Hildegard Jacobsohn wird 100 Jahre alt / Gespräch mit Inge Hansen-Schaberg

„Bewegtes und bewegendes Leben“

Hildegard Jacobsohn trägt sich ins Goldene Buch ein.

Rotenburg - Von Guido Menker. Wenige Tage vor ihrem 100. Geburtstag hat sich Hildegard Jacobsohn ins Goldene Buch der Stadt Rotenburg eingetragen. Außerdem hat ihr Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) bei einem Besuch in Dresden die Silbermedaille „800 Jahr-Feier“ der Kreisstadt verliehen. „Die bestens aufgelegte und geistig sehr rege Jubilarin zeigte sich über die Auszeichnung der Stadt sehr geehrt und war sichtlich gerührt“, teilen Weber, die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann und Christel Gerken, Vorstandsmitglied im Förderverein Cohn-Scheune, mit, die gemeinsam für einen Tag nach Dresden gereist waren. Hildegard Jacobsohn ist die jüngste Tochter von Gertrud und Hermann Cohn. Über diesen besonderen Geburtstag haben wir mit Inge Hansen-Schaberg gesprochen. Sie ist die Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune.

Frau Hansen-Schaberg, Hildegard Jacobsohn, die Tochter von Hermann und Gertrud Cohn, die einst in Rotenburg ein Bekleidungsgeschäft führten, später dann von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager verschleppt wurden, feiert 100. Geburtstag. Wie sehr bewegt Sie dieser Geburtstag?

Hildegard Jacobsohn geb. Cohn wurde am 26. Juli 1919 in Rotenburg geboren und blickt auf ein sehr bewegtes und bewegendes Leben zurück. Sie überlebte die Pogromnacht im November 1938 in Warendorf, wo sie als Hausangestellte bei einer jüdischen Familie arbeitete, und konnte sich im Frühjahr 1939 ins Exil retten. Sie lebte bis 1948 in London, gründete dort eine Familie und reemigrierte dann mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in die DDR. Als Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune ist es mir eine große Freude, unserem Ehrenmitglied zum 100. Geburtstag gratulieren zu können. Eine Reihe von Vereinsmitgliedern unterhält persönliche Beziehungen zu unserer Jubilarin, und wir haben das Glück gehabt, dass insbesondere der Ausstellungsteil über die Geschichte der Familie Cohn unter Mitwirkung von Hildegard Jacobsohn entstehen konnte. Sie stellte Dokumente und Fotos zur Verfügung und berichtete über ihre Kindheit in den 20er-Jahren und Jugend in der NS-Zeit. Uns verbindet also das Ziel, einen Beitrag zur Aufarbeitung verdrängter jüdischer Geschichte in unserer Region zu leisten, einen Erinnerungsort zu schaffen und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Überzeugungen und Glaubensrichtungen anzuregen.

Inge Hansen-Schaberg

Wo und wie lebt Hildegard Jacobsohn eigentlich heute?

Hildegard Jacobsohn wohnt in der Nähe ihrer Tochter Edith Meinhardt in einem Seniorenheim in Dresden. Sie nimmt regen Anteil am Weltgeschehen, ist aber leider nicht mehr reisefähig.

In welcher Form werden der alten Dame am Freitag die Glückwünsche aus Rotenburg übermittelt?

Vom Rotenburger Förderverein Cohn-Scheune überbringen Gerda Meyer-Prigge und Hans-Heino Prigge unsere Glückwünsche persönlich mit einem Blumenstrauß. Und in Vorbereitung auf das große Ereignis haben Brigitte Haase, Ruth Stieber und ich die Beete an der Cohn-Scheune neu bepflanzt, sozusagen als Geburtstagsgeschenk, und sind dankenswerter Weise von Ulrike Grewe von der Firma Garten Grewe beraten und mit der Spende der Pflanzen sehr nett unterstützt worden. Besonders freue ich mich, dass bereits am Montag dieser Woche der Rotenburger Bürgermeister Andreas Weber, die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann und unser Vorstandsmitglied Christel Gerken nach Dresden gefahren sind, nachdem der Verwaltungsausschuss der Stadt beschlossen hat, Hildegard Jacobsohn anlässlich ihres 100. Lebensjahres mit der Silbermedaille „800-Jahr-Feier der Stadt Rotenburg“ und einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt zu ehren.

