Angeklagter schweigt

Blutrache-Prozess wird fortgesetzt

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Nach dem Mord in Visselhövede 2017 schweigt der Angeklagte zu den Blutrache-Vorwürfen.

Verden/Visselhövede - Von Wiebke Bruns. Nach einer dreiwöchigen Pause soll am Montag am Landgericht Verden der Blutrache-Mordprozess fortgesetzt werden. Seit dem 2. November versucht die 1. Große Strafkammer als Schwurgericht zu klären, ob der 23 Jahre alte Angeklagte an der Ermordung eines 46 Jahre alten Mannes am 9. Januar 2017 auf offener Straße in Visselhövede beteiligt war. Nach seiner Festnahme hatte er seine Tatbeteiligung gestanden. Vor Gericht schweigt er.

Mord aus niedrigen Beweggründen in heimtückischer Begehungsweise wirft die Staatsanwaltschaft Verden dem gebürtigen Albaner vor. Er soll nicht selbst geschossen haben, jedoch an der Tatplanung beteiligt gewesen sein und bei der Tat das Motorrad gefahren haben – mit dem Todesschützen als Sozius. 

Das 46 Jahre alte Opfer hatte keine Chance. Der Mann war zu Fuß unterwegs, als sich ihm auf Höhe der Visselhöveder Grundschule ein Motorrad näherte. Laut Augenzeugen bremste das Motorrad abrupt, und der Sozius richtete eine Waffe auf den wehr- und schutzlosen Mann. Er wurde von mehreren Kugeln getroffen. Wenige Tage später ist der dreifache Vater infolge seiner schweren Verletzungen gestorben.

Das vermutete Motiv: Blutrache. In Albanien offenbar noch weit verbreitet und in dem Kanun geregelt. Es handelt sich dabei auf ein schon vor Jahrhunderten praktiziertes Gewohnheitsrecht. „Wir lernen auch in der Schule, was Blutrache ist“, hatte die 19 Jahre alte Tochter des Getöteten in dem Verdener Prozess ausgesagt. Sie ist als Nebenklägerin an dem Strafverfahren beteiligt. Am 30. Dezember 2011 bekam sie die Folgen der Blutrache hautnah zu spüren. Ihr Vater war bei der Militärpolizei und hatte an jenem Tag als Security-Mitarbeiter einer Disco einen 17-Jährigen erschossen. In einer „notwehrähnlichen Situation“, so die Wertung der Staatsanwaltschaft.

Der Vater wurde später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Doch schon wenige Stunden nach der Tat war für den 46-Jährigen und seiner Familie nichts mehr so, wie es war. Die Kinder wurden sofort bei Familienangehörigen versteckt und standen lange unter Hausarrest. Die Familie des 17-Jährigen soll Blutrache geschworen und drei Leben gefordert haben. Deshalb geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Blutrache noch nicht beendet ist. Nach der Haftstrafe in Albanien folgte der später in Visselhövede erschossene 46-Jährige seinen Kindern nach Deutschland. Bis dorthin sollen ihn seine Mörder verfolgt haben.

Zum Tatzeitpunkt lebte der derzeit in Verden vor Gericht stehende Angeklagte in Seelze bei Hannover. Vor Gericht musste er sich zunächst mit einem weiteren 24 Jahre alten Angeklagten verantworten. Die Männer sollen Cousins sein. Der 24-Jährige war kurz vor der Tat im vergangenen Jahr aus Albanien eingereist und soll Kontakt zu dem 23-Jährigen gehabt haben. Der 23-Jährige hatte nach seiner Festnahme bei der Polizei den 24-Jährigen als den Todesschützen benannt. Vor Gericht machten dazu beide Angeklagten keine Angaben. Die Staatsanwaltschaft hatte nichts gegen den 24-Jährigen in der Hand. Sein Verfahren wurde abgetrennt und er wurde freigesprochen. Offenbar sehen die Behörden nun wiederum ihn in Gefahr. Unter Polizeischutz soll er nach dem Freispruch das Gerichtsgebäude verlassen haben.

Es ist nicht zu erwarten, dass der 23-Jährige sein Schweigen in dem Prozess noch brechen wird. Ihn belasten unter anderem Handydaten, seine Spuren an dem Motorrad und abgehörte Innenraumgespräche. Sollte er verurteilt werden, könnte ihm ein umfassendes Geständnis einige Jahre in Haft ersparen. Doch er schweigt.

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