Bertha Hirchert vom Wochenmarkt hängt ihre Schürze an den Haken

„Irgendwie wurde es Zeit für mich, aufzuhören“

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Seit 1958 bedient Bertha Hirchert zweimal in der Woche immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht die Kunden auf dem Rotenburger Wochenmarkt.

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Die Stammkunden wollten es gar nicht glauben: „Ihre“ Bertha wird künftig nicht mehr auf dem Rotenburger Wochenmarkt stehen. „Nach 58 Jahren wurde es irgendwie Zeit für mich, aufzuhören“, sagt die 92-Jährige an ihrem letzten Arbeitstag, an dem sie noch einmal auf dem Wochenmarkt vor dem Rathaus Gemüse und Kartoffeln verkauft. Die meisten Kunden duzen Bertha – kennen aber nicht einmal ihren Nachnamen. Im Laufe der Jahre hat sich ein herzliches Verhältnis zwischen der Verkäuferin Bertha Hirchert und den Stammkunden entwickelt.

Ist diese wunderbare Zeit nun ganz und gar vorbei? Weit gefehlt! Wer Bertha kennt, der weiß, dass sie ihren Job mit ganzem Herzen gemacht hat. „Da kann ich nicht einfach vom Wochenmarkt wegbleiben“, sagt sie. Aber sie werde in Zukunft auf der anderen Seite des Verkaufsstandes stehen, um bei ihrem ehemaligen Chef Jens Meyer einzukaufen und mit einigen Besuchern, die sie jahrelang kennt, einen Klönschnack, auch auf Platt, halten. Mit dieser Sprache ist sie aufgewachsen.

Gerne erinnert sich die fitte Seniorin noch daran, wie alles begann. „Geboren und aufgewachsen bin ich in Kirchwalsede“, blickt sie zurück. Während des Zweiten Weltkriegs hat sie als Kindermädchen gearbeitet und bei der Familie Albert Müller, die eine Gärtnerei im Dorf betrieb, gewohnt. „Dort habe ich oft geholfen“, erklärt Bertha. „Seit 1958 bin ich dann mit Albert Müller während der Pflanzsaison mit zum Rotenburger Wochenmarkt gefahren“, erinnert sie sich. Irgendwann ist sie dann aber vom Blumenverkauf auf Obst und Gemüse umgestiegen.

Der Betreiber des Gemüsestands, Manfred Schulz, sei auf dem Markt auf sie aufmerksam geworden. Er hat sie angeworben. 1991 haben Jens und Heike Meyer aus Bardowick diesen Gemüsestand samt Personal schließlich übernommen. Auch für ihren neuen Chef stand sie an den Markttagen von 6 bis 13 Uhr als Mitarbeiterin zur Verfügung. „Bertha hat sich im Laufe der Jahre zu einer wahren Kartoffelexpertin entwickelt. Ob festkochende oder mehlige Sorten, sie hat ihre Kunden immer bestens beraten“, lobt Meyer und nennt gleich Berthas herausragenden Eigenschaften: Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Kritikfähigkeit.

„Wir haben all die Jahre ein tolles Verhältnis zu ihr gehabt“, so die Chefin Heike Meyer. Bertha habe nie viel von dem „modernen Kram“ wie Rechenmaschinen gehalten. Bis zuletzt hat sie mit Block und Bleistift gearbeitet und die Zahlen im Kopf zusammengezählt. „Meistens hat die Summe auch gestimmt“, gibt sie lächelnd zu, auch schon einmal einen Fehler gemacht zu haben.

„Früher kamen mehr Menschen auf den Markt als heute“, bedauert sie den Rückgang an Kunden. Der Markt war gleichzeitig sozialer Treffpunkt. Dort wurden Neuigkeiten und Gerüchte ausgetauscht. Das sei heute anders. Viele junge Menschen lieben den schnellen Einkauf. Da bleibe das Persönliche leider auf der Strecke.

Bertha hat auf jeden Fall vor, den Markt noch viele Jahre zu besuchen. Ein „Wochenmarktfahrrad mit Einkaufskorb“ hat sie sich auch schon angeschafft, erzählt sie. „Mir fällt das Laufen mit meinen 92 Jahren manchmal etwas schwer, aber das Fahrradfahren geht immer noch wie in jungen Jahren“, so Bertha mit einem Lächeln. Sie habe noch im Alter von 70 Jahren große Fahrradtouren unternommen und trete noch heute kräftig in die Pedalen.

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