Es bleiben offene Fragen

Amtsgericht spricht Männer nach Vorwürfen der Vergewaltigung frei

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Das Amtsgericht Rotenburg sprach den Angeklagten, der der Vergewaltigung eines 20-jährigen Mannes bezichtigt wurde, frei.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Was genau ist im Zimmer eines 20-jährigen Mannes auf dem Campus Unterstedt Ende Juni 2016 passiert? Wurde der junge Mann von zwei Bewohnern vergewaltigt? So stand es zumindest in der Anklageschrift, die Richterin Petra Simon gestern im Amtsgericht Rotenburg vorgetragen hat.

„Kleinere und größere Widersprüche“ in den Aussagen des mutmaßlichen Opfers auf der Polizeiwache und schlussendlich vor Gericht ließen dem Gericht jedoch keine andere Möglichkeit, als den ersten Angeklagten freizusprechen. Der machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Der zweite Beschuldigte sagte in Essen aus und stritt alle Vorwürfe ab.

„Ich schrie und sie hörten irgendwann auf“

Laut des mutmaßlichen Opfers habe sich die Tat folgendermaßen zugetragen: Zwei Bewohner des Campus Unterstedt hatten sich von ihm Geld geliehen. „Danach wollten sie in meinem Zimmer wohnen bleiben“, sagte er aus, übersetzt von einem arabisch sprechenden Dolmetscher, „um zu verheimlichen, dass sie kein Geld haben“. Eines Abends habe einer der zwei Männer, der nicht in Rotenburg, sondern in Essen verhört wurde, versucht, sich an dem 20-Jährigen zu vergehen. „Er schaute sich gerade Sexfilme an und befahl mir, mich zu ihm zu legen. Daraufhin bin ich rausgegangen“, setzte der junge Mann seine Aussage fort, immer wieder unterbrochen von kurzen Denkpausen.

An einem weiteren Abend seien beide Beschuldigten involviert gewesen: Der vor Gericht nicht anwesende Mann habe dem 20-Jährigen die Hose heruntergezogen und ihn aufs Bett geworfen. Während er anfing, den Abend aus seiner Sicht zu rekapitulieren, brach der Zeuge im Amtsgericht fast in Tränen aus. Richterin Simon setzte eine Pause an. „Es war und ist eine schwierige, psychische Situation für mich“, erklärte der Mann seine emotionale Verfassung nach der Unterbrechung, fuhr dann aber zögerlich fort: Auf dem Bett habe der zweite Beschuldigte nach Oralverkehr verlangt, der junge Mann verweigerte dies, „aber er ließ nicht nach, sodass ich nachgab“. Der ins Amtsgericht geladene Beschuldigte habe daraufhin den Mann an den Beinen festgehalten, und der andere habe sich an ihm sexuell vergangen. Was dann genau passierte, wollte der Zeuge nicht näher erläutern. Auch der Dolmetscher tat sich schwer, seine Aussage wortgenau zu übersetzen. „Ich schrie, und sie hörten schließlich irgendwann auf“, so der 20-Jährige.

Widerspruch zu früherer Aussage

Zweifel kamen bei Staatsanwältin Carola Oelfke und Richterin Simon vor allem wegen einer früheren Aussage des Mannes bei der Polizei auf, die sich mit seiner gestrigen Einlassung in mehreren Punkten widersprach. Einzelne Details der angeblichen Vergewaltigung waren nicht stimmig. Dies bestätigte auch der Polizist, der die Aussage damals zu Protokoll gebracht hatte. Auf Nachfrage des Beamten hatte der 20-Jährige ein Eindringen in sein Gesäß damals verneint, gestern bekräftigte der junge Mann allerdings dieses Vorgehen. „Auf dem Revier machte er einen sehr aufgewühlten, nervösen Eindruck. Die Situation war ihm unangenehm“, erinnerte sich der Beamte.

Schlussendlich plädierte die Staatsanwältin auf Freispruch: „Ich bin überzeugt, dass sich in dem Zimmer etwas zugetragen hat, das reicht mir aber nicht für eine Verurteilung. Es steht Aussage gegen Aussage, konkrete Ansatzpunkte fehlen.“ Richterin Simon stimmte dem in der Urteilsverkündung zu. „Die Zeugenaussage war nicht zweifelsfrei.“

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