Hohe Nachfrage für Beratungsangebote

Beziehung unterm Brennglas

Benjamin Haase und Sonja Windel sitzen an einem Tisch im Büro.
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Mit dem Familienbrett loten Benjamin Haase und Sonja Windel gemeinsam mit den Ratsuchenden Familienkonstellationen aus.

Paar- und Familienzeit sind in der Pandemie Dinge, die auf einmal verstärkt vorhanden waren. Das hat die einen gestärkt, andere jedoch endgültig auseinandergetrieben und auch für Kinder völlig neue Situationen geschaffen. Zwei, die die Probleme und Sorgen hautnah mitbekommen, sind die Berater Sonja Windel und Benjamin Haase.

Rotenburg – Es ist eine interessante Kurve 2020: Erstmal gab es einen abrupten Stopp, eine Schockstarre. Laufende Scheidungsverfahren wurden beispielsweise ausgesetzt. Dann hat es Fahrt aufgenommen. Im zweiten Lockdown folgte dann eine deutliche Steigerung von Trennungen und Scheidungen. So beschreibt Psychologe Benjamin Haase seine Erfahrungen der vergangenen Monate. Gemeinsam mit seiner Kollegin, der Sozialpädagogin Sonja Windel, arbeitet er beim Diakonischen Werk des Kirchenkreises Rotenburg. Sie bekommen hautnah mit, welchen Problemen sich die Menschen gegenübersehen.

Die einen schweißt diese Zeit fester zusammen, sie finden sich neu, bei anderen treten Probleme, die schon vorher da waren, mit Verstärkung auf – häusliche Gewalt, verbal und körperlich, ist für die Berater auch Thema. „Dann befähigen wir sie, sich Hilfe zu holen, klären über Grenzen und Rechte auf.“ Dort, wo ohnehin schon Druck war, explodierte es meist häufiger. Es ist ein Teufelskreis: Wer vorher sozial isolierter war, war es noch mehr. Wo Alkohol eine Rolle spielt, folgte noch mehr Konsum. Trennung oder Scheidung, die vielleicht eh gefolgt wäre, kam schneller.

Dabei ist es in der Paarberatung ihrer Erfahrung nach oft ganz offen, wie es am Ende ausgeht. Besteht eine Chance zu gemeinsamer Weiterentwicklung oder ist Trennung die Lösung? Paare, die zum Beispiel lange zusammen sind, hocken plötzlich viel zusammen. Eine ungewohnte Situation, kaum Ausweichmöglichkeiten. „Sie müssen reden, erleben den Partner noch einmal anders, das kann in verschiedene Richtungen gehen“, sagt Windel. Das kurzfristige Kompensieren von Stress, durch Freunde treffen oder Sport, fiel weg. Beziehungen wurden unter „ein Brennglas gestellt“, nennt es Haase.

Angebot in Präsenz aufrecht halten

Auch viele Affären sind aufgedeckt worden: „Es fällt auf, wenn jemand öfter woanders zu Besuch ist oder ein zweites Handy plötzlich da ist.“ Manche klären ihre Probleme, andere können sie nicht bewältigen. Je länger die Pandemie, dabei vor allem der Lockdown im Herbst, andauerte, desto schwieriger wurde es. „Die anfänglichen Ressourcen waren aufgebraucht“, so Windel.

Auch für die Berater wuchsen die Herausforderungen: „Es ist eine neue Situation für uns. Wir sind plötzlich nicht mehr die Berater von außen, sondern stecken selber in dieser Krise, dieser Lage, mit drin.“ Quarantäne-Situationen werden fast zum Sozialexperiment. Video-Beratungen, ein neu eingesetztes Modell, sind manchmal eine Lösung, aber nicht immer. Deswegen haben die Berater versucht, das niedrigschwellige Angebot vor Ort aufrecht zu erhalten. Da jedoch viele der Räume durch das Hygienekonzept zu klein sind, stießen sie an Kapazitätsgrenzen. Das Angebot der Videoberatung wollen sie weiter nutzen und weiterentwickeln. „Es ist nur schwierig, wenn die Situation eskalieren sollte“, erklärt Haase – oder wenn Kinder plötzlich reinkommen. Das Eingreifen fällt dann schwerer.

„Manche setzen sich auch trotz aller Sorgen das feste Ziel, zusammenzubleiben“, meint Windel. Sie suchen andere Modelle für ihr Zusammenleben – auch unkonventionelle. Und genau das ist es, wovon viele weg müssten: Das sehr eng gesteckte Denken, wie eine Beziehung „aussehen muss“. Es gibt individuelle Lösungen, betonen beide. Ein Umdenken habe eingesetzt, doch noch nicht überall. Schläft ein Paar beispielsweise getrennt, weil es ihm gut tut, kommentieren das Beobachter von außen, Freunde und Bekannte, meist erstaunt wenn nicht gar missbilligend. Dabei kann so etwas für manche Paare die perfekte Lösung sein.

Die Erziehungsberater haben dabei ein verstärktes „Corona-Phänomen“ ausgemacht. Viele sind entschleunigt, was sich in ihren Entscheidungen niederschlägt. Sie fassen den Entschluss erst später, treffen ihre Entscheidung bewusster und informieren sich, holen sich erstmal Rat. Es ist eine „bewusstere Lebensgestaltung“.

Hohe Nachfrage für Beratungsangebote

Manchmal herrschen auch Fragezeichen bei den Ratsuchenden: Ob sie zum Beispiel zu einer Beratung kommen dürfen, obwohl ihr Entschluss zur Trennung feststeht. Aber klar, sagen Haase und Windel. Sie können Tipps geben, zuhören und auch der Umgang mit Kindern ist oft ein Thema – vor allem die Frage, wie man es ihnen am besten beibringt, dass sich ihr Zusammenleben verändert. Manchmal sind die Kinder oder Jugendlichen auch selber diejenigen, die sich Hilfe suchen. „Manche Eltern sind dann stolz, andere sehen das sehr kritisch und wollen keine Hilfe, keine Einmischung“, so Haase.

Doch ein Problem, das schon vor Ausbruch des Coronavirus bestand: Die Nachfrage nach Beratung ist hoch, das Angebot reicht nicht aus. Zwar versuchen die Mitarbeiter, zumindest ein Erstgespräch innerhalb von 14 Tagen zu realisieren, doch selbst da kann es oft schon zu spät sein. „Für manche ist die Wartezeit zu lang.“

Der Bedarf wird weiter steigen, prognostizieren Haase und Windel. „Es gibt aber noch zu wenig Unterstützungsmöglichkeiten für Familien und Paare.“ Die Beratung bräuchte unter anderem neue Finanzierungsmöglichkeiten. „Unser Gesundheitssystem denkt oft zu sehr in Gesundheit und Krankheit“, kritisiert Haase. Dabei könne Prävention, die es eben in der Beratung gibt, auch helfen, Krankheiten zu verhindern. Denn die Auswirkungen von Trauer, Frust und dem Gefühl, allein zu sein, können groß sein und einen eigentlich gesunden Körper an seine Grenzen bringen. „Trennungen werden oft unterschätzt und bagatellisiert“, sagt Windel. Von Betroffenen wird erwartet, dass sie schnell in ihren normalen Alltag zurückfinden. Aber: „Es ist ein Trauerprozess, der seine Zeit braucht.“ Und dabei unterstützen Haase und Windel.

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