Sternstunde politischen Kabaretts

Thomas Freitag: Bissige Botschaften

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Thomas Freitag schlüpfte in seinem Programm (hier als entschleunigter Holländer) in zahlreiche Rollen.

Rotenburg - Ist das politische Kabarett tot? Mitnichten. Solange es noch Gedankenverfechter der alten Schule wie Thomas Freitag gibt, ist es lebendiger denn je – das stellte der Altmeister am Donnerstagabend auf Einladung der Volkshochschule im Rotenburger Kantor-Helmke-Haus bereits zum dritten Mal eindrucksvoll unter Beweis.

Tot ist hingegen – zumindest vermeintlich – Peter Rübenbauer, Freitags Hauptprotagonist des neuen Programms „Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“. Ausgerechnet durch selbigen ist der EU-Beamte und Verantwortlicher für Verkehrskreisel, ins Zwischenreich befördert worden. Dort trifft er allerlei schräge Vögel, vom holländischen Entschleunigungsbeauftragten bis zum evangelischen Birkenstock-Attentäter mit Wollsocken-Sprenggürtel, der sich als himmlischen Lohn 36 Sozialpädagoginnen in Strickpullis erhofft. 

Stark auch die Szene, in der Rübenbauer das ewige Wartezimmer vergessener Talkshow-Themen trifft, von Altersarmut bis zum Klimawandel – da ist der Aufklärer und das politische Gewissen ganz in seinem Element. Rübenbauer kommt irgendwann dahinter, dass Gott nur ein Marketingtrick war. Irrer Höhepunkt des Programms: der Schöpfer outet sich als philosophische Selfie-Stange; der Marketingprofi entwirft Religionen für alle Bedürfnisse: „den Islam für die Hitzköpfe, das Christentum für Sado-Masos und den Buddhismus für Frauen im Klimakterium.“

Schwarz und bitterböse

Freitag ist bissig, schwarz und bitterböse, auch nach all den Jahren noch. In bester „Scheibenwischer“-Tradition (und aus dieser Zeit kennt ihn ein Großteil des Publikums) spielt er auf der Klaviatur des Kabaretts, zieht mühelos und mit ungebrochener Präsenz in seiner zweistündigen Soloshow sämtliche Register des kabarettistischen Instrumentariums: von Stimmungsumschwüngen über Dialekte bis zur Parodie. Mit ausgeprägter Mimik schlüpft er in unterschiedlichste Rollen. Nicht von ungefähr erinnert der Oberbürgermeister eines bayrischen Leberkäse-Imperiums, der das Lebensmittelrecht der EU moniert, an Franz-Josef Strauß – eine von Freitags Paraderollen.

Vordergründig geht es um Europa – das, wenn man dem Auftritt von Zeus glaubt, heute 450-Euro-Jobber in einer Taverne, auch „Vanessa“ hätte heißen können – „wenn ich damals zufällig eine andere Ische flachgelegt hätte“. Es geht um seine Geschichte, seine Vorzüge, seine Befindlichkeiten. Mit profundem Hintergrundwissen arbeitet er sich am Beamtentum, den erlassenen Vorschriften („300 Seiten für das richtige Aufstellen einer Leiter – das hat etwas Meditatives!“) oder der Blockpolitik Osteuropas ab.

Aufrütteln und bekehren

Aber eigentlich geht es viel mehr. In bester Kabarett-Tradition will Freitag aufrütteln, hinterfragen, bekehren: Voller Leidenschaft malt er mit Sendungsbewusstsein das Bild eines anderen Europa, eines mit Ehrenkodex, „wo wir unser Geld nicht auf Inseln bringen und deren Bewohner ersaufen lassen.“ Dass diese Leidenschaft, dieses Brennen für hehre Ziele eigentlich nur einem Kabarett-Spray aus dem Zellgut von Klaus Kinski entstammt, ist eine weitere Doppelbödigkeit, für die man Freitag in seinem kurzweiligen, aber ebenso nachdenklichen Programm nur beglückwünschen kann. 

Das Ergebnis einer dichten Mischung, mehr Theaterstück als Kabarett, aus der wohldosierten Mischung aus Ernsthaftigkeit, Doppelbödigkeit und dem ein oder anderen schnellen Lacher (dunkle faltige Haut: entweder ein Leberkäse oder Jürgen Drews!“): Jede Menge zufriedene Gesichter und der ein oder andere Denkanstoß – Kabarett im besten Sinne eben.

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