Gloria Boateng aus Hamburg liest kommende Woche in der Kreisstadt

„Bildung ist ein wichtiger Motor“

Gloria Boateng hat einen „steinigen Weg“ hinter sich. Foto: Gloria Boateng/DoroNowa

Rotenburg – Die in Hamburg lebende Autorin und Lehrerin Gloria Boateng liest am Donnerstag, 27. Februar, ab 19 Uhr in der Buchhandlung Müller an der Goethestraße in Rotenburg aus ihrem Buch „Mein steiniger Weg zum Erfolg“. Wir haben ihr dazu ein paar Fragen gestellt.

Frau Boateng, Sie haben einen berühmten Namen. Sind Sie etwa verwandt mit den beiden erfolgreichen Fußballern Jerome Boateng und Kevin-Prince Boateng?

Sie glauben gar nicht, wie oft ich diese Frage beantworten muss, und manchmal wünschte ich, ich könnte einfach Ja sagen, denn immer Nein zu sagen, ist langweilig. Aber nein, wir sind nicht verwandt oder verschwägert. Noch nicht. Wer weiß, was noch in meinem Leben passieren wird ...

Sie kommen am 27. Februar nach Rotenburg und lesen aus Ihrem Buch „Mein steiniger Weg zum Erfolg“. Welche Art von Erfolg meinen Sie damit?

Erfolge gibt es in meinem Leben viele: Zum Beispiel die Tatsache, die deutsche Sprache als Zugezogene besser zu beherrschen als viele Menschen, die hier geboren sind; meine 20-jährige Tochter als Alleinerziehende zu einem kritischen, weltoffenen, empathischen und wunderbaren Menschen erzogen zu haben; trotz Hauptschulempfehlung das Abitur, eine Fremdsprachenausbildung und ein Lehramtsstudium absolviert zu haben; durch die vielen Widrigkeiten in meinem Leben, unter anderem die körperlichen Misshandlungen und die rassistischen Anfeindungen und Verletzungen auf meinem Weg nicht aufgehalten worden zu sein, sondern – im Gegenteil – meine Ziele stets weiterverfolgt zu haben. Nicht zuletzt besteht mein größter Erfolg und größtes Glück darin, dass ich heute genau das Leben lebe und leben darf, das ich hatte leben wollen.

Wer sich mit Ihrer Biografie beschäftigt kann erahnen, warum Ihr Weg so steinig war. Was war für Sie am schlimmsten, am schwersten?

Es war schlimm aus dem ghanaischen Lebensraum so plötzlich herausgerissen und in ein neues Land verpflanzt zu werden, dessen Sprache man nicht spricht. Die Abschiebung meiner Mutter und der Tod meines Großvaters waren sehr schwer zu verarbeiten; die vielen bösen und rassistischen Worte und Handlungen anderer Menschen mir gegenüber sowie die Überfälle waren große Steine auf meinem Weg. Und einer der schlimmsten Zeitpunkte war es, als ich meinen Glauben an mich selbst, an Gott sowie an das Gute im Menschen verlor. Wenn man diese drei Dinge nicht mehr hat, bleibt einem nicht mehr viel, wofür es sich meines Erachtens zu leben lohnt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Lernen helfen kann und warum Aufgeben keine Lösung ist. Wie oft und an welchen Stellen im Leben haben Sie selbst vor der Aufgabe gestanden, aber dann trotzdem weitergemacht?

Es gab so einige Momente in meinem Leben, in denen ich aufgeben wollte. Einer davon war, als ich in meiner eigenen Wohnung überfallen und zusammengeschlagen wurde. Danach hatte ich Angst vor allen Menschen, denn sie waren eine potenzielle Gefahr für mich. Ich habe aber irgendwann erkannt, dass das Leben es an sich gut mit mir meint und viele Situationen eine Reifeprüfung darstellen, die es zu bewältigen gilt. Da wäre Aufgeben genau das Falsche. Ich sage nicht, dass man grundsätzlich nicht auch mal die bewusste Entscheidung treffen kann, etwas aufzugeben. Aber dann nicht, weil es einen überwältigt, sondern weil man sich bewusst für einen anderen Weg entscheidet. Diese Form des Aufgebens bringt einen weiter. Wenn man aber jede Situation betrachtet, und mag sie noch so ausweglos sein, kann man darin auch immer etwas Positives sehen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich. Wenn man das Gute in allen Dingen sucht, wird man sie auch finden. Und das wird einem die Kraft geben, weiterzumachen statt aufzugeben.

