„Den Brauch gibt es nicht“

Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel klärt im Interview über das Ritual Osterfeuer auf

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Das Osterfeuer in Bothel ist eins der größten der Region und zieht jedes Jahr viele Besucher an. 

Rotenburg - Von Guido Menker und Farina Witte. Am Osterwochenende werden wieder in vielen Orten Osterfeuer angezündet. Auch im Landkreis Rotenburg haben viele Vereine in den einzelnen Ortschaften zu einer solchen Veranstaltung eingeladen. Aber woher kommt dieser Brauch überhaupt und gibt es regionale Unterschiede? Scheeßels Gemeindearchivar und Historiker Dr. Karsten Müller-Scheeßel klärt im Interview einige Fragen über dieses alte und beliebte Ritual.

Woher kommt der Osterfeuer-Brauch und wie alt ist er?

Karsten Müller-Scheeßel: Nach allem, was wir wissen, reicht der Osterfeuer-Brauch bis in die vorchristliche Zeit in Deutschland zurück, hat also heidnische Ursprünge. Der Winter sollte wohl endgültig vertrieben werden, die Dunkelheit dem Licht weichen.

Wie passt das zusammen? Ein heidnisches Ritual zum höchsten christlichen Feiertag?

Müller-Scheeßel: Nicht nur Christen haben bewusst eigene hohe Feiertage auf Termine heidnischer Feste gelegt, um diese wirksam zu bekämpfen. Das klappte nie ganz. Heidnische haben sich mit christlichen Ritualen gemischt. Feuer, also Licht, verdrängt die Dunkelheit, der Frühling den Winter. Auf die Dunkelheit des Todes an Karfreitag folgt das Licht der Auferstehung zu Ostern. Die Altarkerze an Karfreitag erlischt, in der Dunkelheit der österlichen Frühgottesdienste wird die Osterkerze entzündet.

Gibt es noch Reste vom alten Brauchtum bei heutigen Osterfeuern?

Müller-Scheeßel: Ja, insofern es sie überhaupt noch gibt. Was dann bei den einzelnen Feuern geschieht, kann von Feuer zu Feuer, Dorf zu Dorf unterschiedlich sein.

Wo werden traditionell Osterfeuer angezündet?

Karsten Müller-Scheeßel

Müller-Scheeßel: In Bergregionen hat man sie häufig auf Kuppen entzündet, damit sie weithin und besonders für Nachbardörfer, mit denen man um das größte und schönste Feuer konkurrierte, sichtbar waren. Bei uns im Flachland kam es von jeher darauf an, dass sie in sicherer Entfernung zu Haus und Hof und Wald entfacht wurden.

Man hat das Gefühl, es werden immer mehr Osterfeuer – auch bei uns in der Region – angezündet. Wie erklären Sie sich das?

Müller-Scheeßel: Ich bin nicht sicher, dass es mehr werden. Die Auflagen der Behörden nehmen zu. Umweltschützer sehen die Feuer kritisch. Sollten es regional tatsächlich mehr werden, dann ist zu fragen, wer die Organisatoren sind und welche Interessen sie verfolgen.

Was gehört – dem Brauch entsprechend – zu einem Osterfeuer? Gibt es dabei regionale Unterschiede?

Müller-Scheeßel: Den Brauch gibt es nicht. Beim Luhner Osterfeuer meiner Kindheit sprangen wir über das schwächer werdende Feuer und die verglimmende Glut, schwärzten uns die Hände an verkohlten Stöcken, um dann anderen Kindern und Erwachsenen die Gesichter schwarz zu färben. Stockkartoffeln und Würstchen erfreuten sich großer Beliebtheit. Wärmende alkoholische Getränke gehörten auch in den 1950er Jahren schon dazu, natürlich nicht für uns Kinder.

Einige Feuer werden am Samstag, andere erst am Ostersonntag angezündet. Woher kommen diese Unterschiede?

Müller-Scheeßel: In Zeiten der Kommerzialisierung selbst von Osterfeuern laufen die Geschäfte besser, wenn nicht alle Feuer einer Region am gleichen Abend entzündet werden. Geht man vom christlichen Kern des Osterfestes aus, dürften sie alle erst am Ostersonntag stattfinden.

Warum üben die Osterfeuer eine derart große Anziehungskraft aus?

Müller-Scheeßel: Feuer in der Dunkelheit haben von jeher etwas Faszinierendes: Gestalten und Gesichter im Halblicht flackernden Feuers; wärmendes Feuer und kühle Frühlingsluft; Kuscheliges und Gruseliges; man sieht und trifft sich; Event für Groß und Klein. Getränke- und Würstchenbuden dürften kaum irgendwo fehlen.

Zum Abschluss: Auf welches Osterfeuer gehen Sie am Wochenende?

Müller-Scheeßel: Ob überhaupt, ist abhängig vom Wetter und davon, wonach der meiner anwesenden Familie der Sinn steht. Wenn aber, dann vielleicht nebenan in Jeersdorf.

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