1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Schwere Hebearbeiten im Windpark bei Rotenburg

Erstellt:

Von: Andreas Schultz

Kommentare

Windenergieanlagen am Horizont. Neben einer unfertigen steht ein Kran.
Ein Windpark im Werden: Neben dem unfertigen Turm ragt der Kran in die Höhe. © Schultz

Zwischen Rotenburg und Wohlsdorf wächst derzeit ein „Spargel“ nach dem anderen: Gemeint sind die acht Windenergieanlagen, die dort aktuell mithilfe von großem Werkzeug entstehen – unter anderem ein etwa 180 Meter hoher Kran. Wir haben bei den Arbeiten zu geschaut.

Rotenburg/Wohlsdorf – Florian Massante wirkt gestresst. Die fertige Elektronik innerhalb der neuen Windenergieanlagen wird gerade mit neuer Software bespielt, außerdem kommt später noch der Kabelbauer. Das alles und mehr hält den Geschäftsführer der Reon AG derzeit mächtig auf Trab. Sie lässt aktuell zusammen mit der Beteiligungsgesellschaft „CapCerta“ acht der „Spargel“ im Grenzgebiet zwischen Wohlsdorf und Rotenburg bauen.

Da bewegt sich was zwischen den hoch gewachsenen, grünen Maisfeldern. Die Baufirma ist gerade dabei, sich auf das Einsetzen eines Triebstrangs vorzubereiten – mit 120 Tonnen das schwerste Teil einer solchen Anlage. Das enorme Getriebe, dessen verbaute Generatoren später den Strom erzeugen werden, flößt Respekt ein; ebenso der enorme Aufwand, das Gerät ins Maschinenhaus auf der Spitze des Betonschafts zu schaffen. 165 Meter ist dieser hoch, noch etwas mächtiger ist der Kran mit seinen rund 180 Metern.

Ein Kran neben einer unfertigen Windenergieanlage. An dem Kran hängt ein Triebstrang
Der Kran ist etwas höher als der Turm mit seinem Maschinenhaus. In Höhe der Mitte hängt der Triebstrang. © Schultz

Entsprechend zögerlich wirken die Arbeiter, die in Helm, Jacken in Signalfarben und mit Sicherheitsschuhen am Boden neben dem Getriebekoloss stehen. „Man kann die Anspannung vor solchen Hebetätigkeiten hier förmlich spüren. Alle müssen fit sein, konzentriert sein, der Wind muss stimmen. Für die ist das eigentlich Tagesgeschäft – und doch sind alle ganz aufgeregt“, beobachtet Massante. Bis es endlich losgehen kann, geht noch fast eine Stunde ins Land. Mittags ist der Wind zu stark, um „das Geschoss“, wie sein Geschäftspartner Dirk Trochelmann von der Windpark Wohlsdorf GbR es nennt, risikoarm in die Höhe zu bekommen.

Einer, der die Windstärke immer im Blick hat, ist Stephan Kloss. Der 51-jährige steuert seit 25 Jahren Autokrane und hat es auch beim Einsetzen des Triebstrangs in der Hand, dass alles glatt läuft. „Das ist mit einer der größten Krane der Welt“, sagt er stolz, während er zwischen Knöpfen und Anzeigen in der Hightech-Kabine sitzt. 1 000 Tonnen würde der blaue Koloss wiegen. „Klar, es gibt auch ein paar größere, aber wir sind schon gut mit dabei“. Körperlich seien die rund zehn Stunden in der Kabine für ihn nicht anstrengend – „aber vom Kopf her ist das schon was anderes. Gerade bei so einem 120-Tonnen-Hub braucht es Konzentration und Feingefühl“, sagt er.

