60 MINUTEN Kleine Ayasofya Moschee lädt Gäste zum Fastenbrechen

Beten und Börek

Vahit Bilmez (2.v.l.) erklärt Besucherin Erika Schumann-Mößeler die Bedeutung der Gesten beim Gebet.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Donnerstag, 20.35 Uhr. Vor dem Haus mit dem weißen Giebel an der Rotenburger Fuhrenstraße, das zwischen den Einfamilienhäusern der Nachbarschaft kaum weiter auffällt, hat sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Darunter einige Lions-Frauen („Leas“), Landrat Herrmann Luttmann, Vertreter aus der Politik, Geschäftsleute aus dem Krankenhaus und Lehrer. Letztere sind Ishtar Özdemir besonders wichtig: „So können sie unsere Kinder besser verstehen“, meint die Frau mit dem Kopftuch und den wachen, freundlichen Augen.

Sie und ihr Mann Halim, Vorsitzender des eingetragenen islamischen Vereins, haben wie im Vorjahr zur Halbzeit der Fastenzeit Ramadan Gäste zum „Iftar“, dem gemeinsamen Fastenbrechen, eingeladen. Bevor es jedoch vorbei an dem mit Datteln, Wasser und einer Spendendose geschmückten Dekotisch zum Fastenbrechen ins Zelt geht, wo sich die aufgestellten Bierzeltgarnituren bereits unter türkischen Köstlichkeiten wie Börek, orientalischem Reis und Tsatsiki biegen, werden die Besucher in den Versammlungsraum gebeten.

Sechs Stuhlreihen, ein Rednerpult und ein großer Bildschirm – nur wenig unterscheidet den Raum mit Tapete in Natursteinoptik von einem ganz gewöhnlichen Seminarraum, abgesehen von dem Glitzerrahmen. Ein Tryptichon: rechts und links zwei Ansichten des Korans, in der Mitte eine Uhr. Sie ist wichtig, schreibt der Koran den Beginn des Fastensbrechens doch unmittelbar nach Sonnenuntergang, heute also um 21.26 Uhr vor. Ein Mitglied der Gemeinde filmt mit dem Handy.

Die Texte des von Imam Hyati Basa halb gesprochenen, halb kehlig gesungenen Eröffnungs-Rezitats werden auf dem XL-Monitor eingeblendet. Die deutschen Übersetzungen sind länger als die arabischen Schriftzeichen. Das mag auch daran liegen, dass einige der Originalbegriffe – Bari, der Erschaffer, Musavvir, der Bildner oder Aziz, der Erhabene – kein griffiges deutsches Pendant haben und umschrieben werden müssen. An einigen Stellen der rezitierten Suren aus dem Koran recken die Gläubigen die Hände nach oben oder wischen sich mit den Fingern durchs Gesicht. Viele der Gäste falten die Hände und schauen zu Boden.

Die folgenden Reden kreisen um den Sinn des Fastens. Zentrale Begriffe sind dabei die Gemeinschaft, Spiritualität, innere Einkehr und Solidarität. Lässt man die Diktion der Redner außer Acht, so unterscheiden sich die Grußworte der Gäste, Landrat Herrmann Luttmann und Kriminalhauptkommissar Jürgen Schulz, nicht wesentlich von denen der Vertreter der Moschee: Es geht um Verständigung, Toleranz, das Miteinander. Das Fasten als spirituelles Detox, Besinnung auf das Wesentliche: So weit scheinen der Islam und das Christentum nicht auseinander zu liegen. Auch wenn Vahit Bilmez, stellvertretender Vorsitzender der Islamischen Förderation Bremen, deutlich vor dem aufkeimenden Rechtsradikalismus mahnt, während der Landrat das Gros derer hervorhebt, die Toleranz in einem Einwanderungsland leben: Im Grunde ist man sich an diesem Fest des gemeinsamen Fastenbrechens einig. Das zeigt auch die große Zahl der Gäste. Der Imam zückt während der Reden das Handy, um das Geschehen festzuhalten.

Tägliche Gebete und ein Crashkurs im Islam

Auf die Verköstigung der von einer Köchin und vielen helfenden Frauen seit dem Nachmittag gezauberten, für ein Wochenendmahl typischen Speisen müssen sie, genau wie die Fastenden, jedoch noch etwas warten. Zunächst steht eine Besichtigung der Moschee auf dem Programm. Während sich im Eingang beim Ausziehen der Schuhe ein kleiner Stau bildet, wird Erika Schumann-Mößeler herzlich von zwei jungen Männern umarmt. „Ehemalige Patienten“, erklärt die pensionierte Kinderärztin, während sie auf Socken die Treppe hochsteigt.

Der Gebetsraum – ein großer für die Männer, die Frauen ziehen sich in einen rückwärtigen kleineren zurück – ist mit rosa-blauem Teppich ausgelegt, dessen Muster an Minarette erinnern. An der Wand, neben den Kachelornamenten und der nach Mekka ausgerichteten Gebetsnische: eine digitale Anzeige der Zeiten für die fünf täglichen Gebete. Hier, wo keine Rufe des Muezzin ertönen, muss der „Otomatik Namaz-Vakitleri“ zeitliche Orientierung geben. „Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragt Bilmez, der den im Kreis knienden Besuchern einen Crashkurs im islamischen Glauben gibt. Sechs Minuten? Dann ist noch Zeit für ein paar Fragen. Während das Thema „Islamkunde in öffentlichen Schulen“ erörtert wird, geht eine Leuchtstoffröhre mit einem Minarett an.

Die fast überwältigende Offenheit und Gastfreundschaft erstreckt sich auch auf das anschließende Abendgebet: Auch in diesen zehn Minuten sind Gäste willkommen und betrachten respektvoll aus dem Hintergrund, wie die Männer sich beim Beten erst unisono, dann jeder im eigenen Rhythmus, hinknien und verneigen. Anschließend werden letzte Fragen geklärt: Der vermeintliche Beichtstuhl entpuppt sich als Lesepult für das Freitagsgebet. „Alle weiteren Fragen klären wir beim Essen“, ruft Bilmez, bevor er zur obligatorischen Dattel schreitet, die den informellen Teil der Völkerverständigung bei roter Linsensuppe, Teigröllchen und einem schmackhaften, süßen Nachtisch einleitet: „Wir haben jetzt Hunger!“

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