Sie sind die SchlauFox-Initiatorin. Was steckt dahinter?

SchlauFox ist ein gemeinnütziger Verein, der zwei große Ziele verfolgt: Sozioökonomisch benachteiligte Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg begleiten und fördern. Viele insbesondere junge Menschen zum bürgerschaftlichen Engagement anstiften und dadurch für mehr gegenseitige Fürsorge und Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen. In unseren vielfältigen Programmen begleiten wir zum Beispiel Risikoschüler dabei, ihren ersten Schulabschluss zu schaffen. Geflüchtete Menschen unterstützen wir durch ein Mentoring dabei, im neuen Land gut anzukommen und den Übergang in die Regelklasse zu bewältigen. Außerdem fördern wir durch unsere Projekte den interkulturellen Dialog mit Mitteln der Kunst und ein verbessertes Miteinander. Wir leisten unseren Beitrag zur Gesundheitsförderung und erhöhtem Wissen von jungen Menschen, indem wir Kochkurse und Aktionen zum Thema Ernährung anbieten. Wir unterstützen unsere Geförderten dabei, den Glauben an sich selbst wiederzufinden, mehr Lernmotivation und Lernlust zu entwickeln, wir helfen ihnen bei der Bewältigung ihrer vielfältigen Probleme und geben ihnen im Rahmen der Projekte so viel an die Hand, dass sie am Ende ihre (Bildungs-)Wege erfolgreicher beschreiten können.

Sie sprechen von Schulbildung als Überlebensmotor – was genau ist der Treibstoff?

Der Mensch ist – so hat mich das Leben gelehrt – per sé freiheitsliebend und strebt nach Selbstbestimmung. Um beides zu erreichen, braucht man eine Wahl. Eine echte Wahl. Und die hat man nur, wenn man viel kann, viel weiß, wenn einem viele Wege offen stehen. Schulbildung, gute Qualifikationen öffnen einem zumindest formal die Türen. Ohne die hat man kaum eine Chance, einen Weg selbst bestimmen zu können, sondern man wird eingeschränkt, fremdbestimmt. Ich bin in einer Gesellschaft wie Deutschland mit meiner Hautfarbe und meiner Herkunft sowieso eingeschränkt. Türen bleiben mir allein deswegen schon verschlossen. Da wollte ich mir wenigstens die Türen öffnen, auf die ich selbst Einfluss hatte. Für alle Menschen, aber insbesondere für Menschen, die in unserer Gesellschaft ohnehin benachteiligt werden, ist (Schul-) Bildung ein wichtiger Motor, der zu mehr Partizipation, Selbstbestimmung und -verwirklichung sowie (beruflichen) Erfolg führt.

Sie zielen auf eine bestimmte Gruppe von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ab, sie leben in Hamburg. Sind die Probleme in einer Kleinstadt wie Rotenburg mit denen in Hamburg vergleichbar?

Ich glaube nicht, dass die Menschen, die in Rotenburg leben, andere sind als die in Hamburg. In Hamburg sind es einfach nur mehr, und dadurch ist die Heterogenität vielleicht größer. Aber die Probleme, die eine Gruppe von Menschen in Hamburg hat, wird eine andere in Rotenburg auch haben. Die Herausforderungen, die einige in Rotenburg bewältigen müssen, werden die gleichen sein, die andere Personen in Hamburg bewältigen müssen. Die Menschen, die unsere Unterstützung in Hamburg brauchen, wird es in Rotenburg auch geben. Ich hoffe und denke, dass es in Rotenburg ebenso viele engagierte Menschen gibt, die andere unterstützen. Jeder Mensch ist mal auf die Hilfe einer anderen Person angewiesen: In Rotenburg wie in Hamburg, in Deutschland wie in Ghana und sonst wo. Wie schön ist es, wenn man die Unterstützung dann auch erhält ...