Wann hat sie zuletzt Rotenburg besucht und gesehen, was aus der Cohn-Scheune inzwischen geworden ist?

Hildegard Jacobsohn ist das letzte Mal im September 2010 nach Rotenburg gekommen, als die Cohn-Scheune mit ihrer Dauerausstellung eröffnet wurde und hat ihre Eindrücke in ihrem Unterstützungsschreiben für die Obermayer German Jewish History Awards 2019 festgehalten: „Wenn man das Museum Cohn-Scheune betritt, steht man einem fast lebensgroßen Foto meiner Eltern gegenüber. Das war für mich am Tag der Eröffnung ein sehr bewegender Moment. Ich habe meine Eltern zum letzten Mal im März 1939 als 19-jährige Frau gesehen, als sie mich in Rotenburg zum Bahnhof brachten. Sie hatten mithilfe von Verwandten in Holland für mich die Ausreise nach England organisieren können. Ihnen selbst gelang die Ausreise nicht, sie wurden 1943 nach Auschwitz deportiert. Und nun, im September 2010, eröffneten engagierte Rotenburger Bürger dieses Museum, nachdem sie zuvor das Gebäude, das in meiner Kindheit unsere Schneiderwerkstatt und verschiedene Lagerräume enthielt, vor dem Abriss gerettet hatten. Dabei hatte ich nach den Erfahrungen der Nazizeit nie mehr nach Rotenburg zurückkommen wollen. Nun aber war ich sehr bewegt von den Aktivitäten so vieler Bürger der Stadt.“

An der Cohn-Scheune gibt es zum Geburtstag von Hildegard Jacobsohn frische Pflanzen. Die Cohn-Tochter wird am Freitag 100 Jahre alt. Fotos: Menker (2), Nadermann

An Hildegard und ihre Familie erinnern in der Fußgängerzone die sogenannten Stolpersteine. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht neben der Cohn-Scheune und dem, was sich darin abspielt, dieses Symbol der Erinnerung?

Am 3. Mai 2005 wurden von Gunter Demnig vor dem ehemaligen Wohnhaus an der Großen Straße 32 die Stolpersteine verlegt zur Erinnerung an das ermordete Ehepaar Gertrud und Hermann Cohn, an die ins Exil geflüchteten Töchter Erna und Hildegard und an die ermordeten Angestellten Paul Immermann und Bernhard Heilbronn. An diesem Tag trafen sich die Kinder und Enkel der damals bereits verstorbenen Erna Appel geb. Cohn erstmals mit Hildegard Jacobsohn geb. Cohn und ihren Töchtern. Zum einen hat die Stolpersteinverlegung in Rotenburg zu einer Art Familienzusammenführung der Nachfahren beigetragen, nachdem die Familie in der NS-Zeit gewaltsam getrennt wurde. Zum anderen werden Menschen im Vorübergehen auf diese Verbrechen aufmerksam, sie „stolpern“ darüber, und vielleicht motiviert das, sich näher mit dem historischen Geschehen auseinanderzusetzen und die Cohn-Scheune zu besuchen.

Hildegard und auch ihre Schwester Erna haben den Holocaust überlebt. Haben Sie jemals mit Hildegard darüber sprechen können, wie sie es geschafft haben, mit dieser schlimmen Familiengeschichte zurechtzukommen?

Es hat vielfältige Gespräche mit Hildegard Jacobsohn gegeben, und sie ist sogar in der Ausstellung in der Cohn-Scheune präsent: Eine Hörstation lädt dazu ein, sich ihre Erinnerungen an die Kindheit und dann die Jugend in der NS-Zeit erzählen zu lassen. Außerdem hilft sie uns zusammen mit ihrer Tochter Edith Meinhardt weiterhin bei der Rekonstruktion der Familiengeschichte, denn nun geht es, gefördert durch die Sparkassen-Stiftung, um die Erweiterung der Dauerausstellung um das Exil der beiden Cohn-Töchter.

