Das Boreas-Quartett stellt mit der magischen Flöte Hörgewohnheiten in Frage

Die Kunst der Fuge und aus den Fugen Geratenes

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Nicht nur optisch hinterließen die Pätzhold-Flöten und ihre Spielerinnen Eindruck beim Rotenburger Publikum.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Die Blockflöte wird unterschätzt – diesen Schluss musste zwangsläufig jeder ziehen, der das Maßstäbe setzende Programm „Il Flauto Magico“ des Boreas-Quartetts am Donnerstagabend in der Aula der Realschule erleben durfte.

Organisator Niels Kruse hatte wieder einmal ein sicheres Händchen bewiesen. Er lud die Preisträgerinnen des Deutschen Musikwettbewerbs ein. Am Rande des am Vormittag vorangehenden Musiktheaters für Grundschüler verkündete Kruse zudem: „Es muss Schluss sein mit dem Irrglauben, dass der Prophet im eigenen Haus nichts gilt. Hier in der Region gibt es fantastische Musiker!“

Ihm widersprach keiner, zeigten die vier (Wahl-)Bremerinnen doch eindrucksvoll, welch Bandbreite, Klangfarbenreichtum und Varianz in der Instrumentenfamilie der Blockflöten schlummert. Davon war gleich ein ganzes Arsenal zu erleben.

Optisch und akustisch mit am eindrucksvollsten waren die beiden übermannshohen Paetzhold-Flöten. Sie erlauben dank ihrer speziellen Klapptechnik-Konstruktion eine „perkussive Spielweise“, wie die charmante Moderatorin des Abends, Elisabeth Champollion, befand. Tatsächlich: Bei „Fade Control“, einem Stück des zeitgenössischen Komponisten Fulvio Caldini, erinnerten die Paetzhold-Flöten an Trommeln.

Doch zunächst verzauberten die vier Profis mit zwei Werken aus der Renaissance, die vor allem das sensible Spiel in der führenden Stimme, dem Alt der Koreanerin Jin-Ju Baek, sowie dem warmen Klang des fein harmonierenden vierstimmigen Klangkörpers dominierten.

Kurios: Für die Umstellung der „Inherent Patterns“ des Komponisten Stefan Thomas von der ersten an die dritte Stelle im Programm musste Champollion etwas ausholen. Man habe die Zuschauer nicht verschrecken wollen, so die Essenz. Daran taten die Bremerinnen gut. Das Stück habe sich schon in den Proben wesentlich schwerer erschlossen als gedacht, erläuterte Champollion. „Inherent Patterns“ ebnete dem Quartett in der Finalrunde des deutschen Musikrats den Weg. Es war ausgesucht worden, weil es die 120 Minuten erforderliches Programm um die noch fehlenden viereinhalb Minuten ergänzte.

In der Tat: Die hingehauchten, stark rhythmisierten Klangfragmente, gewöhnungsbedürftig stumpf angeblasen, sorgten zunächst für verhaltene Lacher. Aus dem analogen Staccato sollte sich ein ganzes Universum melodischer Fragmente schälen, ein dschungelgleiches Knacken, Gurren und Sirren, in dem sich die Körper der vier Flötistinnen rhythmisch im Takt wie pickende Hühner bewegten.

Für noch größeres Kopfkino sorgte die „Besorgnis der Sperlinge“ der iranischen Komponistin Farzia Fallah. Sie stellt darin sämtliche Hörgewohnheiten in Frage. Der Kampf von Innen- und Außenwelt, der in dem vertonten Gedicht thematisiert wird, wühlte auf und verstörte mitunter. Extrovertierte Klänge, das Überblasen der Sopranflöte bis zur Schwelle des Unerträglichen, dann im Moment größter Zerrissenheit das Echo der anderen drei Akteurinnen als Überraschungsmoment in dem als Solo angekündigten Stück aus dem Raum: Das alles ergab neue Klangwelten.

Der Spagat zur Welt der Renaissance und der des Barock, in zwei Bach-Fugen ebenso souverän wie virtuos dargebracht wie bei einigen Stücken aus dem 15. Jahrhundert, im zweiten Teil dann wieder Modernes vom Belgier Piet Swerts mit einem fragmentarischen Ausflug in die Welt des Absurden, Anklängen an Jahrmarkt und den Hummelflug: Mehr starke Eindrücke in zwei Stunden zu komprimieren, ging wirklich nicht.

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