CORONA UND DIE FOLGEN Zweite Runde im „Adventskranz“

Besinnliche Stunden

Das Märchenbuch liegt bereit und die Rotenburgerin Marita Behrens freut sich auf adventliche Stunden am Telefon.
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Das Märchenbuch liegt bereit und die Rotenburgerin Marita Behrens freut sich auf adventliche Stunden am Telefon.

Zum zweiten Mal plant die Koordinierungsstelle Ehrenamt des Landkreises einen „telefonischen Adventskranz“. Das Projekt soll der Einsamkeit während der Weihnachtszeit entgegenwirken.

Rotenburg – Marita Behrens schaltet eine kleine Lichterkette in einem Teelichtglas auf ihrem Stubentisch an und stellt sich eine dampfende Tasse Kaffee daneben. Dann setzt sie sich auf ihr rotes Sofa, rückt sich gemütlich in den Kissen zurecht und schnappt sich ein Buch mit Weihnachtsmärchen. „Das sind Märchen zum Nachdenken“, erklärt die Rotenburgerin. Aus diesem Buch will sie demnächst Fremden, die aber auf diese Weise zu Bekannten werden, am Telefon etwas vorlesen. Denn Behrens macht mit beim telefonischen Adventskranz, den die Koordinierungsstelle Ehrenamt des Landkreises nach dem gelungenen Start in der vergangenen, Pandemie-geprägten Weihnachtszeit, jetzt zum zweiten Mal veranstaltet.

Jeder, der möchte, kann bei diesem Projekt dabei sein – ganz niederschwellig. Wer seine Telefonnummer an Angelique Kluschinski, die das Ganze gemeinsam mit Sandra Pragmann organisiert, weitergibt, erhält im Gegenzug vier andere Telefonnummern. An jedem der vier Adventssonntage verabredet man sich mit einem der Vier zum Telefonieren. Was dabei gemacht wird, ist jedem selber überlassen: miteinander sprechen und sich kennenlernen, Back- oder Kochrezepte austauschen, kleine Geschichten, Gedichte oder Märchen vorlesen, die Möglichkeiten sind vielfältig. Die Teilnehmer können einfach Zuhörer sein oder sich aktiv als jene beteiligen, die zum Beispiel etwas Vorlesen möchten.

Die Idee ist aus dem Projekt „Stadtteilpartnerschaften“ beziehungsweise dem darin enthaltenen telefonischen Besuchsdienst, dem „Telefonjoker“, entstanden. Nachdem es plötzlich keine Treffen mehr gab, Vereine und Clubs keine Anlaufstellen mehr bieten konnten und persönliche Kontakte auf ein Minimum reduziert waren, kam die Idee auf, Menschen über das Telefon miteinander zu verbinden – gegen die Einsamkeit. Es geht um den gegenseitigen Austausch. Und auch in diesem Jahr wird vieles noch nicht sein wie vor der Pandemie, manche zögern noch, unter Menschen zu sein – und da kommt der Adventskranz ins Spiel.

Über den Telefonjoker hat auch Behrens gute Erfahrungen gemacht und sich daraufhin neben 19 weiteren Interessierten für den Adventskranz gemeldet. „Es war immer fröhlich, wir hatten viel Spaß beim Austausch“, erinnert sie sich an die Telefonate, die gerne mal mehr als eine Stunde dauern. So knüpft man unverbindlich und ganz unkompliziert neue Kontakte – die manchmal auch noch über die Adventszeit hinaus Bestand haben.

Doch eine Sache, die Pragmann und Kluschinski bemerkt haben: Es gibt auch diejenigen, die gerne dabei wären, aber zögern. „Doch wer anfangs gezögert hat, war am Ende begeistert“, weiß Pragmann. „Und man weiß ja nie, wer am anderen Ende ist“, gibt Behrens zu bedenken. Natürlich könne es auch mal sein, dass sich zwei nicht ganz so grün seien oder man schnell merke, dass man sich nicht viel zu sagen habe. Aber das sei alles kein Problem: Man könne jederzeit den Hörer auflegen, betonen Pragmann und Kluschinski. Niemand ist verpflichtet, denn es soll Spaß machen.

Im Hintergrund ziehen Sandra Pragmann (l.) und Angelique Kluschinski die Fäden des Projekts.

Und das macht es, ist Behrens Erfahrung aus vier sehr kurzweiligen Telefonaten. „Ich wünsche mir, dass wir auch die Menschen ansprechen, die Zuhause sind und sich nicht raus trauen“, erklärt sie. Pragmann und Kluschinski betonen, dass gerne mehr junge Menschen und auch Männer das Angebot nutzen könnten – gerade Letztere seien aber nur schwer zu begeistern. Ohnehin sei auffällig, dass sich vor allem die Menschen melden, die ohnehin ehrenamtlich engagiert seien.

Zwar ist es noch immer kein Angebot in Präsenz, was schöner wäre, sind sich die drei Frauen einig. Aber es sei eine Möglichkeit eines offenen Austausches und genau das sei es, was im Landkreis Rotenburg noch fehle. „Wir haben zu wenig Projekte, um Menschen zusammenzubringen – Treffpunkte müsste es mindestens in jeder Verwaltungseinheit geben“, sagt Pragmann. Einfach zusammenkommen, ohne ein Programm. Gerade für Senioren gibt es wenig Möglichkeiten zum schlichten Schnack bei Kaffee und Kuchen. Ein Treffpunkt wäre schön, wünscht sich auch Behrens – „aber es muss barrierefrei sein und möglichst im Mittelpunkt der Stadt“. Statt althergebrachter Altennachmittage, „die die Leute nicht mehr ansprechen“, sagt auch Pragmann. Das Problem: Es fehlt dafür meist an der Finanzierung, dem Mut, neue Wege zu gehen und nicht zuletzt geeigneten gemütlichen Räumen. „Es muss attraktiv sein. Ein schöner Raum und eine Kaffeemaschine reichen schon.“

Deswegen sei das Projekt gestartet, in der Hoffnung, dass sich daraus weitere Dinge entwickeln. „Und so vielleicht andere auf die Idee kommen, etwas in diese Richtung zu machen“, so Pragmann. Kluschinski konnte auf diese Weise zwei Frauen zusammenbringen, die miteinander spazieren gehen und eine „Lese-Oma“, die aus dem benachbarten Altenheim Senioren zu sich einlädt.

Doch mit Corona kam die Pause. Jetzt sei es aber Zeit, wieder Möglichkeiten zu schaffen. Und die Pandemie hat eine weitere Idee auf Eis gelegt, die die Landkreismitarbeiterinnen weiter verfolgen möchten: ältere Menschen ohne Enkel oder Familienanschluss mit Eltern und ihren Kindern zusammenzubringen. Kluschinkski: „Wenn wir grünes Licht bekommen, kann es losgehen.“

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