13-köpfige Delegation verbringt neun Tage in der Region Ermland-Masuren in Polen

Ein Besuch bei Freunden

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Ideal für Seglerfreunde: die Masurische Seenplatte in Ostpreußen.

Rotenburg - Von Wieland Bonath. „Wir lieben nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen, die hier leben“, sagte Kreisvertreter Kurt-Werner Sadowski beim offiziellen Empfang im Rathaus der masurischen Stadt Angerburg. Zu Angerburg unterhält der Landkreis Rotenburg seit 64 Jahren eine Patenschaft.

Über 1 200 Kilometer war jetzt eine 13-köpfige Delegation zu einem neuntägigen Besuch nach Ostpreußen gefahren. Einer von inzwischen zahlreichen Aufenthalten in Polen. Ein Besuch bei Freunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg in dem ehemals deutschen Ost- und Westpreußen eine neue Heimat gefunden hatten. Ein Wiedersehen deutscher Vertriebener mit den Plätzen ihrer Kindheit und Jugendzeit, die sie mit Eltern und Angehörigen nach dem Zusammenbruch bei der Flucht in den Westen verlassen mussten. Über 70 Jahre liegen zurück – die Zeit hat Wunden geheilt und aus Feinden Freunde werden lassen.

Neun Tage als Besucher und Gäste aus dem Kreis Rotenburg im Nachbarland Polen mit vielen tausend Seen, riesigen Wäldern, artenreicher Tier- und Pflanzenwelt und Menschen, die sich, wie überall auf der Erde, die Hand reichen, sich verstehen und freuen, und dass bei unvermeidlichen Vorbehalten in wechselnden Bereichen.

Die von Brigitte Junker, der stellvertretenden Vorsitzenden der Kreisgemeinschaft Angerburg, organisierte Exkursion in den Osten, an der auch CDU-Kreistagsabgeordneter Klaus Mangels und Michael Meyer, Referent für Patenschaften beim Landkreis, teilnahmen, führte mit einem Bus über Stettin, Köslin, Stolp in die Kant-Stadt Danzig, im Krieg von Bomben stark zerstört und später von den polnischen Restauratoren in altem Glanz wieder aufgebaut. Station wurde in den Nachbarstädten Zoppot und Gdingen gemacht. Wenige Kilometer vor der Grenze zur Russischen Föderation, der Raum um Königsberg den sich die Sowjetunion nach dem Krieg einverleibt hat, wurde das berühmte Gestüt Liski besucht. Heute werden hier – zur Zeit sind es 120 Tiere – Wielkopolski-Pferde gezüchtet. In der Vergangenheit waren es Trakehner.

Ingrit und Werner Lange, zwei Deutsche, mit einem 160-Hektar-Hof an der russischen Grenze. Sie wollen in Polen bleiben.

Vorbei an Hitlers „Wolfsschanze“ führte die Fahrt über Gutshof und Schloss der Familie von Lehndorff. Heinrich Graf von Lehndorff wurde 1944 für seine Beteiligung an dem Hitlerattentat hingerichtet. Das Anwesen Steinort, zu dem große landwirtschaftliche Flächen und Wälder gehörten, wird zur Zeit im Rahmen einer Stiftung restauriert.

Andreas Flug betreut deutsche Minderheit

Sonntag, 17. Juni, Lötzen, die Masuren waren erreicht. Hoher Himmel, weiße Wolken, auf zahlreichen Dächern Storchenhorste. Andreas Flug, Vorruheständler aus Diepholz, begrüßt die Besucher vor der Lötzer Kirche: „Ich bin der deutsche evangelische Urlaubsseelsorger.“ Einen Monat will Flug mit seiner Frau in Lötzen bleiben und die deutsche Minderheit betreuen.

Zu den fünf Tagen gehört bei strahlendem Sonnenschein und sommerlicher Wärme eine mehrstündige Schifffahrt über die weiten Seen, die an diesem Sonntag von weißen Segeln und knatternden Motorbooten wimmeln. Die Polen genießen das Wochenende, und wer keinen eigenen „Kahn“ besitzt, der mietet sich einen.

Das Kaffeetrinken auf der kleinen Insel wird zu einem herzlichen Treffen mit Herta Andrulonis, eine Deutsche aus Angerburg und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Mauersee, Stadt und Land Angerburg – eine Gemeinschaft, die immer weiter schrumpft. Die deutsche Minderheit beläuft sich bei einer Gesamteinwohnerzahl von 38,5 Millionen in Polen auf 0,28 Prozent.

Hans-Peter und Marianne Maack aus Rotenburg – beide sind im Ruhestand – waren bereits zweimal in Ostpreußen. Als Kleinkind ist Marianne Maack mit ihrer Mutter in den Westen geflüchtet. Diesmal haben sie sich ein Taxi mit Karl-Heinz Walter aus Krunglanken -– ein gebürtiger Deutscher mit doppelter Staatsbürgerschaft – organisiert.

