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Booster-Müdigkeit im Kreis Rotenburg: Novavax ist „Flop des Jahres“

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Von: Ann-Christin Beims

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Die Corona-Ansteckungsgefahr ist derzeit deutlich erhöht, dennoch bleibt die Nachfrage nach den Booster-Impfungen hinter den Erwartungen des Impfteams zurück.
Die Corona-Ansteckungsgefahr ist derzeit deutlich erhöht, dennoch bleibt die Nachfrage nach den Booster-Impfungen hinter den Erwartungen des Impfteams zurück. © Bartz

Zwar haben sich Impfwillige im Kreis Rotenburg ihre zweite Dosis Vakzin noch abgeholt für die Grundimmunisierung, doch viele erscheinen mittlerweile nicht mehr zur dritten Impfung.

Rotenburg – Noch gilt als vollständig geimpft, wer sich zweimal eine Dosis der Corona-Schutzimpfung abgeholt hat. Ab dem 1. Oktober wird das jedoch anders aussehen: Dann gilt diese Regelung nur noch für alle, die geboostert sind – so steht es in einem Entwurf für eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes. Das Problem an der Sache: Viele Menschen holen sich derzeit ihre dritte Impfung nicht mehr ab. So ist die Erfahrung aktuell auch im Landkreis Rotenburg, sagt Impfteam-Leiterin Martina Schröder. „Wir hängen beim Boostern noch total hinterher.“

Zwar werden derzeit bereits die vierten Impfungen für die empfohlenen Gruppen verteilt, doch beim Boostern hakt es noch gewaltig. Dabei wäre es derzeit entspannt, sich die dritte Dosis eines der vorhandenen Vakzine abzuholen: „Ohne Warteschlangen“, sagt Schröder – und auch ohne Voranmeldung. Denn die Zahl der Impfwilligen zum Beispiel an den drei Impfstandorten des Landkreises ist zuletzt stark zurückgegangen. Wie es mit den Zentren weitergeht, wird sich ohnehin zeigen. Denn der Vertrag in Rotenburg läuft unter anderem in den nächsten Wochen aus.

„Viele könnten die Notwendigkeit nicht mehr sehen, weil es meist milde Verläufe sind“, vermutet die Leiterin einen der Gründe. Argumentieren helfe da meist auch nicht weiter. Oft heißt es, man sei doch jetzt geimpft, warum müsse man dies ein drittes Mal machen. Geduldig versuchen die Teams dann, Ängste zu nehmen. In manchen schwierigen Fällen sei sie aber auch müde, zu diskutieren, gibt Schröder zu. „Aber wir dürfen keinen verloren geben. Wir müssen alle gewinnen, aber das werden wir nicht schaffen.“

Einen ausgemusterten Rettungswagen hat das Impfteam zum auffälligen Impfmobil umgestaltet.
Einen ausgemusterten Rettungswagen hat das Impfteam zum auffälligen Impfmobil umgestaltet. © Landkreis

Auch nicht mit dem Proteinimpfstoff von Novavax, auf dem eine Zeit lang die Hoffnung lag, auch einige der bisherigen Impfgegner zu erreichen. „Das läuft nach wie vor schlecht“, meint Schröder. „Das war der Flop des Jahres.“ Denn die Anmeldezahlen haben sich gegenüber dem Start kaum verbessert.

Ein möglicher Grund für die Zurückhaltung könnte auch sein, dass in manchen Fällen die Furcht vor den Nebenwirkungen eine große Rolle spielt. Wer bereits bei einer der vorherigen Impfungen starke Impfreaktionen gezeigt hat, könnte sich davor scheuen, das erneut mitzumachen. „Aber das gehört dazu“, meint Schröder. Und: Teilgeimpfte landen immer noch häufiger auf der Intensivstation, zeige die Erfahrung.

Spätestens ab Herbst wird die dritte Vakzin-Dosis ohnehin für einen anerkannten vollständigen Schutz notwendig sein, sonst ist das Zertifikat nicht mehr gültig – und dann, vermutet Schröder, wird es wieder einen Ansturm auf die Zentren geben. „Die Welle wird kommen.“

