Fokus auf Modernes

„Rotenburger Konzert“: Auf ein Bier mit Coco Chanel

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Die beiden jungen Ausnahmetalente Simon Höfele an der Trompete und Magdalena Müllerperth – hier mit Niels Kruse, der die Seiten umblättert – bringen dem Publikum die „Belle Epoque“ nahe.

Rotenburg – So ein Pech: Da ergreift der Vorsitzende der Rotenburger Konzerte Wilhelm Hahne mal zum Mikro – und dann geht es nicht. Dabei hat der Mann im Hintergrund, der sonst verbal gern hinter dem künstlerischen Leiter Niels Kruse zurücksteht, beim letzten Konzert der Saison etwas zu sagen.

Genau wie die Zuschauer, denn sie sind bei der Umfrage zum zukünftigen Kurs der Veranstaltungsreihe gefragt. Soll man zur in der Satzung festgeschriebenen „konzertanten Aufführung von Klassik“ mit Mozart, Beethoven & Co. zurückkehren oder den von Kruse eingeschlagenen Pfad auch modernerer Töne, ungewöhnlicher Besetzungen mit Bearbeitungen und dem ein oder anderen Experiment weitergehen? „Wir sind da ergebnisoffen“, versichert Hahne. Auch wenn mehr Abos im Vorjahr zu verzeichnen seien – grundlos wird die erste Umfrage seit 2011 just vor der nächsten Vorstandssitzung wohl nicht erfolgt sein, und die Besucher spürten, dass nicht alles unisono läuft.

Streng genommen war auch das Programm von Trompeter Simon Höfele und Magdalena Müllerperth am Flügel denn auch nicht satzungskonform: Die „Belle Epoque“, also die Periode um die Jahrhundertwende 1900 zwischen Impressionismus und Expressionismus, die den Zuhörern lustvoll und musikalisch auf schwindelerregend hohem Niveau nahegebracht wurde, ist nicht der Klassik zuzurechnen.

Wie in Woody Allens „Midnight in Paris“

Das kümmert den erst 25-jährigen Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs an der Trompete herzlich wenig. Er fühlt sich, wie er bei Pares‘ „Crepuscule“ verrät, in Woody Allens „Midnight in Paris“ versetzt: „Es ist, als ob ich mit Hemingway und Coco Chanel ein Bier trinke.“ Diesem Kopfkino wohnt man gern bei, nimmt sich die „Standardliteratur für Trompeter“ von Charlier oder Enescu doch überaus nuancenreich aus. Einige der Stücke waren als Abschlussprüfung fürs Konservatorium komponiert; da dürfen gern unterschiedliche Klangfarben, Stilistiken und Virtuosität präsentiert werden. Das alles meistert Höfele mit großer Souveränität; auch bei Savards und Gauberts Stücken nach der Pause glänzt er mit samtweichem Klang. Seine Partnerin Magdalena Müllerperth erweist sich als ebenbürtig; auch mit ihren Soli (in Ravels „Jeux déau“ lässt sie das Wasser plätschern, in Debussys „L‘ isle joyeuse“ entführt sie mit einem üppigen musikalischen Manifest der Freude auf die Insel der Glückseligkeit) beweist die 27-Jährige große Ausdrucksfähigkeit.

Mit Daniel Schnyders Sonate für Trompete und Klavier wenden sich die beiden ganz der Gegenwart zu – keine „Belle Epoque“, erblickte der Jazzsaxofonist doch erst 1961 das Licht der Welt. Hörenswert sind die in Richtung Modern Jazz weisenden Temperamentsausbrüche allemal – und bringen die Frage nach einem möglichen Paradigmenwechsel auf den Punkt.

Auch wenn noch unklar ist, wohin die Reise der Rotenburger Konzerte geht, so steht das Programm für die nächste Klassik-Saison bereits. Die inhaltliche Klammer für die kommende Saison lässt Kruse schon durchblicken: Das Zauberwort heißt „Beethovenjahr.“ 

hey

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