Kranfahrer Stephan Kloss in der Krankabine
Kranfahrer Stephan Kloss ist in seinem Element. © Schultz

Obwohl der Kran mit etlichen Kameras ausgestattet ist, die Bilder in die Kabine liefern, lenkt Kloss nicht auf Sicht; er reagiert auf Anweisungen, die per Funk in seine kleine, klimatisierte Welt vordringen. Der Hub ist nämlich ein großes Teamprojekt: Während Kloss sich drinnen an den Bedienelementen abarbeitet, haben draußen etliche Kollegen das Transportteil im Blick. Zwei von ihnen sorgen mithilfe von Stahlseilen dafür, dass es im noch leicht wehenden Wind stabil in der gewünschten Ausrichtung bleibt.

Rund zwei Wochen dauert der Aufbau eines Turms. Die Vorbereitungen wie Kabel ziehen, Baustraßen herstellen dauerten etwas über ein Jahr. „Trotz des Wetters sind wir noch gut im Zeitplan“, sagt Massante. Wenn es dabei bleibt, sind die Anlagen in rund zwei Monaten fertig. Dem fiebern die künftigen Betreiber entgegen – immerhin hat es bis zum Baubeginn neun Jahre Planungszeit gebraucht. Für einen flotten Fortgang packen insgesamt 80 Hände fleißig mit an: 40 Mitarbeiter und Experten aus Dänemark, den Niederlanden, Rumänien und Schweden sorgen auf dem weitläufigen Gelände dafür, dass ein Rädchen ins andere greift. „Das sind ganz schön viele. Aber die sieht man auch nur selten alle auf einmal“, sagt der Wirtschaftsingenieur Massante und lacht.

Florian Massante neben einem der Rotorblätter.
Florian Massante neben einem der Rotorblätter. © Schultz

Wen er aber beim Gang über das Gelände trifft, ist der Sicherheitsbeauftragte. Der Bauherr hat gerade noch Zeit, zu erklären, wie die vielen gespannten Litzen im Inneren den Bau zusammenhalten, wie die unzähligen Anker ihnen und den Betonschalen halt geben – da kommt der Fachmann für Arbeitssicherheit und macht eine freundliche, aber klare Ansage. Von der Tour in diesem gerade sensiblen Bereich hält der Mann nicht viel. „It’s not a good idea to be here“, es sei keine gute Idee hier zu sein, gibt er zu verstehen. Die deutlichen Worte hallen von den Betonwänden wider; von oben kann man die Stimmen der Männer erahnen, die alsbald das 120-Tonnen-Gerät in Empfang nehmen. „Die Sicherheit ist hier sehr streng“, sagt Massante. Aber besser verletzungsfrei aus dem Turm geschmissen werden, als ein durch Leichtsinnigkeit verursachter Unfall.

Blick ins Innere einer fertigen Windkraftanlage
Blick ins Innere einer fertigen Anlage. Die gespannten Litzen geben dem Turm seine Stabilität. © Schultz

120 Millionen Kilowattstunden wird der Windpark pro Jahr nach seiner Fertigstellung produzieren. Heißt: Jede Anlage wirft 15 Millionen Kilowattstunden aus, kann also bei einem Durchschnittsverbrauch von 4 000 Kilowattstunden pro Haushalt in etwa 3 700 Haushalte versorgen. So rechnet es Massante vor. Und was tun bei Spitzen, die eine Überproduktion verursachen? Das Team hinter dem Windpark überlegt noch: Entweder die Energie zur Produktion von Wasserstoff verwenden oder am eigens für die Anlage errichteten Umspannwerk bei Bartelsdorf in Batterien speichern.

Der Triebstrang läuft vorsichtig seitlich in das Gerätehaus ein, zwei Mitarbeiter nehmen ihn sachte in Empfang, dann kommt es zur Ablage. Am Ende dieses Tages wird auch von Stephan Kloss eine Last abfallen. „Er weiß, dass alles von ihm abhängt“, sagt Massante. Der Druck, der auf dem Kranfahrer lastet, ist hoch – und ein paar Mal muss er noch ran, zwischen den Maisfeldern bei Wohlsdorf.

Auch interessant

Kommentare