Besucher klatschen sich warm

Andrej Naumovich gastiert an der Rotenburger Klais-Orgel

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Andrej Naumovich (r.) entlockt der Klais-Orgel schönste Klänge– mit Unterstützung von Simon Schumacher.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Es ist kalt in der Stadtkirche an diesem 1. Februar, als sich Konzert-Besucher zur Musik am Ersten hier versammeln. Simon Schumacher begrüßt die etwa 50 Zuhörer zu einem „einfach mal wieder schönen Orgel-Programm.“ Gast des Abends ist der in Russland gebürtige Kirchen-Musiker Andrej Naumovich. Mag er sich und den Gästen mal ordentlich einheizen.

Der junge Organist beginnt kraftvoll mit Bachs Toccata und Fuge in C-Dur. Das Bachwerke-Verzeichnis (BWV) liest sich mit 566 a eher wie eine Hausnummer und macht mit eben diesem kleinen A den großen Unterschied: Denn dieses Werk Bachs ist selten zu hören. Naumovich nimmt es saftig im Auftakt, leicht und flockig in der Fuge, am Ende mit festem Plenum. „An Wasserflüssen Babylon“ ist der aus den Anfangsworten gebildete Name eines Chorals der Reformationszeit und seiner Melodie. Johann Adam Reincken, bis 1722 Organist an der Hamburger Katharinen-Kirche, hat sich dem Thema ausgiebig gewidmet und eine nicht enden wollende Choral-fantasie geschrieben, die den babylonischen Flussläufen von der Quelle bis zur Mündung zu folgen scheint. Da fließt schönster Melodien-Reichtum ruhig durch die Ebene, und Andrej Naumovich versteht es, geschmackvoll und unaufgeregt zu registrieren. Und weil wir gerade so schön im Fluss sind, folgt noch ein Bach mit dem selben Gewässer aus Babylon.

Hier wird die musikalische Weiterentwicklung durch den Thomas-Kantor deutlich. Johann Sebastian Bachs Gewässer ist klarer, freundlicher, filigraner. Mit der Moldau hat all das freilich nichts zu tun, wir hören Barockmusik. Zwei Besucher verlassen die Kirche: „Es ist uns zu kalt hier“, flüstert einer von ihnen. In der Tat, selbst der Gast-Organist behält am Anfang seine Jacke an.

Es wird Zeit für Romantik und die kehrt gerechnet 100 Jahre später mit dem Franzosen Alexandre Guilmant ein. Naumovich zieht alles raus, was die Orgel hergibt und pustet letzte Pfützen aus der Kirche. Die Sonate Nr. 6 macht Schluss mit vorherigem Geplätscher. Der Klang ist satt und gesanglich, in der „Meditation“ durch zarte Streich-Register gar lieblich und himmlisch weich. Lautes Naseschnäuzen im Kirchenschiff macht unsensibles Menschen-Gebaren hörbar und sorgt für Bodenhaftung. Bachs Fantasie zum Abschluss ist ungefähr das Verrückteste, was der Thomas-Kantor für die Orgel je geschrieben hat. Nach kurios verspieltem Auftakt, der sich als Handy-Klingelton für jeden Organisten eignen wür-de, hält des Geflirre plötzlich in einem Trugschluss inne, um dann gravitätisch und ernst fortzuschreiten. Doch auch das reißt nach einigen kraftvollen Takten ab und geht wieder über in ein verspielt-keckes Glucksen und Klirren. Bach hält am Grundton d im Pedal penetrant pochend fest und moduliert dann schier endlos um diesen Ton herum, als habe er unter dem Einfluss bewusstseins-erweiternder Substanzen komponiert. Das ist Musik aus anderen Sphären, die Andrej Naumovich bestens interpretiert. Das Publikum klatscht sich freudig warm. „Das war ein geiles Konzert“, sagt jemand, der sich auskennt. „Es ist kalt hier“, stellt eine Frau fest, die außerdem überrascht ist, die meiste Musik nicht gekannt zu haben. Und ein Gast aus Bremen konstatiert: „Es war sehr viel Schönes dabei, der Reincke allerdings hatte seine Längen.“ Wie wahr, und die werden einem besonders in einer kalten Kirche sehr bewusst.

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