Berliner Kostümhistorikerin Gundula Wolter referiert am Donnerstag im Rathaus

Hose statt Rock – Die Emanzipation der Mode

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Frau in Hose – dieser Anblick ist heute nicht mehr irritierend. Nur die Perspektive sorgt für ein kleines Staunen.

Rotenburg - Von Jessica Ginter. Brigitte Borchers trägt am Donnerstag „etwas Ausgefallenes“. Vielleicht sogar einen Rock! Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt hat Gundula Wolter ins Rotenburger Rathaus eingeladen. Die Berlinerin ist Mode- und Kostümhistorikerin und wird über das reden, was auch Borchers beschäftigt: Rock oder Hose. „Lieber sterb‘ ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen...“ ist der Titel der Veranstaltung, die um 20 Uhr im Ratssaal beginnt. Thema: die Frauenhose.

Wolter spricht in dem bebilderten Vortrag über die schrittweise Etablierung des weiblichen Beinkleides in der Kleidung und ob dies auch als Zeichen für eine Auflösung der Geschlechterpolarität gewertet werden könne. Für Rotenburgs Gleichstellungsbeauftragte hochspannend: Sie selbst interessiere sich sehr für die Auseinandersetzung mit Mode. Deshalb sei sie während einer Hamburger Modeausstellung und durch die Bücher der Modeexpertin- und Autorin auf Wolters Ansicht und Wissen aufmerksam geworden. „Warum zieht man sich so an, wie man sich anzieht?“, fragt sich Borchers und empfindet Mode als ein „kulturelles Highlight“. Die Erfahrungen, die sie mit Wolters Büchern gemacht habe, wolle Borchers auch an die Rotenburger Öffentlichkeit weitergeben.

Neben kleider- und modehistorischen Skizzierungen baut die Berlinerin in ihrer Präsentation auf die Themen auf, über die sie auch in ihren Büchern schreibt: Das heute scheinbar so selbstverständliche weibliche „Recht auf Hosen“ ist erst jüngsten Datums. Es ist das Ergebnis eines Jahrhunderte währenden Kampfes um die Hose, bei dem Frauen aus den unterschiedlichsten Motiven heraus Männern das von ihnen seit dem Spätmittelalter reklamierte Hosenprivileg streitig machten. Bei der allmählichen Übernahme von Hosen ging es um wesentlich mehr als um eine der üblichen modebedingten Veränderungen im weiblichen Kleiderverhalten. Tatsächlich zeigte sich hierin das Bestreben nach einer Neuordnung des Geschlechterverhältnisses – ein Hintergrund, der die oftmals heftigen öffentlichen Reaktionen erklärt, mit denen hosentragende Frauen in der Vergangenheit konfrontiert waren.

Eine gehörige Portion Zivilcourage bewies nach Wolters Recherchen beispielsweise Amelie Bloomer, amerikanische Frauenrechtlerin der ersten Stunde, die Mitte des 19. Jahrhunderts eine radikale Reformierung der Frauenkleidung anstrebte. Das von ihr und ihren Mitstreiterinnen getragene „neue Kostüm“, bestehend aus knielangem Kleid und türkischen Hosen, wurde von der Mehrheit ihrer Zeitgenossen als Kampfansage an das männliche Geschlecht interpretiert und entsprechend vehement zurückgewiesen.

Noch in den 1960er Jahren verweigerten einige Schulen, Restaurants und Büros Frauen in Hosen den Zutritt. Frauenhosen wurden nicht selten als Verstoß gegen Sitte und Anstand gewertet, und selbst heute wird das Kleidungsstück nicht immer als passend empfunden, so Wolter. Mit der schrittweisen Etablierung des weiblichen Beinkleides als Gesellschafts-, Sport-, Berufs- und Alltagskleidung endete eine Tradition, in der sich Männer prinzipiell durch Hosen und Frauen durch Röcke kennzeichneten. Der Vortrag im Ratssaal hält die Antwort für die Frage, ob nun diese kleidersprachliche Annäherung der Geschlechter auch als Zeichen für eine Auflösung der Geschlechterpolarität gewertet werden kann, bereit, versprechen Wolter und Borchers.

Als Modeexpertin und Autorin lehrte Wolter von 1994 bis 2008 als Gastprofessorin an der Hochschule der Künste Berlin und 2007 bis 2008 an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee. Seitdem ist sie freiberuflich tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Europäische Kleidungs- und Kulturgeschichte der Hose sowie die Sprache der Kleider und die Mode in der Karikatur. Zudem ist sie die erste Vorsitzende des Netzwerkes „mode textil“. Außerdem nimmt Wolter an fachbezogenen Rundfunk- und Fernsehsendungen teil.

Der Eintritt für den Vortrag beträgt 2,50 Euro.

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