Die bewährte Methode

Rotenburger Grundschulen lehren Rechtschreibung und Lesen immer noch mit der Fibel

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Bundesweit wird nicht nur die Fibel genutzt, andere Lernmethoden stehen aber vermehrt in der Kritik.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Ein wichtiger Baustein für Kinder ist das Erlernen der Rechtschreibung. Daher ist es mitunter eine der größten Aufgaben und Herausforderungen für Grundschulen, den Heranwachsenden das Alphabet so gut wie möglich beizubringen. Zwei Methoden werden dafür überwiegend genutzt: die Fibel und „Lesen durch Schreiben“ (LDS). Die „Rechtschreibwerkstatt“ ist eine weitere Lehrmethode, findet aber kaum Verwendung in den deutschen Klassenräumen.

In Niedersachsen ist es den Einrichtungen selbst überlassen, für welche Methode sie sich entscheiden. LDS steht dabei in der Kritik des Deutschen Lehrerverbands, der eine Abschaffung dieser Variante fordert. In Hamburg und Baden-Württemberg ist diese didaktische Methode sogar bereits verboten. Eine aktuelle Studie der Uni Bonn hat nun gezeigt, dass die klassische Fibelmethode deutlich bessere Ergebnisse liefert als LDS. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert daher eine Rückkehr zur alten Fibel-Methode. Doch wie sieht es an den Grundschulen in Rotenburg aus, wie lernen die Kinder dort das ABC?

An der Kantor-Helmke-Schule (KHS) arbeite man mit der Fibel „ABC der Tiere“, so Schulleiterin Catrin Cramme. „Die Kinder lernen zunächst Silben, die später zu Wörtern ausgebaut werden.“ Schreibwerkzeug sei der rot-blaue Silbenstift, der die Einzelsilben im Wort verdeutlicht und beim Lesenlernen hilft. Die Lehrer nutzen zudem als Unterstützung Lautgebärden. 

Durch die Fibelmethode habe die KHS bereits einen Zuwachs bei der Rechtschreib- und Lesekompetenz wahrgenommen. Cramme: „Im Zuge der Inklusion sind auch Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche nicht überfordert.“ Für begabte Kinder gebe es genügend Zusatzmaterial für die Lese- und Schreibkompetenz, so die KHS-Leiterin und betont: „Rechtschreibregeln werden von Anfang an vermittelt.“

Nur für hochbegabte Kinder ist die LDS-Methode hilfreich

LDS wurde an der Grundschule nie unterrichtet. Catrin Cramme habe aus ihrer langjährigen Tätigkeit an einer Hamburger Grundschule schlechte Erfahrungen mit dieser Methode erfahren: „Die Kinder lernten erst ab Klasse drei sehr mühsam die Rechtschreibregeln. In der Schuleingangsphase wurde mit der Anlauttabelle frei geschrieben. Die Methode kam aus der Schweiz, etliche Begriffe waren den norddeutschen Schülern nicht bekannt“, bemängelt sie die Methode. Das habe die Kinder stark verunsichert. 

Lediglich hochbegabte Kinder konnten damit erfolgreich lernen. „,Lesen durch Schreiben‘ wurde in den 90er-Jahren in Hamburg von vielen Lehrern dogmatisch als die Methode vertreten. Kollegien waren darüber oft zerstritten. Heute ist diese Methode in Hamburg nicht mehr zugelassen.“

Die Fibel gebe den Kindern hingegen Sicherheit im Lesen und Schreiben. „Die Lehrgänge sind systematisch aufgebaut. Kinder unterschiedlicher Lernniveaus werden gemäß ihren Fähigkeiten individuell gefordert und gefördert.“ Zudem sei für die Eltern als Bildungspartner die Vorgehensweise transparent und nahvollziehbar. Cramme: „Das ist von großer Bedeutung, gerade beim Lesetraining zuhause.“

