Geschäfte beklagen Müllberge

Bonpflicht seit Jahresbeginn: Ärger mit den Zettelchen

Rotenburg - Seit Jahresbeginn häufen sich in an den Kassen von Kiosken, Bäckereien und Supermärkten die kurzen, bedruckten Zettelchen. Zu jedem Einkauf wird automatisch ein Bon gedruckt, nicht wie vorher meist üblich erst auf Nachfrage. Das in Kraft getretene Kassengesetz soll so für mehr Transparenz sorgen und gegen Steuerbetrug helfen.

Kai Bernhardt, Pressesprecher des Niedersächsischen Finanzministeriums, erklärt, das Gesetz stellt „einen wichtigen Schritt dar, um den Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen entgegenzutreten“. Heißt also, der Beleg soll verhindern, dass getätigte Kassenvorgänge nachträglich verändert werden.

Dass die Geschäfte die Bons jetzt immer drucken müssen, sorgt vor allem für eine Menge Müll. Das stellen besonders die Bäcker fest, die für die häufig geringen Summen für Brötcheneinkäufe bislang meistens keine Bons ausgestellt haben. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks bezeichnet die Auswirkungen des Gesetzes als reine „Müllproduktion“, was auch die Mitarbeiter der Bäckereien in Rotenburg feststellen. Sie drucken die Belege, die geradewegs in den Müll wandern. 

Kunden greifen nicht öfter nach dem Bon

Die Kunden, die vorher keinen Beleg wollten, nehmen ihn jetzt auch nicht mit, berichten etwa die Mitarbeiterinnen einer Tamke-Filiale an der Großen Straße. Aber auch in den benachbarten Geschäften in der Rotenburger Innenstadt beklagen die Mitarbeiter mehr Abfall durch die gedruckten, aber nicht mitgenommenen Belege. 

Etwas anders ist es für die Mitarbeiterinnen bei Jette C. Mehr Müllaufkommen gibt es dort seit dem Jahresanfang nicht, denn die Kasse hat den Bon schon vorher automatisch ausgegeben. Häufig benötigten die Kundinnen den Zettel aber auch dort gar nicht.

Gerade in Bäckereien kommt in kurzer Zeit eine große Menge Müll durch Kaufbelege zusammen.

In der Rotenburger Bäckerei Brunnen-Müller werden die nicht benötigten Bons nicht direkt im Müll entsorgt, sondern zunächst aufgespießt auf dem Tresen gesammelt. Zum einen sollen so die Reinigungskosten im Rahmen gehalten werden, erklärt Geschäftsführerin Corinna Müller-Suszek. „Zum anderen, um zu zeigen, wie viel Müll sich für nichts ansammelt.“ Für Müller-Suszek ist unverständlich, dass alle Geschäfte dieser Regelung unterworfen sind, wenn sie eigentlich nur „schwarze Schafe“ treffen soll. Zumal sowieso die Auslesbarkeit der Kasse bereits seit 2016 vom Gesetzesgeber vorgeschrieben sei. Sie wünsche sich eine Ausnahmeregelung für Geschäfte, die Umsätze mit so vielen kleinen Beträgen machen.

Müll wegen Bonpflicht schlecht zu entsorgen

Das Problem ist, dass dadurch nicht nur große Mengen an Müll produziert werden, sondern dieser auch schwerer zu entsorgen ist. „Die Bons werden zumeist auf Thermopapier gedruckt“, sagt Manfred Radtke, Vorsitzender der BUND-Kreisgruppe Rotenburg.

Viele dieser Papiere enthielten Bisphenol A oder Bisphenol S. „In 14 von 19 Stichproben, die der BUND 2016 testen ließ, wurden die hormonähnlich wirkenden Substanzen nachgewiesen“, erklärt Radtke. Der Bon gehört dementsprechend nicht ins Altpapier, informiert das Umweltbundesamt. Stattdessen sollten sie im Restmüll entsorgt werden.

Rotenburger BUND-Chef: Gesetz nicht verhältnismäßig

Aus diesem Grund, meint Radtke, sei das Gesetz zur Bonpflicht nicht verhältnismäßig. „Während beim Kauf von zwei Brötchen auf jeden Steuer-Cent geachtet wird, belaufen sich die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland jährlich auf circa 60 Milliarden Euro“, kritisiert der Umweltschützer. Auch wenn nachzuvollziehen sei, dass der Staat Steuerbetrug verhindern möchte, sei er mit dem Gesetz über das Ziel hinausgeschossen.

Lesen Sie auch: So reagiert Bäckerei Frick auf die Bonpflicht

Allerdings müssen Bons nach der jetzigen Gesetzeslage nicht zwingend ausgedruckt werden, erklärt Bernhardt. Möglich sei es auch, mit der Zustimmung des Belegempfängers, eine elektronische Datei auszugeben. „Hierzu gibt es bereits mehrere am Markt praktizierte Verfahren, die sicherlich im Laufe der Zeit bei entsprechender Nachfrage auch erweitert und ausgebaut werden“, meint Bernhardt.

Rubriklistenbild: © Witte

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