Besetzung Rotenburgs am 22. April 1945 / Historiker Karsten Müller-Scheeßel blickt 70 Jahre zurück

Blutzoll war viel zu hoch

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Rotenburg kurz nach der Besetzung.

Rotenburg - Von Karsten Müller-Scheeßel. In diesen Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Der Scheeßeler Gemeindearchivar Karsten Müller-Scheeßel erinnert in unserer Zeitung an das Aus der Nazi-Schreckensherrschaft in der Region. Im dritten und letzten Teil berichtet er über das Kriegsende in Rotenburg.

Ich, der Verfasser dieses Artikels (Jahrgang 1939), bin seit Sommer 1945 auf der Domäne Luhne aufgewachsen. Schlimm sah es dort wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zum Fliegerhorst aus, denn was bei den zahllosen Angriffen auf diesen daneben ging, traf in vielen Fällen die Domäne. Ein großer Bombentrichter im Garten vor der Terrasse des Wohnhauses; Pappe in zahlreichen Fenstern der Gartenseite, die durch die Detonationswelle einer Bombe zerstört wurden; Brandschäden an Kuh-, Schweine- und Pferdeställen und weiteren Gebäuden; Bombentrichter im angrenzenden Luhner Wald Richtung Borchel und am Waldrand hinter dem Haupthaus zahlreiche Flak-Geschütze und Scheinwerfer, mit denen man feindliche Flieger zu erfassen gesucht hatte. So hatte Luhne die Nachbarschaft zum Fliegerhorst arg in Mitleidenschaft gezogen. Ein Glück, dass dabei kein Menschenleben zu beklagen war. Der massive Bunker, in dem die Menschen Schutz suchten und der direkt neben dem Wohnhaus war, steht heute noch. Das nur fünf Kilometer entfernte Rotenburg kam, was Zerstörungen anbetrifft, glimpflicher weg, der Blutzoll war jedoch auch hier, so kurz vor Ende des Krieges, viel zu hoch.

Wie sah die militärische Lage am 21. und 22. April aus? In einer Linie von Rotenburg über Zeven und Harsefeld bis nach Horneburg hatte die 15. Panzer-Grenadier-Division unter Generalleutnant Eberhardt Rodt eine Verteidigungslinie eingenommen. Rotenburg zu verteidigen, schien Rodt nicht besonders wichtig, sodass hier nur noch schlecht ausgebildete, zahlenmäßig schwache deutsche Einheiten standen, die dazu nur über Handfeuerwaffen und einige feste Flak-Geschütze verfügten. Die deutschen Einheiten bestanden aus Resten der bei Visselhövede am 19. April geschlagenen 2. Marine-Infanterie-Division, einem Sammel-Bataillon aus Soldaten des Fliegerhorstes sowie einem Bataillon des 490. Grenadier-Regiments, das im Wesentlichen aus Hitler-Jungen bestand.

Anders als Rodt war der bisherige Fliegerhorst- und spätere Kampfkommandant Rotenburgs, Oberst Alfred Schuster, der Ansicht, dass Rotenburg bis zur letzten Patrone verteidigt werden müsste. Bevor die Stadt jedoch angegriffen wurde, kam es nördlich von ihr, zwischen Elsdorf und Wistedt, am 21. April zu heftigen Kämpfen. An diesem Tag versuchte man gleichzeitig, Rotenburg und die es verteidigenden Truppen zur kampflosen Übergabe der Stadt zu bewegen. Flugblätter wurden abgeworfen: „Der Krieg ist für Deutschland verloren, und weiterer Widerstand sinnlos.“ Repräsentanten wurden angekündigt, die die Kapitulation der Stadt erklären sollten. „Diese sollen auf der Hauptstraße nach Scheeßel, nicht vor sieben und nicht nach acht Uhr morgens, am 22. April, und mit einer weißen Fahne kommen… Nur auf diese Art kann Rotenburg weiteres Elend erspart bleiben.“ Es gab weder eine Antwort, noch traf ein Repräsentant ein.

So nahm das Unheil seinen Lauf, das insgesamt 80 deutschen Soldaten in und um Rotenburg das Leben kosten sollte. Im Lazarett an der Lindenstraße verstarben weitere 34 Verwundete. Ab 9.30 Uhr griffen das 5. Regiment der Panzer-Garde-Division von Scheeßel, die 32. und 71. Brigade der gleichen Division von Brockel und Visselhövede und ein Aufklärungs-Regiment von Unterstedt her Rotenburg an. Allein bei Unterstedt fielen zehn deutsche Soldaten. In Rotenburg selbst war der Widerstand aus britischer Sicht trotz der zahlreichen Toten auf deutscher Seite gering. Auch schien der deutsche Widerstand nach Augenzeugenberichten schlecht organisiert gewesen zu sein. Während die Wümmebrücke gesprengt wurde, gelang es dem britischen Leutnant Dick mit einem Spähtruppunternehmen, die Zerstörung der Eisenbahnbrücke gerade noch zu verhindern – nicht unwichtig für den Verkehr in der Nachkriegszeit. Die große Mehrheit der deutschen Soldaten gab den aussichtslosen Kampf schnell auf und ging in Gefangenschaft. Unter den Gefangenen war auch Kampfkommandant Oberst Alfred Schuster, der in ein Sammellager nach Scheeßel abtransportiert wurde. In einem Eisenbahnwagen diktierte er einem seiner Offiziere eine Erklärung, unterzeichnete sie, stürzte sich aus dem Wagen und fand dabei den Tod. Er war wohl zutiefst enttäuscht, dass seine Soldaten sich nicht bis zur letzten Patrone verteidigt hatten. Wie für Zehntausende andere Deutsche – Nazi-Funktionäre, hohe Offiziere und ganz „normale“ – war für ihn eine Welt zusammengebrochen, und der Freitod schien der einzig mögliche Ausweg.

Leider sind die Dokumente über Schusters Befehle, sein Handeln und auch seine in Scheeßel niedergeschriebene Erklärung verloren gegangen, sodass wir die Vorgänge vom 22. April in Rotenburg nicht mehr in allen Einzelheiten rekonstruieren können.

Neben den eigenen Erinnerungen stützt sich dieser Artikel auf Ulrich Saft, Krieg in der Heimat – Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, Langenhagen ³1990. Das Bild (S. 426) ist gleichfalls diesem Buch entnommen.

(Literaturhinweis zur Selbstmordwelle am Ende des 2. Weltkriegs: Florian Huber, Kind versprich mir, dass du dich erschießt – Der Untergang der kleinen Leute 1945, Berlin 2015)

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