Nach dem Hören zu schreiben ist Teil des Unterrichts

Auch an der Stadtschule ist die LDS-Methode „nie ein großes Thema gewesen“, sagt deren Schulleiterin Susanne Enders. Die Aufforderung des Prinzips, früh Texte nach den gehörten Lauten zu schreiben, fließt mittlerweile in jedes Lehrwerk ein wenig ein, so Enders. „Es ist auch schön, zu sehen, wie Schüler und Schülerinnen erste Gedanken und Geschichten aufschreiben. Allerdings sollten wir als Lehrer nicht vergessen, frühzeitig zu korrigieren und zu lenken.“

Zur Arbeit mit der Rechtschreibwerkstatt könne sie für den Erstunterricht keine Aussage machen. Diese Methode sei noch nicht eingesetzt worden, da es bisher „kein Interesse im Kollegium“ gibt. Allerdings setze die Stadtschule Teile aus diesem Bereich im Förderbereich der dritten und vierten Jahrgangsstufe ein.

Aber auch an der Stadtschule wird mit der Fibel, dem Lesebuch „Flex und Flora“, den dazu passenden Buchstabenheften, dem Schreibkurs und noch kleinen zusätzlichen Trainingsheften unterrichtet. „Es wird ein Buchstabe eingeführt und dazu finden vielfältige Übungen statt. ,Begreifen mit allen Sinnen‘ nennt sich das.“ Die Arbeitshefte stellten sicher, dass jedes Kind weitgehend in seinem Lerntempo arbeiten kann. Enders: „Vielfältiges Übungsmaterial steht zur Verfügung. Das ist in einer jahrgangsgemischten Eingangsstufe besonders wichtig und vermeidet auch eine ,Kopierflut‘.“

Für Kinder mit Migrationshintergrund bringt die Methode wenig

Und auch der Migrationshintergrund vieler Schüler aus geflüchteten Familien spiele an der Stadtschule laut Enders eine gewichtige Rolle: „Durch die nicht immer ausreichenden deutschen Sprachkenntnisse ließe sich ,Lesen durch Schreiben‘ nicht zielführend einsetzen, da erst ein Vokabelwissen aufgebaut werden muss.“ Die Erfahrungen mit dem Lesebuch, den Buchstabenheften und den aktiven Übungen im Klassenraum seien hingegen sehr gut an der Grundschule. 

Das sukzessive Einüben der Buchstaben, das Erlernen von kleinen Schlüsselwörtern oder Silben, das Erlesen erster kleiner Sätze ist für viele Schüler Enders‘ Ansicht nach auch „ein herrlicher Anreiz im Leselernprozess. Das gemeinsame Erleben eines ,Buchstabentages‘ ist ein Event für die gesamte Klasse.“

Dass die Fibelmethode in Rotenburg präferiert wird, zeigt sich auch in der Schule am Grafel. „Die Erfahrungen im Bereich ,Lesen lernen‘ der letzten Jahre haben gezeigt, dass es für die Kinder eine gute Methode ist. Unsere Kinder kommen mit der Fibel zu guten Lernerfolgen“, sagen Schulleiter Marc Puschmann. Die Fachkonferenzleitung Deutsch der Schule am Grafel nutze schon seit langer Zeit die Fibel, andere Methoden kamen bislang nicht infrage, so Puschmann.

Die Fibel erleichtere die Entdeckung des Aufbaus von Wörtern, was dem Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit entgegenkommt. Zudem bedingt die Methode laut dem Schulleiter eine stärkere Strukturierung des Lernprozesses, „was Kinder mit geringeren Bildungserfahrungen sowie Migrationshintergrund unterstützt“. Und ebenso vermittle die Fibel den Kindern einen für den Schriftspracherwerb notwendigen Übungswortschatz. Des Weiteren erleichtere die Fibel die Arbeit für fachfremde Kolleginnen und Kollegen sowie Berufeinsteiger.

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