Behörden fordern nach erhöhten Krebszahlen in Rotenburg sachliche Debatte

„Außerordentlich besorgniserregend“

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Wie gefährlich sind Erdgasförderung, Fracking und Abfackelungen wirklich? Diese Debatte dürfte nun noch weiter aufflammen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es ist die befürchtete schlechte Nachricht, die die Debatte um die Gefahr durch die Erdgasförderung in der Region trotz aller Mahnungen zu einer sachlichen Diskussion befeuern dürfte. Nicht nur in der Samtgemeinde Bothel, auch in Rotenburg ist die Zahl der an Blutkrebs erkrankten, älteren Männer auffällig hoch. Ein Zufall wird ausgeschlossen. Es muss Gründe für die Zahlen geben. Doch die sind weiter unklar.

„Es wäre fahrlässig, jetzt in eine bestimmte Richtung zu denken“, sagte Landrat Hermann Luttmann (CDU) am Montagmittag während der Pressekonferenz im Kreishaus. Und auch Bürgermeister Andreas Weber (SPD) wies in einer ersten Reaktion aus dem Urlaub darauf hin, dass „Spekulationen unangebracht“ seien. Es gelte, betonten beide Verwaltungschefs, nun schnell die Gründe für die statistische Auffälligkeit zu finden.

Die, das wurde gestern bereits deutlich, dürften in Bothel und Rotenburg die gleichen sein. „Bothel scheint dabei das Zentrum zu sein“, sagte Umweltepidemiologie Michael Hoopmann vom Landesgesundheitsamt. Das Ergebnis, wie es nun vorliege, sei aber wie nach der ersten Untersuchung im September nur rein deskriptiv. Frank Stümpel, Leiter des Gesundheitsamtes in Rotenburg, unterstrich, dass es einen gemeinsamen Herd geben müsse, jedoch: „Momentan gibt es keine Hinweise auf die Ursache in irgendeine Richtung.“ Diese erwarte das Gesundheitsamt erst durch die Befragung der Bevölkerung in Bothel. 5000 von 7000 ausgegebenen Fragebögen würden bis zum Spätherbst ausgewertet. Ob man eine ähnlich umfangreiche Befragung auch in der dreimal größeren Bevölkerung in Rotenburg durchführen könne, sei fraglich.

Stümpel: „Wir nehmen aber Kontakt auf mit allen, die ins typische Erkrankungsmuster passen.“ Schwierig werde die Recherche durch die lange Expositionszeit der Krankheit – Auslöser könnten durchaus 30 Jahre zurückliegen. Es werde nach Gemeinsamkeiten in den Lebensläufen gesucht, die Hinweise auf Ursachen geben könnten. Insgesamt seien die Zahlen „außerordentlich besorgniserregend“. Um noch tiefer einzusteigen, sei aber personelle Unterstützung aus Hannover nötig. Landrat Luttmann: „Unsere Kapazitäten sind erschöpft.“

Die Kritiker der Erdgas- und Erdöl-Förderung in der Region werfen mittlerweile ihre Zurückhaltung über Bord. Kathrin Otte vom „Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke“ (Genuk) sagte nach Bekanntwerden der Zahlen, dass sich die Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Erdgasförderung verdichteten. Das Multiple Myelom sei eine Plasmazell-Erkrankung mit jahrzehntelanger Latenzzeit, dessen mögliche Ursache in der Fachliteratur mit Schadstoffbelastungen in Zusammenhang gebracht werde. Die dort diskutierten chemischen Auslöser-Schadstoffe seien weitgehend identisch mit den in der Öl- und Gasförderung vorkommenden Emissionen und Immissionen. Sehr häufig werde Benzol genannt, auch Dioxine und bestimmte Pestizide könnten Auslöser sein. Otte betonte, es sei eben nicht alles im Griff wie von der Politik behauptet, sondern es müsse, wenigstens bis zum Abschluss einer genauen Gefährdungsanalyse durch das Land, Fracking ausgesetzt werden. „Wir können nicht riskieren, dass noch mehr Menschen erkranken.“ Es lasse sich nicht mehr behaupten, die Gasförderung als Ursache der Krebserkrankungen sei ganz und gar ausgeschlossen. Ähnlich äußerte sich die Landtagsabgeordnete Elke Twesten. Die Grünen-Politikerin aus Scheeßel forderte ebenfalls ein Fracking-Moratorium für die gesamte Region Rotenburg, Verden und dem Heidekreis: „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bevölkerung einem offenbar hohen gesundheitlichen Risiko durch Benzol sowie durch Quecksilber ausgesetzt war und ist, und bestätigen die Befürchtungen, dass ein Zusammenhang mit der Erdgasförderung nicht ausgeschlossen werden kann.“ Angesichts dessen dürfe der jetzige Fracking-Gesetzesentwurf den Bundestag nicht passieren.

Der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil (SPD) hat wegen der Zahlen Kontakt zu Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) aufgenommen. Klingbeil habe „erneut den Vorschlag gemacht, die Untersuchungen parallel zu den weiteren Befragungen vor Ort bundesweit auszuweiten“. Nach den Ergebnissen aus Bothel habe er dies noch als verfrüht abgelehnt.

Der Bericht des Epidemiologischen Krebsregisters

Die neue Auswertung der Fallzahlen im Krebsregister wurde im März gemeinsam vom Landkreis Rotenburg und dem Heidekreis beim Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) beantragt. Auslöser war die im September belegte Erhöhung von Leukämien und Lymphomen bei Männern in der Samtgemeinde Bothel in den Diagnosejahren 2003 bis 2012. Das EKN hat entsprechend der Anfrage die Häufigkeit für hämatologische Krebsneuerkrankungen bei Männern in den sieben Nachbargemeinden Bothels untersucht.

Die Kommunen wurden gemäß der Anfrage zu drei Regionen zusammengefasst ausgewertet, um die Daten auf der Basis der geringen Fallzahlen aussagekräftiger zu machen. Für die Region A (Sottrum, Langwedel und Kirchlinteln) und die Region B (Visselhövede, Scheeßel und Neuenkirchen) hat sich keine statistische Auffälligkeit ergeben – obwohl zum Beispiel auch in Sottrum 34 erwarteten Neuerkrankungen 42 gemeldete gegenüberstehen. In der Region B (Stadt Rotenburg) ist dagegen die Anzahl der hämatologischen Krebsneuerkrankungen bei Männern für den Zeitraum 2003 bis 2012 statistisch deutlich erhöht. Bei rund 55 erwarteten Fällen wurden 72 Erkrankungen beobachtet, dies entspricht einer Erhöhung um 31 Prozent.

Eine weitere Analyse der Diagnoseuntergruppen der hämatologischen Krebserkrankungen bei Männern in der Stadt Rotenburg ergab, dass insbesondere für das Multiple Myelom mehr Fälle aufgetreten sind als erwartet. Neun erwarteten Erkrankungen stehen dabei 23 beobachteten gegenüber – der Schwerpunkt der Auffälligkeiten liegt dabei in der Gruppe ab 60 Jahren. Diese Auffälligkeit gab es auch in Bothel. Bei den Frauen stehen 53 Neuerkrankungen 49 erwarteten Fällen gegenüber – keine statistische Auffälligkeit. Die Zahl der erwarteten Neuerkrankungen gründet sich auf die Gesamtrate im Bezirk Lüneburg.

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