Journalist Bednarz im Kreishaus über die Krise als Senior

„Blind vom Alter erwischt“

Dieter Bednarz hat viel zu erzählen, vor allem von sich selbst. Foto: Heyne

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Was für eine schöne Idee von der Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Arbeit und der Wirtschaftsförderung des Landkreises, gemeinsam den Journalisten Dieter Bednarz mit seinem Buch „Zu jung für alt“ ins Kreishaus zu laden. Gründe, sich die Ausführungen des Spiegel-Journalisten anzuhören, gab es gleich mehrere: Zum einen ist Bednarz den Älteren noch als derjenige bekannt, der furchtlos Herrscher wie den syrischen Herrscher Baschar al-Assad oder den iranischen Staatschef Mahmud Ahmadinedschad interviewte. Zum anderen hat er sich der 64-Jährige mit journalistischer Gründlichkeit mit dem Altern auseinandergesetzt – „ein Thema, dessen Zielgruppe Sie hier vor sich haben“, wie Landrat Hermann Luttmann einleitend konstatierte.

Ein „erzählendes Sachbuch“ war dabei herausgekommen, ganz im Stil seines als Buch und Film erfolgreichen Erstlingswerks „Überleben an der Wickelfront:“. Ein kluger Ansatz, gehören Gespräche mit Menschen, die etwas zu sagen haben, doch zur Stärke des ehemaligen Nahost-Korrespondenten. Und eine ganze Reihe von Experten hatte er zum Thema befragt, vom Demografie-Papst über einen führenden Gerontologen bis zum Experten für Sozialgeschichte. Aber auch Einzelne, die ihren persönlichen Umgang mit dem neuen Lebensabschnitt schildern, kommen zu Wort.

Gleichwohl: die „narzisstische Verletzung“, die ihm einer der interviewten Psychologen bescheinigte, sie nahm einen nicht eben geringen Raum seiner Betrachtungen ein. Damals war beim Perspektivgespräch mit seinem Vorgesetzten das Wort „Vorruhestand“ gefallen. Für Bednarz, der sich „blind vom Alter erwischt“ fühlte, Auslöser einer persönlichen Krise, die zu eben diesem Buch führte.

Gern hätten die Anwesenden, darunter etliche ehrenamtlich Aktive, erfahren, wie Einzelne denn nun diesen Lebensabschnitt für sich sinnstiftend gestalten können, ob es machbar ist, sich von nicht realisierbaren Träumen zu verabschieden und seinen „roten Faden“ zu finden. Doch bis dahin sollte eine Stunde vergehen – so lange dauerte es, bis der Wahl-Hamburger sich und seine vorigen Werke en detail vorgestellt hatte, angefangen bei der „harten Arbeit an der Familienplanung“ – so genau hatte man das irgendwie gar nicht wissen wollen. Sicherlich, die Schilderungen des späten Vaters mit seinen vier frotzelnden Frauen nahmen sich durchaus amüsant aus. Die eigentlich spannenden Passagen des Buchs, wegen derer die meisten hier wohl gekommen waren – was macht den Erfolg des Ü70-Chors „Heaven can wait“ aus, was gibt den Menschen ihr Ehrenamt, was nimmt „Jung-Vorruheständler“ Philip Lahm aus seiner Stiftung mit – all das wurde leider nur angeteasert. Markige Worte gab es zum Schluss: „Wir neuen Alten haben keine Restlaufzeit, wir gehen nicht in die Verlängerung, sondern eröffnen ein neues Spiel.“ Dieser Brandrede mochten sich die meisten Besucher anschließen. Sie hatten nach zwei unterhaltsamen, aber bedingt zielführenden Stunden zwei Alternativen: das Buch kaufen oder den Abend abhaken.

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