Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Cohn-Scheune

Beitrag zur Aufarbeitung

Die Jubiläumsreden und der Auftritt des Ensembles „goraSon“ wurden auf der Wiese der Stadtkirche unter strenger Einhaltung der Corona-Auflagen abgehalten.
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Die Jubiläumsreden und der Auftritt des Ensembles „goraSon“ wurden auf der Wiese der Stadtkirche unter strenger Einhaltung der Corona-Auflagen abgehalten.

Rotenburg – Manchmal fügt sich alles zum Guten – das gilt nicht nur für den ursprünglich zur Ausstellungseröffnung „Kindertransporte“ im Frühjahr geplanten Vortrags, der ausgefallen war und nun am Samstag einen würdigen Beitrag zum zehnjährigen Bestehen der Cohn-Scheune auf der Wiese der Stadtkirche bildete. Sondern auch für die Gründung der Erinnerungs- und Bildungsstätte selbst. „Auf eine Anfrage 1985, ob eine Gedenktafel am ehemaligen Cohn-Geschäftshaus möglich sei, hieß es aus dem Stadtrat: ‚Von einer Verfolgung ist hier nichts bekannt‘“, erinnerte die Cohn-Enkelin Edith Meinhardt.

Gerade zum Ehrenmitglied des Vereins gekürt, sprach sie für ihre 101-jährige Mutter: „Früher wollte sie nie wieder einen Fuß nach Rotenburg setzen – anlässlich einer Rede an ihrem 90. Geburtstag meinte sie: ‚Ich wusste gar nicht, wie viele Freunde ich hier habe.‘“ Zwischen diesen beiden Aussagen habe ein langer Weg gelegen. Einer, der – das wurde in den diversen Grußworten deutlich – entscheidend von den Ehrenamtlern geprägt wurde, die mit dem Wiederaufbau einer der letzten Schmuckstücke dieser Art in unmittelbarer Nähe des ursprünglichen Standorts nicht nur „einen Beitrag zur Aufarbeitung verdrängter jüdischer Geschichte in unserer Region leisten, sondern auch eine Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Überzeugungen und Glaubensrichtung anregen“, wie Inge Hansen-Schaberg erläuterte.

Die dritte Vorstandsvorsitzende nach Bodo Lemme und Michael Schwekendiek zeichnete vor rund 70 Gästen die Entwicklung einer Institution nach, die gerade mit ihrem lokalen Bezug und lebensgeschichtlichen Ansätzen junge Leute zur Projektarbeit einlädt und dank ihres Konzepts eine jüngste Erweiterung um die Lebenswege der Cohn-Familie nach 1945 zuließ. Dass sich die Beziehung zwischen Juden und Deutschen nicht auf die zwölf Jahre des Holocausts reduziert, betonte Landrat Herrmann Luttmann (CDU). Natürlich stehe dieses beschämende Kapitel an erster Stelle, Antisemitismus habe es aber schon bei Luther, und nicht nur in Deutschland, und in Anspielung auf den jüngsten Polizeiskandal: „Bei allen Unbelehrbaren: Er gehört nicht in staatliche Institutionen!“

Ganz im Zeichen internationaler Zusammenhänge stand der Vortrag von Andrea Hammel von der walisischen Universität Aberystwyth zum Thema Kindertransporte. Die drei Litfaßsäulen mit den Schicksalen einiger jüdischer Kinder, die im Vereinigten Königreich ein neues Zuhause fanden, hatten laut Stadtkirche-Pastorin Amelie Lißner den Platz in den vergangenen Monaten aufgewertet: „Wie gut, dass zu Zeiten des Lockdowns hier Hoffnungsgeschichten lesbar waren – und wie gut, dass es hier Menschen gibt, die wachsam bleiben und trotz antisemitischer Strömungen Gedenken aufrecht erhalten.“

Die Sorge der Rotenburger Initiatoren, die Open-Air-Ausstellung könne Vandalismus zum Opfer fallen, sollte sich nicht bewahrheiten. „Komisch, diese Befürchtung hatten wir auch am Bahnhof Friedrichsberg, aber dort wie hier scheint die Aufklärungsarbeit sich gelohnt zu haben“, so Hammel. In ihrem Vortrag brach sie ihre Forschungsfeld der innerhalb von zehn Monaten zwischen 1938 und 1939 geretteten rund 10 000 jüdischen Kinder auf Einzelschicksale herunter. Klar wurde aber auch, dass sich ein umfassendes Bild nur aus binationaler Sicht ergibt. Die Zeit der nationalen Gedenkstätten sei vorbei, „es braucht lokale Erinnerungsorte – die Cohn-Scheune trägt dazu bei“.

Dem Dank an die vielen zumeist ehrenamtlichen Aktiven, aber auch Sponsoren, schlossen sich alle Redner an. Bürgermeister Andreas Weber (SPD) lobte außerdem die Unterstützung durch das Stadtarchiv Rotenburg, das Staatsarchiv Stade, das Ehepaar Haase und Manfred Wichmann für seine „beispielgebende Arbeit“. „Wir sind stolz auf den Förderverein – denn ohne die Erinnerung haben wir keine Zukunft“, betonte der Rathauschef. Stimmig und eindrucksvoll untermalt wurde das Programm vom Trio „goraSon“ mit Klezmer-Stücken und Werken jüdischer Komponisten an Akkordeon, Fiddel, und Kontrabass.  hey

Die Vorsitzende des Fördervereins Cohn-Scheune Inge Hansen-Schaberg (l.) und die Referentin über Kindertransporte Andrea Hammel kennen sich über gemeinsame Forschung zum Thema.

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