute in den Zulassungsverfahren mit dem Material in mindestens 200 Aktenordnern befasst.

Astra-Zeneca ist reaktiver

Die Ergebnisse sind Schabergs Angaben nach sehr gut. Er beruft sich bei dieser Einschätzung auf Studien aus Schottland und England zu Millionen Impfungen. Biontech schütze zu 95 Prozent vor einer meist leichten symptomatischen Erkrankung, und Astra-Zeneca zu 70 Prozent, aber beide zu 85 bis 100 Prozent vor einer schweren Erkrankung. Unter dem Strich stellt Schaberg fest: „Das ist es, was zählt, Krankenhauseinweisungen und Tod zu verhindern. Eine leichte Infektion bei Geimpften ist absolut akzeptabel.“ Mit Blick auf die immer wieder erwähnten Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca betont Tom Schaberg, dass dieser Stoff durchaus reaktiver sei. „Junge Menschen reagieren darauf aber mehr als die älteren.“ Die unerwarteten Wirkungen seien „zwar lästig, bedrohlich sind sie aber nicht“, sagt der Rotenburger Professor. Im Gegenteil: „Dann wirkt der Impfstoff besonders gut.“

Bis Mittwoch seien 10,3 Millionen Impfdosen an die Bundesländer geliefert, bisher aber nur 6,7 Millionen davon verimpft worden. Man komme auf einen Schnitt von 180 000 bis 200 000 Impfungen pro Tag bei einer Fünf-Tage-Woche. Schaberg: „3,6 Millionen Impfdosen liegen noch im Kühlschrank.“ Grund: Man hält sie für die angepeilte zweite Impfung zurück. Schabergs Rat: „Alles verimpfen.“ Denn nicht nur für diesen Monat, sondern auch für die Monate April und Mai seien ausreichende Mengen zugesagt. Eine Menge, die schon im März bis zu 600 000 Impfungen pro Tag möglich mache.

Große Schritte sind erforderlich

„Man muss Gas geben beim Impfen, es sind große Schritte erforderlich“, unterstreicht der 66-jährige Mediziner, der trotz Ruhestands täglich zwei bis drei Stunden nutzt, um sich mit der Pandemie zu befassen. Im Kern müsse es darum gehen, die schwersten Infektionsverläufe und damit auch die Todesraten in den Griff zu bekommen. Daher komme der Impfung eine große Bedeutung zu. Bürokratische Hürden seien abzubauen, die Hausärzte sollten so schnell wie möglich mit einsteigen und impfen. „Es braucht einen Impf-Tsunami, damit es richtig ans Laufen kommt.“ Denn: Die Zahlen und damit die Inzidenzen steigen, und sie steigen weiter mit den schrittweisen Lockdown-Lockerungen, erklärt er. Nicht zuletzt auch wegen der Mutanten.

Aber immerhin sagt Schaberg: „Die Impfstoffe wirken auch gegen die britische Variante gleich gut.“ Umso wichtiger sei es, die Impfquote deutlich zu erhöhen. Schaberg: „Wünschenswert wären eine Million Impfungen pro Tag. Aber das können die Impfzentren allein nicht leisten – so wertvoll ihre Tätigkeit bisher war.“ Das aktuelle Beispiel aus Wittorf zeige, wie es auf kurzem Wege gehen kann. „So muss es sein, jetzt müssen sehr schnell unbedingt neue Partner mit ins Spiel, vor allem die Hausärzte“, fordert Tom Schaberg.

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