Fast alle Regeln fallen

Die Zahl der Neuansteckungen bleibt hoch im Landkreis Rotenburg: 687 weitere Coronafälle seit Donnerstag meldet das Gesundheitsamt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 2 027. Dennoch entfallen ab Sonntag, 3. April, auch hier die meisten Corona-Regelungen. Nur in wenigen Bereichen gilt noch eine Masken- oder Testpflicht, zum Beispiel in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Auch in Arztpraxen und dem öffentlichen Personennahverkehr bleibt die Maske Pflicht. In Schulen, Kindertagesstätten sowie Gemeinschaftsunterkünften von Geflüchteten und Asylbewerbern soll weiterhin regelmäßig getestet werden. Die Regelungen für Gastronomie, Hotels und Diskotheken entfallen. Gleiches gilt für den Einzelhandel, Freizeit, Kultur und Sport. Dort sind weder Test- noch Impfnachweis notwendig. Grundsätzlich besteht auch keine Maskenpflicht mehr. Aufgrund der hohen Infektionszahlen mahnt Landrat Marco Prietz (CDU) jedoch zur Vorsicht. „Nach zwei Jahren erleben wir einen großen Einschnitt in der Coronapolitik. Jeder Einzelne von uns ist gefragt, eigenverantwortlich zu handeln. Die Gefahr, sich auf Veranstaltungen, in Restaurants oder bei Treffen mit Freunden zu infizieren, ist zurzeit größer denn je.“ Selbsttests sowie Masken an Orten mit vielen Menschen bleiben sinnvoll.

Die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, ist aber auch derzeit extrem hoch. Daher rät sie, dass sich vor allem alle über 70-Jährigen, für die die Stiko-Empfehlung gilt, ein viertes Mal impfen lassen. „Im Herbst sicherlich auch noch ein weiteres Mal, vermuten unsere Ärzte“, sagt sie. Die Empfehlung gilt auch für alle, die in Pflegeberufen arbeiten. Dann für Jüngere aber erst sechs Monate nach der dritten Dosis.

Allerdings rechnet Schröder auch mit einem angepassten Impfstoff bis zum Herbst. Für Jüngere mit einem gesunden Immunsystem mache es daher Sinn, mit der vierten Impfung noch zu warten. Es werde aber auch niemand weggeschickt, der sich impfen lassen möchte, sagt Schröder. „Wir wollen vermeiden, jemanden mit Impfwillen nach Hause zu schicken. Wenn es ärztlich vertretbar ist, wird er geimpft.“

Mit den Altenheimen im Landkreis sind die Impfteams bereits vollständig durch und haben Bewohner und das Personal, das wollte, zum vierten Mal geimpft.

Ein Schub für den Booster

Um dem Boostern noch mal einen Schub zu verleihen, hat sich das Impfteam mehrere Möglichkeiten überlegt, wie man die Zögernden erreichen könnte. Zum einen erstellen sie gerade einen Film, in dem sie verschiedene Leute aus dem Landkreis um ein Statement pro Impfung gebeten haben. „Wir wollen damit in Erinnerung rufen, warum die Impfung so wichtig ist“, sagt Leiterin Martina Schröder. Dazu gibt es seit Kurzem auch einen zum Impfmobil umgewandelten RTW, mit dem die Impfteams überall hinkommen können, zum Beispiel auf Märkten wie dem Frühjahrsmarkt in Selsingen am 9. April zwischen 14 und 17 Uhr. Auch auf Festivals und anderen Veranstaltungen würden sie sich aufbauen. Angefragt werden kann das Impfmobil per E-Mail an leitung.impfteams@lk-row.de.

Wie viele Menschen im Landkreis im Einzelnen bereits die vierte Impfung erhalten haben, kann Schröder allerdings nicht sagen: Die Dritt- und Viertimpfungen werden nicht einzeln erfasst, sondern landen in einem Topf. Übrigens: Wer sich mit dem Impfstoff von Johnson und Johnson hat impfen lassen, benötigt ebenfalls zwei Impfungen als Grundimmunisierung, im Herbst dann ebenfalls den Booster für einen vollständigen Impfschutz.

Auch das Kinder-Impfen ist momentan „kein großes Thema“, so die Leiterin. Die Termine werden angeboten, und es kommen auch immer Eltern mit ihren Sprösslingen. „Aber es sind nicht die Zahlen, die wir erwartet haben.“ Erwartet, weil viele Eltern anfangs Druck gemacht hätten, sich über mangelnde Impfmöglichkeiten beschwert haben. Jetzt ist es so, dass mitunter auch Impfstoff verfallen ist, weil dieser nicht für Erwachsene verwendet werden kann und nicht genügend Kinder gekommen sind. Zwar bestellt das Impfteam nur geringe Mengen, doch selbst das ist mitunter zu viel. Schröder vermutet, dass die Unsicherheiten bei den Eltern noch immer überwiegen – denn auch hier bleibt es oft bei milden Verläufen nach einer Ansteckung. „Und es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man davon unfruchtbar werden kann.“

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