Die Angerburger mit ihren Gastgebern an der Gedenkstätte Jägerhöhe.

Durch eine 300 Jahre alte Eichenallee geht es, vorbei an mehr oder weniger attraktiven Einzelhäusern und verfallenen Gebäuden über holprige und dann wieder hervorragend ausgebaute Straßen nach Soldahnen, einem kleinen Dorf, in dem rund 30 Familien leben. Zum Teil Menschen, die von den Sowjets in ehemals deutsche Bauernhöfe umgesiedelt wurden.

Marianne Maack und ihr Mann Peter wollten Haus und Hof am Goldaper See, aufgebaut vom Großvater, bereits vor einigen Jahren besuchen. Ein freundliches Gespräch kam mit den misstrauischen Bewohnern damals allerdings nicht zustande. Deshalb vorher von Taxifahrer Karl-Heinz Walter der Rat an die beiden Rotenburger: „,Wir sind die ehemaligen Besitzer‘, sollten Sie nicht sagen.“

Ein kläffender Hund, dann ein misstrauisch blickender Mann, der Bauer, der gerade vom Heuwenden zurück ist. Dazu gesellt sich eine freundliche Frau. Es kommt – Walter übersetzt – zu einem immer lockerer werdenden Gespräch. Kaffee und Kuchen werden angeboten, stolz die Rapshühner im kleinen Käfig gezeigt, das Kaninchen wird auf dem Arm liegend präsentiert. Die Gäste aus Deutschland erfahren, dass in dem Haus zwei Brüder und eine Schwester, ursprünglich aus Litauen, wohnen.

Viele Polen suchen Arbeit in den Städten

Marianne Maack weiß von ihrer Familie, wo und was sich einst auf dem Grundstück befunden hat: Die drei Brunnen, die inzwischen zugeschüttet worden sind, die große Linde, die es nicht mehr gibt, nachdem ein Blitz eingeschlagen hat. Eine Runde Wodka wird gereicht und dann der Rundgang über das Hofgelände. Alte Landmaschinen, mit denen der Großvater noch gearbeitet hat, rosten, von Gras überwuchert, vor sich hin. Auf dem kleinen Teich eine Entenfamilie. Maacks erfahren, dass die Trinkwasserversorgung vom benachbarten Dorf geregelt wird. Eine Kanalisation gibt es nicht, dafür eine Klärgrube. Der Gruppe wird das Haus gezeigt. Küche und Zimmer wurden mit viel Liebe und Sorgfalt renoviert.

Zum Abschied müssen Peter und Marianne Maack versprechen: „Nächstes Mal, wenn wir wiederkommen, besuchen wir euch selbstverständlich.“ Besuch ist hier auf dem Dorf mitten in Masuren relativ selten. Die Erklärung: allgemeine Landflucht in Polen. „Die jungen Polen hauen fast alle ab und versuchen, in den Städten Arbeit zu finden“, erfahren wir.

Dann eine längere Tour mit Busfahrer Hagemann und Forstmeister a.D. Rolf Liebeneiner aus Lüchow-Dannenberg, der regelmäßig nach Masuren in das ehemalige Forstamt seines Vaters kommt und die Delegation diesmal zu Zielen in der Johannisburger Heide führt. Der Forstmann informiert über eine Fülle wichtiger Einzelheiten der dortigen Wälder, über die Tier- und Pflanzenwelt.

Und schließlich noch ein Besuch auf dem Hof Lange in Gizycko. Werner Lange und seine Frau Ingrit sind auf dem 160-Hektar-Hof mit acht Mitarbeitern geblieben. Ihre Kinder, Gabriele und Erwin, leben heute verheiratet in Visselhövede. Werner Lange, der mit seiner Frau Ingrit den einsam gelegenen Hof nahe der russischen Grenze nicht aufgeben will: „Ich warte auf den Urenkel.“ Und der knorrige Ostpreuße setzt nach: „So viele Verrückte wie mich gibt es nicht.“

Kreisvertreter Werner Sadowski auf der Heimreise nach Rotenburg: „Ich komme deswegen regelmäßig nach Masuren, weil ich die Landschaft und die Menschen liebe. Außerdem fahre ich regelmäßig in mein Geburtsland, um die verbleibenden deutschen Bewohner finanziell und ideell zu unterstützen. Für die Jugend ist Ostpreußen leider ein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte. Ich kann das nur bedauern. Positiv ist hingegen der Schüleraustausch zwischen dem Ratsgymnasium Rotenburg und dem Lyceum Angerburg.“

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