Was ist aus Erna nach dem Zweiten Weltkrieg geworden?

Erna Cohn, geboren 1914, emigrierte 1938 mit ihrem Ehemann Julius Appel nach Kolumbien und blieb dort. Wir wissen allerdings relativ wenig über ihr Leben in Bogotá, und im Gegensatz zu ihrer Schwester hat sie ihren Kindern kaum etwas von der furchtbaren Vergangenheit erzählt.

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber, die Erste Stadträtin Bernadette Nadermann (l.) und Christel Gerken (r.), Vorstandsmitglied im Förderverein Cohn-Scheune, haben in dieser Woche Hildegard Jacobsohn in Dresden besucht. Foto: Henze

Was bedeutet es Ihnen ganz persönlich, mit Hildegard Jacobsohn heute noch in Kontakt zu stehen?

Ich habe Hildegard Jacobsohn erst im August 2018 als liebenswürdige alte Dame kennengelernt, als ich Edith Meinhardt in Dresden wegen der Fertigstellung des Nominierungsantrags für die Obermayer German Jewish History Awards 2019 getroffen habe. Es bedeutet mir sehr viel, dass unser Ehrenmitglied uns an ihrer Lebensgeschichte hat teilnehmen lassen, und über das Persönliche hinaus bin ich überzeugt, dass der lebensgeschichtliche Ansatz, der lokale Bezug und die Zeugnisse aus dem Leben der Cohns für die pädagogische Arbeit in der Cohn-Scheune einen guten Zugang bieten.

Der Besuch in Dresden

Bei Kaffee und Kuchen hat Hildegard Jacobsohn beim Besuch von Bürgermeister Andreas Weber, Erster Stadträtin Bernadette Nadermann und der Fördervereinsvorsitzenden Christel Gerken über die Stationen ihres Lebens gesprochen. So ließ sie ihren Fortzug ins Münsterland im Jahr 1935 als Folge der judenfeindlichen Politik der Nationalsozialisten, die Flucht vor der Judenverfolgung im Jahr 1939 nach England, ihre Arbeit dort, die Familiengründung und ihre Rückkehr nach Deutschland mit Mann und beiden Töchtern im Jahr 1948 Revue passieren. Besonders gute Erinnerungen habe sie an die Verlegung der Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Cohn an der Großen Straße 32 in Rotenburg im Jahr 2005. An diesem Tag begegnete sie erstmals nach 70 Jahren ihrer Verwandtschaft: den Kindern und Enkeln ihrer inzwischen verstorbenen Schwester Erna, die im Jahr 1938 nach Kolumbien geflüchtet war. Hildegard Jacobsohn lebte lange Zeit in Greifswald und zog vor fünf Jahren in ein Pflegeheim nach Dresden, um ihrer Tochter nahe zu sein. Auch wenn Hildegard Jacobsohn dem Alter durch körperliche Einschränkungen Tribut zollen muss und inzwischen auf den Rollstuhl angewiesen ist, beeindruckte sie mit ihrem ausgesprochen freundlichen, dem Menschen zugewandten Wesen und ihrem hellwachen Verstand, berichten Weber und Nadermann nach ihrer Rückkehr aus Dresden. Nach dem Rezept für ihre geistige Frische befragt, erklärte sie, liebend gerne zu lesen. Einmal im Monat suche sie sich Bücher aus, die sie interessierten, und wenn sie damit durch sei, bestelle sie die nächste Monatsration. Am späten Nachmittag verabschiedete sich die Dreiergruppe aus Rotenburg „von dieser zutiefst beeindruckenden Persönlichkeit, dankbar Hildegard Jacobsohn persönlich kennengelernt und wiedergesehen zu haben“, so Bernadette Nadermann. men

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