Verdacht auf Säure-Regen

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Denis Schimmeyer mit einem durchlöcherten Blatt. 

Söhlingen - Von Matthias Berger. „Das ist der erste derartige Fall, der uns berichtet wurde“, erklärt Rochus Rieche. Der Referatsleiter des Landesamtes für Bergbau und Energie (LBEG) ist zur Bohrstelle Söhlingen Z 5 gekommen, um einen unglaublichen Vorwurf zu prüfen: Bei der Abfacklung von Erdgas soll Salzsäure vernebelt und auf die umliegende Landschaft niedergeregnet sein.

Dass das LBEG überhaupt auf den Fall aufmerksam wurde, ist dem Einsatz einiger Bürger zu verdanken, die sich mitten in der Nacht an die Gefahrenquelle begeben haben. „Beim Abendspaziergang durch Wittorf haben meine Frau und ich eine chemisch riechende Wolke abbekommen“, erzählt Denis Schimmeyer, der sich bei den Wittorfer Bürgern für Umwelt und Gesundheit (WUG) für die Aufklärung über die möglichen Gesundheitsrisiken der Erdgasförderung einsetzt. Kurz darauf habe er eine Flamme über dem Wald gesehen. „Wir fuhren los, um festzustellen, woher der Gestank kam. Bei der Anlage Söhlingen-Ost Z1 haben wir festgestellt, dass dort Gas abgefackelt wird. Der Lärm, die Flammen, aber vor allem der Geruch waren von bisher nie gekanntem Ausmaß. Wir hatten Husten, Augenbrennen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühl, einen metallischen Geschmack im Mund und ein Kitzeln im Gesicht.“ Seine Frau habe einen Rheumaschub erlitten, sein Nachbar einen Erstickungsanfall. Das war am 25. März.

Eine Woche später, am 1. April, wiederholt sich laut Schimmeyer der Vorfall. „Diesmal brannte es auf Z5 in Söhlingen. Geruch und Symptome waren bei uns gleich.“ Mit einem Unterschied: „Am nächsten Tag habe ich aus den Hautporen im Gesicht geblutet.“

Auf Nachfrage habe ihm der Toxikologe Dr. Hermann Kruse von der Uni Kiel gesagt, dass die Symptome auf Salzsäure hinweisen. Auf Nachfrage des verantwortlichen Energiekonzerns „ExxonMobil“ erhält auch Rochus Rieche die Auskunft, dass an der Bohrstelle Söhlingen Z 5 Salzsäure eingesetzt wird. Ansonsten sei alles ganz normal, heißt es in der Presseerklärung von „ExxonMobil“: „ExxonMobil hat an der Erdgasbohrung Söhlingen Z5 am 1. April Arbeiten zur Optimierung der Förderung durchgeführt. Aus technischen Gründen musste das anfallende Gas dabei über die Fackeln geleitet und verbrannt werden. Diese Fackelarbeiten sind planmäßig ohne Auffälligkeiten durchgeführt worden. Dabei sind beim gezielten Verbrennen des Gases keine Flüssigkeiten freigesetzt worden.“

Der LBEG-Referatsleiter ist auf Einladung von Schimmeyer zur Bohrstelle gekommen, „um sich ein Bild zu machen“. Er selbst sei zwar kein Experte, werde aber den Fachleuten im Landesbergamt berichten. Diese müssten dann entscheiden, ob es notwendig ist, Proben zu nehmen.

Rund um die Anlage sind die Blätter der Pflanzen mit Löchern übersät. Für Schimmeyer ein eindeutiges Zeichen. „Das ist doch nicht normal, dass man hier im Säureregen steht. Ich bin kein Gegner der Gasförderung. Aber es entsteht der Eindruck, dass aus Geldgier mit Billigmethoden gearbeitet wird. In welchem Land leben wir hier eigentlich – im Wilden Westen?“

Direkt an die Bohrstelle grenzt die Wiedau, Spuren von Wildwechsel sind deutlich zu erkennen. „Ich habe die Jagdbehörde bereits informiert“, sagt Schimmeyer. „Die Wiese müsste abgesperrt werden.“ Passiert sei bisher nichts.

Rieche macht ein paar Fotos und hört den Ausführungen zu. Auf Nachfrage, welche Schritte das LBEG einleiten wird, antwortet er, 50 Meter von der Bohrstelle entfernt: „Wir müssen sehen, was dabei rauskommt. Wenn wir Kontaminationen feststellen, müssen wir prüfen, woher das kommt.“

Kommentar von Matthias Berger

Schlimmste (Vor-)Urteile bestätigt

Matthias Berger

Der Vorwurf klingt ungeheuerlich, und im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung. Doch die Art und Weise, wie das Landesbergamt dem Verdacht in Söhlingen Z5 nachgeht, bestätigt die schlimmsten (Vor-)Urteile über die Behörde. Da klagen mehrere Bürger über massive Gesundheitsbeschwerden, berichten von einem Säurenebel, der auf die Landschaft niederregnet. 

Und was macht das Landesbergamt in einem nach eigenen Angaben „einzigartigen Fall“? Schickt einen Mitarbeiter, der bei Exxon nachfragen muss, was dort eigentlich für Stoffe verwendet werden. Der ein paar Fotos macht, sich mit den Betroffenen unterhält und dann den eigentlichen Experten im LBEG Bericht erstattet, die prüfen sollen, ob es sich lohnt, nochmal jemanden vorbeizuschicken, um Proben zu entnehmen. Vielleicht ist ja bis dahin Gras über die Sache gewachsen ...

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