Sie helfen mit Ihrem Verein Kindern und Jugendlichen mit Startschwierigkeiten. Wie genau sehen die Schwierigkeiten aus?

Die Schwierigkeiten habe ich ein wenig schon durch die Beschreibung unserer Projekte im Prinzip implizit skizziert. Wenn junge Menschen in einer für die schulische Laufbahn wenig anregenden Umgebung aufwachsen, mit ihren Problemen allein gelassen werden, ihre Eltern sie nicht ausreichend unterstützen können, sie nicht jederzeit die von ihnen durch das Schulsystem und den Schulalltag verlangte Anpassungsfähigkeit entwickeln können, dann haben sie mehrere große Hürden auf ihrem Weg zum Schulerfolg zu bewältigen, die sie allein vielleicht nicht bewältigen können. Wenn man als geflüchteter junger Mensch in ein fremdes Land kommt, dessen Sprache man nicht spricht, dessen Kultur und Schulsystem man nicht kennt, dann ist es schwer, ohne Unterstützung an das vorhandene Potenzial anknüpfen zu können und einen erfolgreichen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu beschreiten. Wenn man als mangelernährter Mensch jeden Schultag volle Konzentration aufbringen soll, wird dies nur schlecht möglich sein. Es sind ganz vielfältige Schwierigkeiten, die unsere Kinder und Jugendlichen bewältigen sollen. Das schaffen sie meist auch, wenn sie entsprechende Unterstützung bekommen.

Was können Sie da genau machen?

Das, was in unserem Rahmen möglich ist. Mit unseren Projekten gute Ansätze finden, die implementiert und langfristig in bestehende Systeme verankert werden, die einzelnen Personen helfen und mittel- und langfristig auch der Gesellschaft als Ganzes.

200 Ehrenamtliche, aber auch einige Hauptamtliche sind in diesem Sinne unterwegs. Wie ist es Ihnen gelungen, ein solches Helfernetzwerk nicht nur aufzubauen, sondern auch bei der Stange zu halten?

Es ist mir nicht gelungen. Es ist uns gelungen. Gemeinsam. Ohne mein Team wäre ich nichts. SchlauFox ist vor allem ein GlücksFox. Wir haben immer das Glück gehabt, zum richtigen Zeitpunkt an die richtigen Menschen zu geraten. Wir haben von Anfang an tolle Gründerinnen und Gründer gehabt, die zum Teil bis heute noch mit uns agieren. Wir haben eine großartige Geschäftsführerin gehabt und eine ebenso gute Elternzeit-Vertretung. Wir stoßen immer wieder auf Menschen, die viel Freude an der Koordination unserer Projekte haben. Und es gesellen sich Menschen zu uns, die mit viel Herzblut ihre zum Teil geringe Freizeit dafür einsetzen, mit uns anzupacken. Viele Menschen in Deutschland tragen ehrenamtlich ihren Teil dazu, Missstände zu erkennen und zu beheben, Diversität friedlich und demokratisch zu leben und den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern. SchlauFox ist unser Beitrag für die Gesellschaft, unser Engagement für mehr Bildung.

Mehrfach ausgezeichnete Autorin kommt in die Kreisstadt

Die am 28. August 1979 in Pramso / Ghana geborene Gloria Boateng setzt sich seit ihrer Jugendzeit für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit ein. 2008 initiierte die Lehrerin die Gründung des Vereins SchlauFox, der sich seitdem für die Bildungsförderung von sozioökonomisch benachteiligten Kindern und Jugendlichen einsetzt. Der Verein setzt sich aus knapp 200 ehrenamtlichen Mitarbeitern, sechs hauptamtlich Beschäftigten und sechs großen Programmen zusammen. Boateng ist mehrfach ausgezeichnet worden – zuletzt 2019 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Lesung am 27. Februar ist eine Kooperation der Ehrenamtskoordination des Mutterhauses, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Rotenburg sowie der Buchhandlung Müller. Der Eintritt kostet fünf Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich (Telefon: 04261 / 2822).

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